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Antidepressive Medikamente und gestörte Sexualität

Kein Sex durch Antidepressiva

Antidepressiva wirken nur selten auf die Depression der Patienten, viel häufiger und zuverlässiger verhindern die Tabletten Sexualität bei den Patienten.

„Da hat sich deutlich etwas verändert“, bemerken fast alle Menschen, die Antidepressiva einnehmen. Aber liegt es an den Medikamente oder ist die Depression dafür verantwortlich? Die meisten Fachleute sind sich schnell einig und behaupten: „Das liegt an der Erkrankung.“ Stimmt das?

Erst seit wenigen Jahren sollen Berichte vorliegen, die von sexuellen Funktionsstörungen durch Antidepressiva berichten. Aber bereits 1999 hat die Pharmafirma Pfizer erklärt: Viagra kann eine Impotenz, die durch Antidepressiva verursacht wurde, wieder aufheben (Link).

Aber was passiert denn da überhaupt? Während manche „nur“ weniger Lust auf Sex haben, kommen andere kaum noch in Fahrt (sind schwer erregbar), viele sind impotent und noch mehr Personen ist das Thema so unangenehm, dass sie am liebsten gar nicht darüber reden möchten. Wieder andere empfinden sogar Schmerzen während des Sex, sehr viele erreichen keinen Höhepunkt mehr – nicht einmal bei der Selbstbefriedigung.

Wie geht man damit um? Sexualität ist ein heikles Thema. Kaum eine/r sucht Hilfe, kaum eine/r spricht es offen an. „Vielleicht betrifft es ja nur mich“, ist ein weit verbreitetes Denken. Frauen gehen häufiger davon aus, dass es an ihnen liegt und fragen sich ob sich ihre Liebe verändert hat – die Männer dieser Frauen fühlen sich zurückgewiesen und reagieren sehr unterschiedlich.

Wie geht man damit um? Sexualität ist ein heikles Thema. Kaum eine/r sucht Hilfe, kaum eine/r spricht es offen an. „Vielleicht betrifft es ja nur mich“, ist ein weit verbreitetes Denken. Frauen gehen häufiger davon aus, dass es an ihnen liegt und fragen sich ob sich ihre Liebe verändert hat – die Männer dieser Frauen fühlen sich zurückgewiesen und reagieren sehr unterschiedlich.

Männer die keine Lust mehr empfinden, gehen damit sogar noch unterschiedlicher um. Manche fassen es als Befreiuung auf. Aber die, bei denen sich nichts mehr regt, sind besonders gefährdet. Manche fühlen sich wie totale Versager. Vorher konnten sie sich zumindest auf ihre Sexualität verlassen. Und wenn dann nichts mehr geht … Eine Studie von Wolfersdorf zeigt, dass die Suizidgefährdung von Männern, die nach vier Wochen stationären Aufenthalt das erste Mal Wochenendausgang haben … besonders hoch ist. Es benötigt wenig Einfühlungsvermögen, um sich vorzustellen, was während dieses Wochenendes probiert wurde und dann nicht funktioniert hat.

Ist eine gestörte Sexualität der Preis für die Besserung einer Depression? Das Gegenteil ist richtig. Eine gesunde Sexualität hat einen positiven Einfluss auf die depressive Symptomatik.

Zunächst einmal: Die sexuellen Störungen, die Antidepressiva verursachen, treten viel zuverlässiger auf, als eine antidepressive Wirkung. Professor Peter Gotzsche schreibt, dass die Auslösung von sexuellen Funktionsstörungen die zuverlässigste Eigenschaft von Antidepressiva ist und witzelt, das er diese Medikamente deshalb unbedingt als „hochwirksame Mittel zur Störung des Sexuallebens“ (S. 309) empfehlen würde.

Viele Patienten glauben die Störung der Sexualität wäre ein Hinweis auf die spezifische Wirkung der Antidepressiva. Aber das ist ein Trugschluss. Die Störung der Sexualität wird durch zwei Mechanismen ausgelöst:

