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Antidepressive Medikamente und gestörte Sexualität

Ein Beitrag von Dr. Peter Ansari

„Da hat sich deutlich etwas verändert“, bemerken fast alle Menschen, die Antidepressiva einnehmen. Aber liegt es an den Medikamenten oder ist die Depression dafür verantwortlich? Die meisten Fachleute sind sich schnell einig und behaupten: „Das liegt an der Erkrankung.“ Stimmt das?

Lange bekannt: Sexuelle Funktionsstörungen durch Antidepressiva

Erst seit wenigen Jahren sollen Berichte vorliegen, die von sexuellen Funktionsstörungen durch Antidepressiva berichten. Aber bereits 1999 hat die Pharmafirma Pfizer erklärt: Viagra kann eine Impotenz, die durch Antidepressiva verursacht wurde, wieder aufheben (Link).

Aber was passiert denn da überhaupt? Während manche „nur“ weniger Lust auf Sex haben, kommen andere kaum noch in Fahrt (sind schwer erregbar), viele sind impotent, und noch mehr Personen ist das Thema so unangenehm, dass sie am liebsten gar nicht darüber reden möchten. Wieder andere empfinden sogar Schmerzen während des Sex, sehr viele erreichen keinen Höhepunkt mehr – nicht einmal bei der Selbstbefriedigung.

Wie gehen Betroffene damit um?

Wie geht man damit um? Sexualität ist ein heikles Thema. Kaum eine/r sucht Hilfe, kaum eine/r spricht es offen an. „Vielleicht betrifft es ja nur mich“, ist ein weit verbreitetes Denken. Frauen gehen häufiger davon aus, dass es an ihnen liegt, und fragen sich, ob sich ihre Liebe verändert hat – die Männer dieser Frauen fühlen sich zurückgewiesen und reagieren sehr unterschiedlich.

Männer, die keine Lust mehr empfinden, gehen damit sogar noch unterschiedlicher um. Manche fassen es als Befreiung auf. Aber die, bei denen sich nichts mehr regt, sind besonders gefährdet. Manche fühlen sich wie totale Versager. Vorher konnten sie sich zumindest auf ihre Sexualität verlassen. Und wenn dann nichts mehr geht … eine Studie von Wolfersdorf zeigt, dass die Suizidgefährdung von Männern, die nach vier Wochen stationären Aufenthalt das erste Mal Wochenendausgang haben, besonders hoch ist. Es benötigt wenig Einfühlungsvermögen, um sich vorzustellen, was während dieses Wochenendes probiert wurde und dann nicht funktioniert hat.

Ist gestörte Sexualität der Preis für die Besserung?

Ist eine gestörte Sexualität der Preis für die Besserung einer Depression? Das Gegenteil ist richtig. Eine gesunde Sexualität hat einen positiven Einfluss auf die depressive Symptomatik.

Zunächst einmal: Die sexuellen Störungen, die Antidepressiva verursachen, treten viel zuverlässiger auf als eine antidepressive Wirkung. Professor Peter Gotzsche schreibt, dass die Auslösung von sexuellen Funktionsstörungen die zuverlässigste Eigenschaft von Antidepressiva ist, und witzelt, dass er diese Medikamente deshalb unbedingt als „hochwirksame Mittel zur Störung des Sexuallebens“ (S. 309) empfehlen würde.

Wie Antidepressiva die Sexualität stören

Viele Patienten glauben, die Störung der Sexualität wäre ein Hinweis auf die spezifische Wirkung der Antidepressiva. Aber das ist ein Trugschluss. Die Störung der Sexualität wird durch zwei Mechanismen ausgelöst:

