Antidepressiva in Deutschland – Anstieg um 745 Prozent
Ein Beitrag von Dr. Peter Ansari
Im Jahr 2020 wurden in Deutschland 1682 Millionen Tagesdosen Antidepressiva verschrieben. Das sind 754 Prozent mehr als im Jahr 1991.[1] Im Vergleich zum Vorjahr ergibt sich ein Plus von 4 Prozent. Seit 2007 hat sich der Verbrauch von Antidepressiva verdoppelt.
- Immer mehr Menschen sind von Antidepressiva abhängig.
- Immer mehr Menschen versuchen, von den Medikamenten loszukommen.
- Immer mehr Menschen berichten von entsetzlichen Absetzsymptomen.
- Immer mehr Menschen bemerken die verzögerte Entzugssymptomatik.
Die verzögerte Entzugssymptomatik: Zuerst geht es ganz gut ohne Medikamente. Doch mehrere Wochen nach der letzten Tablette beginnen schlagartig sehr heftige körperliche Symptome, die einen absoluten psychischen Ausnahmezustand hervorrufen, der nicht enden will. Darauf folgt Verzweiflung (der Depressionskreislauf).

Sehr viele Menschen befinden sich im Entzug und brauchen Hilfe! Welche Hilfsangebote gibt es auf der medizinischen Seite?
- Nach wie vor gibt es keine Hilfsangebote für Menschen im Antidepressiva-Entzug. Stattdessen wird den Patienten oft gesagt: „Bei Ihnen ist eine Rebound-Depression entstanden. Da helfen Antidepressiva.“
- Es gibt keine Abrechnungsziffer, mit der ein Arzt oder Psychotherapeut seine therapeutische Hilfe im Antidepressiva-Entzug mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen kann. Für den Patienten bedeutet das: Was nicht abgerechnet werden kann, das gibt es nicht.
- Es gibt auch keine Warnungen für Menschen, die nach langem Konsum Antidepressiva absetzen möchten. „Das können Sie einfach weglassen“, lautet noch immer der Ratschlag vieler Experten.
Die Folge: Leidende Patienten werden weggeschickt oder sollen ihre Medikamente wieder einnehmen. Im Vergleich mit drogensüchtigen oder alkoholkranken Patienten zeigt sich eine bedrückende Ungleichbehandlung: Für alkoholkranke, heroinsüchtige oder von Beruhigungsmitteln oder Online-Casinos abhängige Menschen gibt es von den gesetzlichen Krankenkassen zahlreiche therapeutische Angebote oder Entzugskuren. Alle Menschen, die Hilfe und Unterstützung für ihren Antidepressiva-Entzug benötigen, gehen leer aus.
Ganz erstaunlich: Noch immer behaupten Experten, die jährlich steil wachsende Zunahme der Verordnungszahlen wäre kein Hinweis auf die Zunahme körperlich abhängiger Antidepressiva-Konsumenten – sondern zeige an, dass noch immer zu wenige Menschen mit Antidepressiva versorgt würden.
Und überhaupt dürfe man nichts Negatives über Antidepressiva schreiben, weil das ja immer nur nützliche Medikamente seien. Die ketzerische Frage: Wo wurde denn bitteschön einmal wissenschaftlich geprüft, welche positive Wirkung Antidepressiva nach fünf Jahren noch haben? Diese Frage darf natürlich niemand stellen. Noch einfacher wäre es, die Patienten selbst zu fragen: Wie geht es euch mit der täglichen Tablette, die ihr schon seit fünf oder zehn Jahren einnehmt? Nehmt ihr dieses Medikament noch immer gerne ein?
Unsere Erfahrung ist: Die allermeisten sagen Nein.

Mittlerweile schlucken etwa 10 Prozent aller mittelalten Menschen in Europa (vor allem Frauen) täglich Antidepressiva und kommen davon nicht los.
Die Corona-Maßnahmen haben die Situation noch einmal verschärft. Es ging vielen Menschen sehr schlecht, und es wurden noch mehr Antidepressiva verschrieben.
Antidepressiva einnehmen? Vorher sollte man das wissen: Checkliste
[1] Diese Zahlen stammen vom Arzneiverordnungs-Report, dem jährlich erscheinenden Nachschlagewerk des deutschen Arzneimittelmarktes: https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-63825-5
AbsetzberatungSie denken über das Absetzen Ihrer Medikamente nach?
Unsere Praxis berät Sie telefonisch zum Absetzen von Antidepressiva und anderen Psychopharmaka – als Ergänzung zum Gespräch mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin, nicht als Ersatz dafür. Absetzentscheidungen treffen Sie am besten gemeinsam.