  1. Die Medikamente gelangen über den Magen in den Dünndarm. Dort wird der Wirkstoff freigesetzt und mithilfe des Bluts an andere Ort transportiert. Zunächst ist jedoch viel Wirkstoff im Darmbereich vorhanden und das führt dazu, dass dort mehr Serotonin freigesetzt wird. Serotonin ist kein Botenstoff des Kopfes, sondern vor allem im Magen-Darm-Bereich vorhanden. Dort befindet sich 95 Prozent des körpereigenen Serotonins. Im Darmbereich sind auch die meisten Serotonintransportermoleküle, die die biochemischen Ziele der Medikamente sind. Im Darmbereich hat Serotonin eine klar definierte Funktion: Es zieht die glatte Muskulatur zusammen. Die Wirkung von Serotonin auf die Muskulatur hat nichts mit einer depressionsspezifischen Wirkung zu tun. Tatsächlich gibt es sogar ein SSRI, das nicht als Antidepressivum verschrieben wird, sondern nur von Urologen. Es heißt Dapoxetin und wird gegen vorzeitigen Samenerguss eingesetzt.
  2. Viel Serotonin im Gehirn verhindert Sexualität, wohingegen wenig oder kein Serotonin im Gehirn hypersexuell, bzw. nymphoman machen kann. Das zeigen Tierexperimente mit TPH2-knock-out Mäusen. Übrigens bei den Depressionstests, die Pharmakologen zur Diagnose einer Depression einsetzen, sind diese Tiere unauffällig. Das heißt, obwohl diese Tiere überhaupt kein Serotonin in ihrem Gehirn haben, beschreibt die Wissenschaft die Tiere als nicht-depressiv (Link).

Im Prinzip müssten Ärzte – weil die sexualitätseinschränkenden Nebenwirkungen schon seit sehr langer Zeit bekannt sind – dies berücksichtigen, wenn der Patient in einer Partnerschaft lebt. Der Arzt müsste also eine antidepressive Substanz auswählen, die keine sexuelle Funktionsstörung auslöst.

Aber das ist reines Wunschdenken. Es passiert nicht. Stattdessen verschreiben Ärzte am häufigsten SSRIs. Und warum ist das so? Wegen einer unpassenden Vorschrift in den USA und den daraus hervorgegangenen Daten, die für Deutschland übernommen wurden.

Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA verlangt für Nebenwirkungen, dass der Patienten sie von sich aus anspricht. Aber bei sexuelle Funktionsstörungen trauen sich das nur knapp 10 Prozent. Und deshalb ist dies auch der offizielle Wert. Das sexuelle Problem gilt daher als nicht besonders ernst zu nehmend. – Aber … mal unter uns: Treten diese Störungen wirklich nur so selten auf?

Nein, natürlich nicht. Wenn man nachfragt, erhält man ganz andere Antworten. Die berühmtesten Studien zu sexuellen Funktionsstörungen stammen von Montejo (1997 und 2001). In der ersten Studie berichtete Montejo, dass Frauen viel schwerwiegender und häufiger unter sexuellen Funktionsstörungen leiden, als Männer. Später berichtete er, dass von 1400 mit Antidepressiva behandelten Patienten 60 Prozent auf Fragebögen über sexuelle Funktionsstörungen berichteten. Im persönlichen Gespräch sollen sogar 80 Prozent eine Störung bejaht haben.

Eine methodisch sehr gute Arbeit stammt von Anita Clayton. Sie berichtet, dass etwa 40 Prozent aller Patienten, die mit SSRs behandelt wurden, unter starken sexuellen Funktionsstörungen leiden. Sie beschreibt, geschlechtsspezifische Unterschiede. Demnäch würden Männer unter TCA schwieriger erregt werden, als unter SSRIs. SSRIs bewirken hingegen häufiger eine Anorgasmie bei Frauen oder verzögern eine Ejakulation bei Männern. Diese Einschränkungen gelten auch für die Selbstbefriedigung.

Das Auftreten von sexuellen Beeinträchtigungen funktioniert sogar so zuverlässig, dass die Firma Jansen-Cilag mit Dapotin ein SSRI auf den Markt brachte, das keine Indikation als Antidepressivum besitzt, sondern nur für die Behandlung des vorzeitigen Samenergusses eingesetzt werden darf. Dapotin ist das sogenannte Urologen-SSRI – Allerdings sind sich Fachleute nicht einig, ob vorzeitiger Samenerguss überhaupt eine Erkrankung ist.

Während manche Pharmafirmen aufgrund des Bekanntwerdens der sexuellen Problematik wieder eine Chance für ihre Nicht-SSRI – Antidepressiva wittern und bereits begonnen haben ihre Pharmavertreter loszuschicken um Bupropion, Mirtazapin, Agomelatin oder andere Mittel zu vermarkten – sollten informierte Menschen sich davon nicht beeindrucken lassen. Fachleute wissen, dass sexuelle Funktionsstörungen die häufigste Ursache dafür sind, dass Patienten ihr Antidepressivum absetzen.