  1. Die Medikamente gelangen über den Magen in den Dünndarm. Dort wird der Wirkstoff freigesetzt und mithilfe des Bluts an andere Orte transportiert. Zunächst ist jedoch viel Wirkstoff im Darmbereich vorhanden, und das führt dazu, dass dort mehr Serotonin freigesetzt wird. Serotonin ist kein Botenstoff des Kopfes, sondern vor allem im Magen-Darm-Bereich vorhanden. Dort befinden sich 95 Prozent des körpereigenen Serotonins. Im Darmbereich sind auch die meisten Serotonintransportermoleküle, die die biochemischen Ziele der Medikamente sind. Im Darmbereich hat Serotonin eine klar definierte Funktion: Es zieht die glatte Muskulatur zusammen. Die Wirkung von Serotonin auf die Muskulatur hat nichts mit einer depressionsspezifischen Wirkung zu tun. Tatsächlich gibt es sogar ein SSRI, das nicht als Antidepressivum verschrieben wird, sondern nur von Urologen. Es heißt Dapoxetin und wird gegen vorzeitigen Samenerguss eingesetzt.
  2. Viel Serotonin im Gehirn verhindert Sexualität, wohingegen wenig oder kein Serotonin im Gehirn hypersexuell bzw. nymphoman machen kann. Das zeigen Tierexperimente mit TPH2-Knockout-Mäusen. Eine erstaunliche Erkenntnis, die Forscher bei diesen Tieren machten: Bei den standardisierten Depressionstests, die Pharmakologen für die Wirksamkeit von Antidepressiva einsetzen, waren die TPH2-Knockout-Tiere unauffällig. Das heißt, obwohl diese Tiere überhaupt kein Serotonin in ihrem Gehirn haben, gelten diese Tiere für die Pharmaforscher als nicht depressiv (Link).

Im Prinzip müssten Ärzte – weil die sexualitätseinschränkenden Nebenwirkungen schon seit sehr langer Zeit bekannt sind – diese häufig auftretende Nebenwirkung berücksichtigen, insbesondere wenn der Patient in einer Partnerschaft lebt. Der Arzt müsste also eine antidepressive Substanz auswählen, die keine sexuelle Funktionsstörung auslöst.

Warum Ärzte meist SSRIs verschreiben

Aber das ist reines Wunschdenken. Es passiert nicht. Stattdessen verschreiben Ärzte am häufigsten SSRIs. Und warum ist das so? Wegen einer unpassenden Vorschrift in den USA und den daraus hervorgegangenen Daten, die für Deutschland übernommen wurden.

Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA verlangt für Nebenwirkungen, dass die Patienten sie von sich aus ansprechen. Aber bei sexuellen Funktionsstörungen trauen sich das nur knapp 10 Prozent. Und deshalb ist dies auch der offizielle Wert. Die sexuelle Problematik gilt daher als nicht besonders häufig auftretend und auch als nicht besonders schwerwiegend. – Aber … treten diese Störungen wirklich nur so selten auf?

Was Studien zu sexuellen Funktionsstörungen zeigen

Nein, natürlich nicht. Wenn man nachfragt, erhält man ganz andere Antworten. Die zwei berühmtesten Studien zu sexuellen Funktionsstörungen stammen von Montejo (1997 und 2001). In der ersten Studie berichtete Montejo, dass Frauen viel schwerwiegender und häufiger unter sexuellen Funktionsstörungen litten als Männer. Später berichtete er, dass von 1400 mit Antidepressiva behandelten Patienten 60 Prozent auf Fragebögen sexuelle Funktionsstörungen beklagten. Im persönlichen Gespräch sollen sogar 80 Prozent eine Störung bejaht haben.

Eine methodisch sehr gute Arbeit stammt von Anita Clayton. Sie berichtet, dass etwa 40 Prozent aller Patienten, die mit SSRIs behandelt wurden, unter starken sexuellen Funktionsstörungen leiden. Sie beschreibt geschlechtsspezifische Unterschiede. Demnach würden Männer unter trizyklischen Antidepressiva (wie zum Beispiel Amitriptylin) schwieriger erregt werden als unter SSRIs. SSRIs bewirken hingegen häufiger eine Anorgasmie bei Frauen oder verzögern eine Ejakulation bei Männern. Diese Einschränkungen gelten auch für die Selbstbefriedigung.

Das Auftreten von sexuellen Beeinträchtigungen funktioniert sogar so zuverlässig, dass die Firma Jansen-Cilag mit Dapotin ein SSRI auf den Markt brachte, das keine Indikation als Antidepressivum besitzt, sondern nur für die Behandlung des vorzeitigen Samenergusses eingesetzt werden darf. Dapotin ist das sogenannte Urologen-SSRI. Es „soll“ also die sexuelle Erregbarkeit herabsetzen. Allerdings sind sich die Fachleute nicht einig, ob vorzeitiger Samenerguss wirklich eine „Erkrankung“ ist und ob ein Medikament da die richtige Therapiemethode darstellt.

