Irrtum: Antidepressiva verändern die Persönlichkeit nicht
Ein Beitrag von Dr. Peter Ansari
Irrtum: Antidepressiva verändern die Persönlichkeit nicht.
Who cares in Sweden – the untold story of antidepressants.
Immer mehr Menschen verflachen emotional. Sie reagieren gleichgültig, ohne Mitgefühl und Hilfsbereitschaft.
Die Behauptung: „Antidepressiva verändern die Persönlichkeit nicht“
An diese Aussage ist die Frage geknüpft, ob Depressionen einen Einfluss auf die Persönlichkeit haben. Eine weitere Frage ist, ob Antidepressiva so spezifisch wirken, dass sie zwischen der Krankheit und der Depression unterscheiden können (oder ob nicht beides tief miteinander verwoben ist). Schließlich die dritte Frage: Wenn die Depression „beendet“ ist, warum soll man dann noch länger Antidepressiva nehmen? Oder muss in genau diesem Fall vermutet werden, dass hier die Beeinflussung der Persönlichkeit geschieht?
Fakten: Zu den häufigsten Aussagen über Antidepressiva gehört die Versicherung der nichtveränderten Persönlichkeit. Wie sich zeigt, stimmt das jedoch nur, wenn die Antidepressiva gar keine Wirkung zeigen.
Wenn Antidepressiva wirksam sind, dann verändern sie die Stimmung des Konsumenten. Aber was passiert, wenn gesunde Menschen Antidepressiva einnehmen? Wurde das überhaupt jemals untersucht? Zu den wenig bekannten Ergebnissen gehören frühe Tests von Antidepressiva, die Psychiater gesunden Versuchspersonen gaben (in den meisten Fällen waren es deren Studenten). Diese Studenten berichteten über:
- „Abstumpfung des Gefühlslebens“
- „Mangel an Konzentrationsfähigkeit“
- „Gedankengänge verliefen einlinig“
- „der Beziehungsreichtum des Denkens hätte gelitten“
Link zur Studie. Zusammenfassung der Artikel ab S. 188 in Ansari 2014.
Doch kein Effekt trat einheitlich – also bei jeder Person – auf. Während die eine Person gelassener wurde, stieg bei der anderen der Antrieb. Einzig die emotionale Verflachung zeigte sich als Leitmotiv bei mehreren Versuchspersonen: „Nach Tofranil (das ist der Markenname des ersten Antidepressivums gewesen [Anmerkung P. A.]) rührt einen die Umwelt gar nicht mehr, man ist geistig lahm und unbeteiligt“, oder „man ist den Erlebnissen gegenüber wie ein kalter Beobachter“. Im Resümee attestierten die Forscher ihren Versuchspersonen „eine ausgesprochene Gefühlsverarmung und Gefühlskälte“.
Eine weitere, ausführliche deutschsprachige Studie, die frühzeitig das Mittel bei Gesunden prüfte, entdeckte, dass gesunde Menschen (auch in diesem Fall waren es Studenten des Forschungsleiters) nach dem Absetzen „albern“, „unkonzentriert“, „nervös“, „müde und schlapp“ oder sogar „hypomanisch“ wurden.
Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass diese Beobachtungen der Behauptung „Antidepressiva haben auf gesunde Menschen gar keine Wirkung“ widersprechen.
Antidepressiva gefährden die partnerschaftlichen Beziehungen
Sexuelle Funktionsstörungen gehören zu den häufigsten Nebenwirkungen der antidepressiven Therapie. Knapp 60 Prozent der Antidepressiva-Konsumenten leiden unter einer Beeinträchtigung ihrer Sexualität. Häufig hat dies Auswirkungen auf die partnerschaftliche Beziehung. Der dänische Forscher Peter Gotzsche beschreibt die Beeinträchtigung der Sexualität sogar als zuverlässigste Eigenschaft der Medikamente, da dieser Effekt viel häufiger eintritt als die antidepressive Wirkung.
Die Anthropologin Helen Fisher untersuchte die Gehirne von frisch Verliebten und entdeckte dabei: „Hohe Konzentrationen der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin und ein niedriger Serotonin-Spiegel charakterisieren das Gehirn Verliebter.“ Im Gespräch mit dem Magazin Der Spiegel warnte sie vor einer dauerhaften Einnahme von serotoninerhöhenden Medikamenten (Antidepressiva): „Weil der ansteigende Serotonin-Spiegel die Dopamin-Produktion im Gehirn hemmt.“ Sie geht davon aus, dass Antidepressiva „gewohnheitsmäßig eingenommen, Liebe verhindern“.
In grundsätzlicher Hinsicht möchte ich dazu anmerken, dass selbstverständlich auch eine Depression sich belastend auf die Sexualität auswirkt. Jedoch zeigt sich häufig, dass die Beeinträchtigung der Sexualität während einer Depression häufig nur wenige Wochen andauert. Wenn danach wieder Sexualität möglich ist, so wirkt sich diese positiv auf die Gesundung des Patienten aus. Wenn durch die Einnahme von Antidepressiva über viele Monate die Sexualität genauso lange verhindert ist, so hat dies einen negativen Effekt auf die Gesundung des Patienten.
Jan Akerblom hat die gesellschaftlichen Auswirkungen der massenhaften Antidepressivaverschreibung in Schweden in einem Film untersucht. Er beschreibt eine gefühlskalte Welt, voller Individuen, die sich nicht mehr füreinander interessieren, da ihr Mitgefühl beeinträchtigt ist.
In den Niederlanden ordnete ein Richter eine wissenschaftliche Untersuchung bei einem wegen Totschlag verurteilten Gefängnisinsassen an. Dem Mann wurden abwechselnd ein Placebo und ein Antidepressivum verabreicht und sein Verhalten unter Stress protokolliert. Dabei zeigte sich, dass der sonst eher ruhige Mann „nur“ unter antidepressiver Medikation die Kontrolle über sein Aggressionsverhalten verlor. Er wurde freigesprochen.
Zwar kann es für schwer depressive Menschen hilfreich sein, wenn sie kurzzeitig leicht betäubt sind und dadurch nicht von ihrer Umgebung heruntergezogen werden. Aber wenn Leute die Medikamente über Jahre nehmen, leben sie ein anderes Leben und zeigen eine geringere Bereitschaft, ihren Mitmenschen zu helfen.
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