Die Beeinträchtigung ist auch keinesfalls auf SSRI eingeschränkt. Grundsätzlich können alle Mittel, die auf 5-HT2C und 5-HT3 Rezeptoren wirken, die sexuelle Funktion beeinträchtigen, aber das gilt auch für alle Medikamente, die auf ACh-Rezeptoren, Dopamin-D2-Rezeptoren wirken oder die Stickstoff-Synthese blockieren.

Die Pharmaindustrie weiß bereits seit langem, dass Antidepressiva impotent machen können. Es gibt sogar mehrere Studien die zeigen, dass Viagra eine Impotenz, die von SSRI, SSRI,  Phenelzin (MAO) oder Fluvoxamin verursacht wurde, wieder aufheben kann. Die Berichte wurden vor über 20 Jahren veröffentlicht – aber ihr Arzt weiß bestimmt erst seit ganz kurzer Zeit, dass Antidepressiva die Sexualität beeinträchtigen …

Was bleibt da übrig? Man muss schon einen festen Glauben an die starke Selektivität der Moleküle haben, um eine bestimmte Substanz zu empfehlen. Biochemiker haben bereits mehrfach gezeigt, dass alle antidepressiven Medikamente nicht so selektiv sind, wie die Pharmafirmen versprechen. Sie wirken an fast allen Rezeptoren gleichzeitig.

Besonders nachdenklich stimmt, dass bei 5 bis 10 Prozent der Menschen, die unter einer sexuelle Funktionsstörung litten, auch noch 4 bis 6 Monaten nach dem Ende der medikamentösen Therapie keine Besserung aufgetreten ist.

Hier gibt es eine Selbsthilfegruppe, in der vor allem Männer schreiben, obwohl Frauen viel häufiger von dem Phänomen betroffen sind.

Depression-Heute: Es ist falsch zu glauben, dass depressive Patienten nicht an Sex interessiert sind. Das mag in akuten Phasen zutreffen, aber ändert sich häufig schon nach 14 Tagen. Wenn diese Veränderung eingetreten ist und Sexualität funktioniert, kann dies den Heilungsprozess beschleunigen. Wenn jedoch Antidepressiva Sexualität und das damit verbundene Erleben des Körpers verhindern, kann das ungünstige Folgen auf den Heilungsprozess haben. Es kann auf längere Sicht zu einem Beziehungskiller werden.
Antidepressive Medikamente beeinträchtigen die Sexualität. Alle chemischen Antidepressiva können Lust vermindern, Erregung erschweren und häufig entstehen Impotenz und Anorgasmie. Unter den Antidepressiva-Typen sind die SSRI-Antidepressiva als sexualitätsverhindernde Medikamente besonders hervorzuheben. Sie bewirken häufig Orgasmusstörungen und verzögern Ejakulationen.
Sicherlich beeinträchtigt eine Depression die Sexualität. Aber für die Funktionsstörungen sind die Medikamente verantwortlich.

Über den Autor

Dr. Peter Ansari

Autor und Depressionsforscher

9 Kommentare

  • Es gibt dann scheinbar kein Mittel, das im Hinblick auf Sexualität uneingeschränkt zu empfehlen ist? Mir wurde vom Arzt Citalopram verschrieben, länger her. Ich hatte es nach wenigen Monaten wegen Anorgasmus abgesetzt, weil diese Nebenwirkung für mich quälend und inakzeptabel war. Man halte sich fest – es hat NACH Absetzen des Medikamentes knapp 2 Jahre gedauert, bis alles wieder wie vorher war (in Foren gibt es sogar Berichte, dass der Vorzustand nie wieder erreicht wurde). Diese 2 Jahre waren äußerst unangehm, ich beschloss auf Antidepressiva lieber zu verzichten und dafür meine Symptome wieder in Kauf zu nehmen.

    • Schrecklich einfach nur!
      Ich habe die selben Probleme. Habe jahrelang verschiedene Antidepressiva genommen und hatte seitdem immer Erektionsstörungen. Und ich bin erst 20…
      Ich wurde damals nicht einmal darauf hingewiesen, dass es diese Probleme geben kann.

