Antidepressiva Blog

Das kann doch nicht alles nur Placebo sein!

Der Arzt will es nicht glauben

Zu den häufigsten Gegenargumenten gehört: Antidepressiva können nicht so schlecht sein. Ich habe selber welche eingenommen … während einer schweren Krise und das hat mir damals sehr geholfen.

Der Arzt will es nicht glauben

Nicht nur Patienten, auch viele Ärzt halten an dem Glauben einer spezifischen Wirkung auf Depressionen fest. Dabei wissen sie, dass die Biochemie der Depression unbekannt ist und Tabletten deshalb auf unbekannte Vorgänge zielen.

Zu den häufigsten Gegenargumenten mit denen wir konfrontiert werden gehört: Antidepressiva können nicht so schlecht sein. Ich habe selber welche eingenommen … während einer schweren Krise und das hat mir damals sehr geholfen.

Das ist ein starkes Argument.

Wenn persönliche Erfahrungsberichte vorliegen, hilft kein Theoretisieren und Studien verlieren ihre Überzeugungskraft. ABER! Je länger die erste schwere depressive Episode zurückliegt, desto weniger überzeugend trägt jemand dieses Argument vor. Aber warum kann ein starkes Argument an Relevanz verlieren? Weil es von der Realität eingeholt wird. Von der traurigen Realität.

Wer einmal an einer schweren Depression erkrankt war, erkrankt häufig auch ein weiteres Mal an einer Depression. Und genau in dieser Situation machen viele Menschen dann eine bittere Erfahrung: Bei der zweiten schweren Depression hilft ihnen das Mittel, das beim ersten Mal so gut tat – überhaupt nicht mehr.

Biochemisch gibt es dafür keine Erklärung.

Wenn ein Mittel zielgenau gegen eine Depression gewirkt hat – also so wie Insulin bei einem Zuckerkranken, dann müsste dieses Mittel auch zu jedem späteren Zeitpunkt genauso gut wirken (zumindest bei diesem Menschen).

Folglich müsste dasselbe passieren wie bei einem Mittel gegen Bluthochdruck, dass auch zu späteren Zeitpunkten seine Wirkung tut. Oder wie bei einem Schmerzmittel, dass man immer wieder Schmerzen nimmt oder wie bei einem Antibiotikum, dass auch viele Jahre später noch zuverlässig gegen Bakterien wirkt.

Aber bei Antidepressiva passiert das nicht. Diese Mittel verlieren ihre Wirkung. Bei der zweiten schweren Episode haben sie in fast allen Fällen keine Wirkung mehr. Das bringt die Menschen in die Verzweiflung. Sie steigern die Dosis, verkürzen die Einnahmeintervalle – aber die Stimmung bleibt im Keller.

An dieser Stelle könnte man einhaken und fragen, weshalb denn jetzt nicht mehr gelten soll, was früher einmal war. Damals sagte der Hausarzt/ Psychiater – im Brustton der Überzeugung – es läge ein Serotoninmangel vor, dagegen würden Medikamente zielgenau wirken. Aber, warum – verdammt noch mal, liegt dieser Mangel denn jetzt nicht mehr vor? Oder? Oder? Oder?

Man könnte die Frage stellen: War die Wirkung beim ersten Mal vielleicht gar keine spezifische Wirkung? Sondern eine Placebo-Wirkung?

Aber das tut man nicht.

Stattdessen hält man an dem alten Glauben fest. Der Behandler beginnt ein Mittel nach dem anderen auszuprobieren oder ein weiteres dazu zugeben. Eigentlich sollte der Behandler wissen, dass die Biochemie der Depression unbekannt ist. Jedes Mittel, das er seinem depressiven Patienten gibt, ist ein Schuss ins Dunkle. Es bleibt die Frage, wie viele dieser Schüsse er abfeuern möchte oder wie viele Fehlschläge der Patient bereit ist, zu akzeptieren. Eine wissenschaftliche Basis für diese Strategie gibt es nicht (Link).

Und eigentlich passiert bei diesem Herumprobieren und chemischem Gestochere im Gehirn der Patienten nichts anderes, als dass die Zeit überbrückt wird, bis sich die Depression aus natürlichen Gründen zurückbildet.

Sofern nicht durch das Herumprobieren schlimmere Ereignisse ausgelöst werden. Denn die „richtige Medikamentenkombination“ kann leider zu verheerenden psychischen Folgen führen. Nicht selten entstehen bei Menschen, bei denen zu viele Psychopharmaka ausprobiert wurden, Psychosen. Also Nervenzusammenbrüche. Das ist eigentlich etwas, worunter depressive Patienten nur sehr selten litten, bevor ihnen erklärt wurde, wie gut wirksam und verträglich eine dauerhafte Therapie mit Antidepressiva ist.

Aber wenn eine Psychose erfolgt ist, ändert sich die Diagnose, die Medikamentierung und leider oft genug auch der Lebensentwurf.

Depression-Heute: Hätte man es gleich am Anfang richtig gemacht, wäre es für viele am Ende nicht so schlimm gekommen. Es ist auch keinesfalls eine Schande, dass der Placeboeffekt so groß ist. Man könnte das genausogut als Chance für ein gutes Behandlungsergebnis auslegen.

Viele Menschen haben beim ersten Mal aus einem ganz anderen Grund von den Tabletten profitiert. Als sie sich die Tabletten verschreiben ließen, war es das erste Mal, dass sie für sich akzeptierten, unter der Erkrankung Depression zu leiden. Mit der Einnahme der Tabletten signalierten sie ihrem Körper, dass sie jetzt bereit waren, etwas dagegen zu unternehmen. Bereits durch dieses Akzeptieren wurde es häufig schon viel besser.

Über den Autor

Dr. Peter Ansari

Autor und Depressionsforscher

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