Antidepressiva Sexualität Suizide

Aktuelle Forschung: Gebt den Kindern Antidepressiva

Teenager brauchen helfende Hände.

Ein Psychiater aus Oxford empfiehlt Antidepressiva und verschweigt die Schattenseiten, die in den Veröffentlichungen nicht angesprochen werden.

Zu den traurigsten Entwicklungen der Gegenwart, gehört der Verlust der Wahrheitsliebe in der Wissenschaft. Das ist besonders gefährlich, wenn es die Medizin betrifft. Und wenn es dort die Schwächsten trifft, also Kinder und Jugendliche; ist es ganz besonders bitter, denn gerade hier kann Liebe sehr viel heilen.

Zum König der mitgefühlfreien Wissenschaftler hat sich der Oxforder Psychiater Andrea Cipriani gekrönt. In seiner aktuellen Meta-Analyse  bescheinigt der Psychiatrieprofessor den Antidepressiva Fluoxetin, Fluvoxamine, Paroxetin, Sertralin, Bupropion und sogar Clomipramin eine zuverlässige und gute Wirksamkeit bei kinderpsychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen, ADHS und Angststörungen.

Noch verstörender ist die Sicherheit, die sein Team den Medikamenten zuspricht. Obwohl das Thema Suizidalität in der Arbeit angesprochen wird, gibt es keine Diskussion über die Fragwürdigkeit der verwendeten Daten. Wir erinnern in diesem Zusammenhang, dass manche Firmen 3 Milliarden Dollar Strafe zahlen mussten, andere Firmen für die unorthodoxe Rekrutierung von Teilnehmern (es waren vorrangig Heimkinder, die getestet wurden) bestraft wurden und dass sich in sehr vielen Studien eine Häufung von Suiziden in den Medikamentengruppen zeigte, die dazu führte, das keine neuen Studien bei Heranwachsenden angefertigt wurden.

Cipriani hat das alles nicht interessiert, sein Team hat stur die Zahlen von veröffentlichten Studien nachgerechnet – natürlich ohne eine Effektstärke zu nennen. Denn diese ist bei Antidepressiva ohnehin schon gering genug (liegt etwa bei 0,3) und dürfte bei Kindern und Jugendlichen noch weit darunter liegen.

Für Professor David Healy ist das Erscheinen der Arbeit ein schwerer Schock. Er wurde als einer von drei Gutachtern befragt, wie er die aktuelle Cipriani-Arbeit einschätzt und hat für eine Ablehnung des Manuskripts gestimmt. Doch die zwei anderen Gutachter haben ihn überstimmt, das berichtet Healy auf seiner Website (Link).

Healy hatte zuvor minutiös in vielen Veröffentlichungen dargelegt, dass in grundsätzlich allen Veröffentlichungen über Antidepressiva für Kinder und Jugendliche gelogen und betrogen wurde (Link). Das konnte aufgedeckt werden, wenn ein Gericht unabhängigen Gutachtern Zugang zu den Rohdaten der Studie erteilt hatte oder wenn beteiligte Forscher aus dem Nähkästchen plauderten. Aus den Zahlen von veröffentlichten Studien geht so etwas nicht hervor.

Cipriani hat das nicht interessiert, sein Team hat zwar einige kritische Arbeiten zitiert, aber dann seinen Stiefel durchgezogen, als gäbe es keinen Grund zu einer besonderen Vorsicht im Umgang mit diesen Daten. Das erstaunt, denn bereits 2016 wurde seinem Team im Journal Lancet vorgeworfen Antidepressiva bei Kindern und Jugendlichen zu einseitig und zu positiv bewertet zu haben (Link).

Wir denken er hätte sich vor seiner neuen Veröffentlichung bei ernsthaft praktizierenden Kinderpsychiatern umhören müssen. Denn als “berühmter Forscher aus Oxford” muss er annehmen, dass manche Kinderpsychiater aufgrund seiner Empfehlung Antidepressiva genauso schnell verordnen, wie es aktuell bei Erwachsenen der Fall ist (werden Antidepressiva zu leichtfertig verschrieben?).