  • Ich habe mit Anfang 25 Antidepressiva erhalten ungefähr 2 Jahrelang seit dem leide ich unter Erektionsstörungen, ich habe vieles probiert meine Ernährung geändert das rauchen aufgehört, war beim Urologen doch bis dato leide ich hin und wieder immer noch drunter, aktuell nehme ich pflanzliche ergänzungsmittel. diese helfen mir zumindest ganz gut. jungs ich hoffe das ihr eure probleme in den griff bekommt, falls ihr euch darüber informieren wollt. https://potenzhero.com/blog/erektile-dysfunktion-die-ursachen-von-impotenz-und-wie-du-sie-behandeln-kannst

  • Das ist so, und als ich einen Klinikarzt darauf ansprach, sagte er mir, dass jeder zweite das berichtet.
    Es gibt Bupropion, da ist das anders. Dieses Medikament kann allerdings geradewegs in die Verzweiflung treiben…

  • Ich bin unglücklich weil ich Probleme mit der Potenz habe. Meine Frau ermutigt mich das es kein
    Problem ist und dass dies für mein Alter normal ist. Aber ich würde es wirklich tun und
    wollte es irgendwie reparieren und meine frau sexuell befriedigen.
    Ich habe einige hilfreiche Artikel unter https://impotenz.regen50.de/ gefunden.
    Sie haben mir geholfen, aber jetzt frage ich mich nur, welche ich bestellen soll.
    Ich sehe Impotenz-Webseiten, die Regen50 empfehlen. Es ist sehr wichtig für mich
    dass es natürlich vorkommt und keine Nebenwirkungen verursacht.
    Wissen Sie, wie diese Regen50 funktioniert oder können Sie mir ein Produkt empfehlen.
    Jede Hilfe ist willkommen. Ich würde meine Frau und wirklich gerne überraschen und
    unser Sexualleben verbessern.
    Danke

  • Ich spreche mal als Frau. Ich nehme Citalopram 40mg und mir geht es psychisch unglaublich viel besser.
    Meine Libido ist immer noch vorhanden, auch kann ich einen orgasmus bekommen. Aber nicht mehr zu zuverlässig und regelmäßig wie früher. An diesen Punkt zu kommen ist oft sehr schwierig und anstrengend und dann verzichte ich teilweise lieber darauf. Das ist für mich unschön, auch für meinen Mann. Allerdings überwiegen für mich die Vorteile des Medikaments im restlichen Leben. Zudem hoffe ich, dass ich die Medikamente nach einer Weile wieder absetzen kann da ih keine klassische Depression sondern einer Art Belastungsdepression habe. Das dieses Thema für Männer nochmal heikler ist glaube ich gern. Wenn es gar nicht mehr zum Verkehr kommen kann ist das sicher sehr frustrierend. Alles Gute an euch!

  • Hi,
    ich bin 35, nehme Venlafaxin seit 15 Jahren.
    Nach einigen Jahren hat bereits die Potenz nachgelassen und mittlerweile bzw. seit paar Jahren schon bin ich impotent. Ich werde mit meinem Arzt sprechen das ich es absetze, falls die Depression und Panikstörung sich verschlimmert muss ich es wahrscheinlich wieder nehmen 🙁
    2015 hatte ich Venlafaxin über 3 Monate langsam abgesetzt und 6 Monate später hatte ich einen Nervenzusammenbruch mit üblen Symptomen.. obs an Venlafaxin gelegen hat weiss ich nicht.
    Eigentlich ist es bekannt dass die Antidepressiva impotent machen, wieso die Ärzte das nicht kommunizieren weiss ich nicht.
    Viagra etc. will ich nicht nehmen, es hies damals als Viagra in den Markt kam dass ein paar Herzinfarkt bekommen haben.
    Ob es da draussen Frauen gibt die einem Mann treu bleiben wenn er Potenz-Probleme hat oder sich mit so einem Mann abgeben weiss ich auch nicht… wäre froh zu lesen dass jemand mal gehört hat dass es sowas geben sollte.
    Gott sei Dank kann man auch ohne Sex glücklich, vollkommen und inneren Frieden haben, ich hatte in der Vergangenheit solche Momente. Vielleicht wird es eines Tages ja dauerzustand.

    • Hallo someone
      Ich habe leider auch leidliche Erfahrungen mit dem Absetzen von AD gemacht und Gott sei Dank habe ich im Interne sehr hilfreiche Infos gefunden und nun bin ich seit 2 Jahren am ausschleichen.
      Ich möchte dich daher unbedingt darauf hinweisen, dass es besonders bei Venlaflaxin sehr sehr wichtig ist, dass du es ganz langsam ausschleichst. Dein „Nervenzusammenbruch“ waren sehr wahrscheinlich ein Absetzsymptom von zu raschem absetzen. Damit dir das nicht nochmals passiert, würde ich mich vorher unbedingt genau informieren, wie du vorgehen kannst: http://www.adfd.org ist ein sehr seriöses, hilfreiches forum wo du alle nötigen Infos erhälst.
      ich wünsche dir alles Gute und sende dir liebe Grüsse

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