Während manche Pharmafirmen aufgrund des Bekanntwerdens der sexuellen Problematik wieder eine Chance für ihre Nicht-SSRI-Antidepressiva witterten und bereits ihre Pharmavertreter losschickten, um Bupropion, Mirtazapin, Agomelatin oder andere Mittel zu vermarkten, sollten informierte Menschen sich davon nicht beeindrucken lassen. Fachleute wissen, dass sexuelle Funktionsstörungen die häufigste Ursache dafür sind, dass Patienten ihr Antidepressivum absetzen, und das gilt für alle Antidepressiva.

Nicht nur SSRIs sind betroffen

Die sexuelle Beeinträchtigung ist auch keinesfalls auf SSRI eingeschränkt. Grundsätzlich können alle Mittel, die auf 5-HT2C- und 5-HT3-Rezeptoren wirken, die sexuelle Funktion beeinträchtigen, aber das gilt auch für alle Medikamente, die auf ACh-Rezeptoren, Dopamin-D2-Rezeptoren wirken oder die Stickstoff-Synthese blockieren.

Die Pharmaindustrie weiß bereits seit langem, dass Antidepressiva impotent machen können. Es gibt sogar mehrere Studien, die zeigen, dass Viagra eine Impotenz, die von SSRI, SSRI, Phenelzin (MAO) oder Fluvoxamin verursacht wurde, wieder aufheben kann. Die Berichte wurden vor über 20 Jahren veröffentlicht – aber Ihr Arzt weiß bestimmt erst seit ganz kurzer Zeit, dass Antidepressiva die Sexualität beeinträchtigen können …

Was bleibt da übrig? Man muss schon einen festen Glauben an die starke Selektivität der Moleküle haben, um eine bestimmte Substanz zu empfehlen. Biochemiker haben bereits mehrfach gezeigt, dass alle antidepressiven Medikamente nicht so selektiv sind, wie die Pharmafirmen versprechen. Sie wirken an fast allen Rezeptoren gleichzeitig.

Wenn die Störung nach dem Absetzen bleibt

Besonders nachdenklich stimmt, dass bei 5 bis 10 Prozent der Menschen, die unter einer sexuellen Funktionsstörung litten, auch noch 4 bis 6 Monate nach dem Ende der medikamentösen Therapie keine Besserung aufgetreten ist. Das medizinische Syndrom hat den Fachbegriff PSSD erhalten, das steht für Post-SSRI Sexual Dysfunction. Es gibt eine Wikipedia-Seite zu PSSD, und langsam kommt das Thema in der Allgemeinheit an.

Selbsthilfe und Fazit

Hier gibt es eine Selbsthilfegruppe, in der vor allem Männer schreiben, obwohl Frauen viel häufiger von dem Phänomen betroffen sind.

Meiner Ansicht nach ist es falsch zu glauben, dass depressive Patienten nicht an Sex interessiert sind. Das mag in akuten Phasen zutreffen, aber ändert sich häufig schon nach 14 Tagen. Wenn diese Veränderung eingetreten ist und Sexualität funktioniert, kann dies den Heilungsprozess beschleunigen. Wenn jedoch Antidepressiva Sexualität und das damit verbundene Erleben des Körpers verhindern, kann das ungünstige Folgen auf den Heilungsprozess haben. Es kann auf längere Sicht zu einem Beziehungskiller werden. Antidepressive Medikamente beeinträchtigen die Sexualität. Alle chemischen Antidepressiva können Lust vermindern, Erregung erschweren, und häufig entstehen Impotenz und Anorgasmie. Unter den Antidepressiva-Typen sind die SSRI-Antidepressiva als sexualitätsverhindernde Medikamente besonders hervorzuheben. Sie bewirken häufig Orgasmusstörungen und verzögern Ejakulationen. Sicherlich beeinträchtigt eine Depression die Sexualität. Aber für die Funktionsstörungen sind die Medikamente verantwortlich.

Dr. Peter Ansari telefoniert – Symbolbild für die AbsetzberatungAbsetzberatung

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