Doch das ist nicht passiert. Sein Team entschied kühl zu rechnen und dadurch, die geringfügig erhöhte Wirksamkeit der Medikamente gegenüber Placebo in den Vordergrund zu stellen.

Was in den Daten nicht publiziert wurde, zum Beispiel die sexuellen Funktionsstörungen – das natürlich keinen Niederschlag in den Ergebnissen und Empfehlungen gefunden.

Das ist schrecklich, denn jeder Mensch weiß, dass Sexualität ein wichtiges Thema für heranwachsende Menschen ist und dass sexuelle Funktionsstörungen eine sehr häufige Nebenwirkung von Antidepressiva sind.

Ein verantwortungsbewusster Mensch hätte sich gefragt: Was passiert eigentlich, wenn man Kindern und Jugendlichen Mittel verschreibt, die in der Pubertät starke sexuelle Funktionsstörungen verursachen können. Verändert das ihre körperliche Wahrnehmung? Verändert das ihre Beziehungen zum anderen Geschlecht? Verändert das ihr Selbstwertgefühl?

Wir wissen jetzt: Als Psychiatrieprofessor in Oxford, muss man über solche Dinge nicht nachdenken.

Aber Sie, liebe Leser, sollten darüber nachdenken. Insbesondere wenn Sie vom Arzt ihres Vertrauens hören: “Professoren in Oxford haben sorgfältig geprüft und sind zu dem Ergebnis gekommen, Antidepressiva wirken sehr gut bei Jugendlichen und haben kaum Nebenwirkungen.”

Depression-Heute: Sie sollten in diesem Moment daran denken, dass Sie das Sorgerecht für Ihr Kind besitzen. Über Ihren Kopf hinweg darf niemand entscheiden, welche Tabletten Ihr Kind einnimmt. Ein Arzt oder Psychiater hat in dieser Situation nur eine beratende Funktion und benötigt für die Verschreibung Ihre Zustimmung (sofern Ihnen nicht das elterliche Mitbestimmungsrecht in medizinischen Fragen entzogen wurde). Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Risiken und Chancen sorgfältig gegeneinander abwiegen und die richtige Entscheidung treffen.

Über den Autor

Dr. Peter Ansari

Autor und Depressionsforscher

3 Kommentare

  • Schlimm.
    Ich kannte eine Jugendliche, die diese Medikamente verordnet bekam und sie heimlich weggelassen hatte. Durch eine Blutuntersuchung ist das aufgefallen.
    Von dort an musste sie die Medikation unter Aufsicht in flüssiger Form zu sich nehmen.

    • Sie beschreiben einen unmöglichen Vorgang. Wenn man Psychiatrie auf die Weise des “Du musst” betreibt, dann hämmert man damit den Patienten in den Boden, das sollte heute jeder wissen. Bei Erwachsenen gelingt das nicht, denn viele wehren sich gegen eine solche Behandlung. Aber mit Kindern kann man das wohl machen.
      Der “Heilungseffekt” ist schnell erklärt, man zerstört das Selbstwertgefühl und wartet ab, was passiert. Es ist unanständig, gegen die Einwilligung des Patienten Medikamente zu verabreichen – insbesondere von Medikamenten mit einem derartig biochemisch ausgedachtem und behauptetem Profil, wie Antidepressiva.

    • echt schlimm.
      Manche Beschweren sich über Corona Massnahmen……
      Die waren noch nie in der psychiatrie und schon gar nicht in der kinderpsychiatrie.
      Dachte immer die Würde des Menschen ist unantastbar…
      Spätestens beim durchschreiten der Tür eines psychiaters, noch schlimmer mit Kind, verliert man seine Würde.

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