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Tapering-Strip zum Ausschleichen von Antidepressiva

taperingstrip peter pauline paul

An einem Montag im April 2019 präsentierten drei Niederländer in der VHS Herford erstmals in Deutschland die „Taperingstrips“. Eingeladen hatte der Psychiater Dr. Wolf Müller. Der Vortrag war für alle Interessierten frei zugänglich, anwesende Ärzte konnten sich Fortbildungspunkte anrechnen lassen. Taperingstrips sind eine Methode, mit der sich schrittweise Antidepressiva und andere Medikamente reduzieren (ausschleichen) lassen. Der Name setzt sich zusammen aus den Worten „to taper“ (engl.) = reduzieren, ausschleichen und „Strip“ (engl.) Streifen.

Was sind Tapering-Strips?

Das sind lange Streifen, mit vielen Beuteln, die Tabletten oder Kapseln mit einer bestimmten Wirkstoffmenge enthalten. Die Wirkstoffmenge nimmt zum Ende hin ab.

Wenn die Tapering-Strips in ihrer Box aufgebaut sind, kann man das mit einer Toilettenpapierrolle vergleichen. Diese Rolle ist in der Box platziert und aus der Schlitzöffnung oben guckt der oberste Streifen heraus.

Der oberste Streifen ist natürlich kein Blättchen, sondern wie bereits erwähnt, ein Plastikbeutel, in dem eine bestimmte Anzahl an Tabletten oder Kapseln enthalten sind. Je nach bestellter Menge erhält man 7 mal, 14 mal oder 21 mal hintereinander Beutelchen mit Medikamenten in der gleichen Dosierung und dahinter geht es mit dem nächsten Reduzierungsschritt weiter. Ein Tapering-Strip enthält immer 28 Beutelchen. Die Beutel sind nummeriert und die Wirkstoffmenge ist notiert.

Die Anwendung ist recht einfach: Man zieht jeden Tag das oberste Beutelchen ab und nimmt die darin enthaltenen Tagesdosis Medikamente ein.

Welche Dosierungsschritte sind möglich?

Grundsätzlich nahezu jede. Es ist auch möglich, Reduzierungsschritte über einen Zeitraum von 10 oder 12 Wochen zu erhalten, dann würde man mehrere Tapering-Strips mit gleichbleibender Dosierung bestellen. Die Kontaktaufnahme erfolgt über die seit April 2019 auf deutsch verfügbar Homepage www.taperingstrip.de. Der Kontakt verläuft über die Regenbogen-Apotheke in Maastricht. Der Apotheker Paul Harder stellt die individuell benötigte Wirkstoffmenge her. Eine Übersicht über die aktuell verfügbaren Wirkstoffe findet sich auf der Seite:

https://www.taperingstrip.de/verschreibung-und-bestellung/

Wie kann man Tapering-Strips bestellen und erhalten?

Da bei dieser Methode verschreibungspflichtige Medikamente gehandelt werden, muss ein Rezept von einem Arzt vorliegen – das muss jedoch kein Psychiater sein, das kann auch ein Hausarzt oder ein Zahnarzt sein. Die Vorgehensweise:

  1. Sie laden sich für das entsprechende Medikament das Formular von der Homepage herunter (z. B. für Citalopram: https://taperingstrip.de/wp-content/uploads/2019/04/CTLP_bestel_DE.pdf)
  2. Sie drucken das Formular aus und gehen damit zu Ihrem Arzt. Dann entscheiden Sie gemeinsam, welche Ausschleichgeschwindigkeit für Sie die richtige ist. Ihr Arzt unterschreibt das Formular und faxt das Formular an die Regenbogen-Apotheke (Regenboog Apotheek) in Maastricht.
  3. Die Regenbogen-Apotheke stellt Ihren Tapering-Strip her und versendet diesen an Ihre Postadresse. Dies dauert in der Regel eine Woche.

Was kosten Tapering-Strips?

