10.000 beraten und beim Absetzen von Antidepressiva geholfen
Ein Beitrag von Dr. Peter Ansari
Die amerikanische Internetlegende Altostrata hat unter ihrem echten Namen „Adele Framer“ einen wissenschaftlichen Aufsatz veröffentlicht. Das Paper ist im Journal Therapeutic Advances in Psychopharmacology erschienen und dort frei zugänglich – nicht hinter einer Bezahlschranke versteckt, auch als PMC-Volltext verfügbar. Es ist mit 204 wissenschaftlichen Quellen mehr als umfangreich belegt.
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Altostrata beschreibt darin zunächst ihren persönlichen Leidensweg, der 2004 nach einem Wechsel auf das Antidepressivum Paroxetin begann. Damals, so schreibt sie, war sie 50 Jahre alt und in ausgezeichneter körperlicher Verfassung.
Es folgte ein jahrelanges Martyrium. Erst zwei Jahre später, nach unzähligen Facharztterminen und Fehldiagnosen, bestätigte ihr ein Psychiater, dass es sich nicht um einen Rückfall handeln müsse, sondern dass manche Patienten sehr lange unter Entzugssymptomen leiden. Ihrem Bericht zufolge dauerte es insgesamt 11 Jahre, bis sie wieder vollständig hergestellt war. Der Entzug, erklärt die in San Francisco wohnhafte ehemalige Erstellerin von Informationssystemen, habe ihre Berufstätigkeit und viele private Beziehungen zerstört. Das Akutstadium ihrer Erkrankung beziffert sie auf 1,5 Jahre, in denen buchstäblich nichts bei ihr funktionierte; insgesamt dauerte die schwere Zeit vier Jahre. Die Zeit des Entzugs erlebte sie als Transformation, aus der sie als „weißhaarige Rentnerin“ herauskam.
2011 gründete sie das Internetforum SurvivingAntidepressants.org, in dem sie gemeinsam mit vielen ehrenamtlichen Helfern kostenlos Hilfestellung gibt.
Aktuell hat das Forum monatlich 500.000 Aufrufe und 33.000 Besucher; 6000 Mitglieder haben dort ihre langwierigen Leidensgeschichten beschrieben. Altostrata schreibt: „Die Erfahrungen dieser Individuen sind ein starker Indikator für die Kluft, die zwischen dem klinischen Umgang mit Psychopharmaka und den Erfahrungen herrscht, die diese Medikamente bei den Patienten verursachen.“ Sie geht davon aus, dass bis zu 40 Prozent aller Menschen, die Psychopharmaka verschrieben bekommen, ähnliche Erfahrungen machen.
Als gemeinsames Merkmal ihrer Forenmitglieder beschreibt sie die Angst vor Entzugssymptomen und das Gefühl, vom behandelnden Arzt nicht ernst genommen zu werden – viele würden ihren Verschreibern misstrauen. Ihrer Ansicht nach können sämtliche Medikamente körperliche Entzugssymptome auslösen; es gebe keine Medikamente, bei denen ein Patient sicher vor einer eventuellen Abhängigkeit sei.
Damit die Absetzsymptome erträglich sind, schlägt sie ein Ausschleichen in 10-Prozent-Schritten vor und empfiehlt bei Schwierigkeiten, die Absetzgeschwindigkeit zu verlangsamen oder die Dosierung anzupassen. Schwierig sei es für Betroffene stets, wenn ihre Entzugsbeschwerden als Rückfall (Relapse) der Erkrankung gedeutet würden, da dies hilfreiche Therapieschritte verhindere.
Insgesamt wünscht sie sich mehr Interesse und Hilfestellung von denjenigen, die die Medikamente verschreiben, und zeigt sich auch nach all den Jahren überrascht, dass noch nicht einmal Suchtmediziner auf das Thema reagiert haben. Sie hofft, dass sich die Situation für Betroffene durch die Aufnahme des „Antidepressant Discontinuation Syndrome“ 995.29 (T43.205A) im amerikanischen Diagnosehandbuch DSM-5 verbessert. Aktuell fehle jedoch noch eine anerkannte Behandlung für dieses Syndrom.
In Deutschland hilft das ADFD.org-Forum bereits seit 2003 ehrenamtlich Patienten beim Antidepressiva-Entzug (hier geht es zum ADFD-Forum).
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