Ein Tapering-Strip kostet 77 Euro und reicht für 28 Tage. Das sind 2,75 Euro pro Tablette. Es ist derzeit noch nicht geklärt, ob Ihre Krankenkasse die Kosten übernehmen wird. Aktuell ist es eher wahrscheinlicher, dass Sie die Kosten selber tragen müssen. Die Entscheidung, ob ihre Krankenkasse Ihnen die Kosten der Tapering-Strips zurückerstattet ist eine politische Entscheidung, keine medizinische Entscheidung. In wissenschaftlicher Hinsicht ist es gut begründet, Medikamente langsamer auszuschleichen, als in den aktuell verfügbaren Dosierungen (Link). Der Patient ist bei besserer Gesundheit.

Die Geschichte der Tapering-Strips

Die frühesten Ideen lassen sich bis ins Jahr 2004 zurückverfolgen. Das aktuelle Projekt startete bereits im Jahr 2011 als sich Dr. Paul Groot begann für die Umsetzung zu interessieren. Er hatte selber eine lange Zeit Antidepressiva eingenommen und festgestellt, dass die von der Industrie hergestellten Dosierungen einen Höllenritt beim Reduzieren verursachten. Durch die Förderung der gemeinnützigen Stiftung Cinderella gelang es ihm, aus seiner Idee ein fertiges Produkt herzustellen. Ein wichtiger Partner ist die Regenbogen-Apotheke in Maastricht, die vom Apotheker Paul Harder geführt wird. Hier werden die Tapering-Strips hergestellt. Bei der Verbreitung der Information hilft der gemeinnützige Verein “Vereniging Afbouwmedicatie“, diesen Verein vertritt Pauline Dinklage. Im Gegensatz zu anderen Methoden können mithilfe von Tapering-Strips dosisreduzierte Retard-Tabletten (z. B. Venlafaxin, aber auch retardierte Versionen von Methylphenidat/ADHS-Medikamenten) hergestellt werden. Aktuell haben etwa 2500 Menschen Tapering-Strips genutzt.

Während des Vortrages erklärte Peter Groot:

„Es gibt bereits seit über 50 Jahren Psychopharmaka und viele davon können eine körperliche Abhängigkeit verursachen. Mit den aktuellen Dosierungsschritten, die die Industrie herstellt, ist es für viele Menschen nicht möglich, die Medikamente auf eine vernünftige Art und Weise zu reduzieren oder abzusetzen. Das ist so, als wenn man ein Auto konstruiert und 50 Jahre später darüber nachdenkt, ob man jetzt mal eine Bremse einbaut.“

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Dreimal P. für das Ausschleichen: Peter, Pauline und Paul im April 2019 in Herford (Foto ©depression-heute)

Für seine Arbeit erhält Dr. Peter Groot erstaunlich wenig Unterstützung von der Politik und den Krankenkassen. Während in wissenschaftlicher Hinsicht immer mehr Belege für ein sehr langsames, schrittweises Reduzieren veröffentlicht werden (2019 Lancet Psychiatry) hält sich die Politik bedeckt.

Depression-Heute: Es ist nicht akzeptabel, dass Politiker über all die Jahre die Patienten alleine gelassen haben. Die Unternehmen haben mit ihren Medikamenten Milliarden verdient. Es wäre für die Politik sehr leicht gewesen, die Hersteller zu zwingen auch andere Dosierungen herzustellen und anzubieten. Dann wäre es vielen Menschen schon früher gelungen, von Ihren Medikamenten loszukommen.

Aber solange die Ärzteschaft weiterhin beide Augen vor der Entzugs- und Abhängigkeitsdebatte verschließt und behauptet, es gäbe weder eine körperliche Abhängigkeit von Antidepressiva noch schwerwiegenden Absetzerscheinungen – können Politiker nicht reagieren und neue gesetzliche Bestimmungen erlassen. Und das bedeutet, dass weiterhin alle Patienten die Absetzschwierigkeiten erleben diskriminiert und ausgegrenzt werden. Viele Patienten fühlen sich der Lächerlichkeit preisgeben, wenn sie ihre Erfahrungen ansprechen und ihr Gegenüber erklärt, so etwas hätte er in 20 Jahren Berufstätigkeit noch nie gehört. Das ist nach wie vor sehr, sehr bitter.

Über den Autor

Dr. Peter Ansari

Autor und Depressionsforscher

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