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„Da hat sich deutlich etwas verändert“, bemerken fast alle Menschen, die Antidepressiva einnehmen. Aber sind es die Medikamente oder ist es die Erkrankung?

Kein Sex durch Antidepressiva

Erst seit wenigen Jahren sollen Berichte vorliegen, die von sexuellen Funktionsstörungen durch Antidepressiva berichten. Aber bereits 1998 hat Pfizer damit geworben, dass Viagra eine Impotenz, die durch Antidepressiva verursacht wurde, wieder herstellen konnte.

"Das liegt an der Erkrankung" behaupten viele "Fachleute", obwohl die Studienlage eindeutig ist.

Aber was passiert denn da überhaupt? Während manche „nur“ weniger Lust auf Sex haben, kommen andere kaum noch in Fahrt (sind schwer erregbar), viele sind impotent und noch mehr Personen ist das Thema so unangenehm, dass sie am liebsten gar nicht darüber reden möchten. Wieder andere empfinden sogar Schmerzen während des Sex, sehr viele erreichen keinen Höhepunkt mehr - nicht einmal bei der Selbstbefriedigung.

 

Wie geht man damit um? Sexualität ist ein heikles Thema. Kaum eine/r sucht Hilfe, kaum eine/r spricht es offen an. „Vielleicht betrifft es ja nur mich“, ist ein weit verbreitetes Denken. Frauen gehen häufiger davon aus, dass es an ihnen liegt und fragen sich ob sich ihre Liebe verändert hat - die Männer dieser Frauen fühlen sich zurückgewiesen und reagieren sehr unterschiedlich.

Männer die keine Lust mehr empfinden, gehen damit sogar noch unterschiedlicher um. Manche fassen es als Befreiuung auf. Aber die, bei denen sich nichts mehr regt, sind besonders gefährdet. Manche fühlen sich wie totale Versager. Vorher konnten sie sich zumindest auf ihre Sexualität verlassen. Und wenn dann nichts mehr geht ... Eine Studie von Wolfersdorf zeigt, dass die Suizidgefährdung von Männern, die nach vier Wochen stationären Aufenthalt das erste Mal Wochenendausgang haben … besonders hoch ist. Es benötigt wenig Einfühlungsvermögen, um sich vorzustellen, was während dieses Wochenendes probiert wurde und dann nicht funktioniert hat.

Ist eine gestörte Sexualität der Preis für die Besserung einer Depression? Das Gegenteil ist richtig. Eine gesunde Sexualität hat einen positiven Einfluss auf die depressive Symptomatik.

Zunächst einmal: Die sexuellen Störungen, die Antidepressiva verursachen, treten viel zuverlässiger auf, als eine antidepressive Wirkung. Professor Peter Gotzsche schreibt, dass die Auslösung von sexuellen Funktionsstörungen die zuverlässigste Eigenschaft von Antidepressiva ist und witzelt, das er diese Medikamente deshalb unbedingt als „hochwirksame Mittel zur Störung des Sexuallebens“ (S. 309) empfehlen würde.

Viele Patienten glauben die Störung der Sexualität wäre ein Hinweis auf die spezifische Wirkung der Antidepressiva. Aber das ist ein Trugschluss. Die Störung der Sexualität wird durch zwei Mechanismen ausgelöst: 1. Das vermehrte Serotonin in Darmbereich, welches die Medikamente freisetzen. Serotonin ist kein Botenstoff des Kopfes, sondern vorrangig im Magen-Darm-Bereich vorhanden. Dort befindet sich 95 Prozent des körpereigenen Serotonins. Im Darmbereich sind auch die meisten Serotonintransportermoleküle, die die biochemischen Ziele der Medikamente sind. Im Darmbereich hat Serotonin eine klar definierte Funktion: Es zieht die glatte Muskulatur zusammen. Die Wirkung von Serotonin auf die Muskulatur hat nichts mit einer depressionsspezifischen Wirkung zu tun. Tatsächlich gibt es sogar ein SSRI, das nicht als Antidepressivum verschrieben wird, sondern nur von Urologen. Es heißt Dapoxetin und wird gegen vorzeitigen Samenerguss eingesetzt. 2. Viel Serotonin im Gehirn verhindert Sexualität, wohingegen wenig oder kein Serotonin im Gehirn hypersexuell, bzw. nymphoman macht. Das zeigen Tierexperimente mit TPH2-knock-out Mäusen. Übrigens bei den Depressionstests, die Pharmakologen zur Diagnose einer Depression einsetzen, sind diese Tiere unauffällig. Das heißt, sie gelten als nicht-depressiv, obwohl sie kein Serotonin im Gehirn haben.

Im Prinzip müssten Ärzte – weil die sexualitätseinschränkenden Nebenwirkungen mittlerweile sehr gut bekannt sind – dies berücksichtigen, wenn der Patient in einer Partnerschaft lebt. Der Arzt müsste also eine antidepressive Substanz auswählen, die keine sexuelle Funktionsstörung auslöst.

Aber das ist reines Wunschdenken. Es passiert nicht. Stattdessen verschreiben Ärzte am häufigsten SSRIs. Und warum ist das so? Wegen einer unpassenden Vorschrift in den USA und den daraus hervorgegangenen Daten, die für Deutschland übernommen wurden.

Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA verlangt für Nebenwirkungen, dass der Patienten sie von sich aus anspricht. Aber bei sexuelle Funktionsstörungen trauen sich das nur knapp 10 Prozent. Und deshalb ist dies auch der offizielle Wert. Das sexuelle Problem gilt daher als nicht besonders ernst zu nehmend. – Aber … mal unter uns: Treten diese Störungen wirklich nur so selten auf?

Nein, natürlich nicht. Wenn man nachfragt, erhält man ganz andere Antworten. Die berühmteste Studie zu sexuellen Funktionsstörungen stammt von Montejo (1997 und 2001). In der ersten Studie berichtete Montejo, dass Frauen viel schwerwiegender und häufiger unter sexuellen Funktionsstörungen leiden, als Männer.

Später berichtete er, dass von 1400 mit Antidepressiva behandelten Patienten 60 Prozent auf Fragebögen über sexuelle Funktionsstörungen berichteten. Im persönlichen Gespräch sollen sogar 80 Prozent eine Störung bejaht haben.

Eine methodisch sehr gute Arbeit stammt von Anita Clayton. Sie berichtet, dass etwa 40 Prozent aller Patienten, die mit SSRs behandelt wurden, unter starken sexuellen Funktionsstörungen leiden. Sie beschreibt, geschlechtsspezifische Unterschiede. Demnäch würden Männer unter TCA schwieriger erregt werden, als unter SSRIs. SSRIs bewirken hingegen häufiger eine Anorgasmie oder verzögern eine Ejakulation.

Das Auftreten von sexuellen Beeinträchtigungen funktioniert sogar so zuverlässig, dass die Firma Jansen-Cilag mit Dapotin ein SSRI auf den Markt brachte, das keine Indikation als Antidepressivum besitzt, sondern nur für die Behandlung des vorzeitigen Samenergusses eingesetzt werden darf. Dapotin ist das sogenannte Urologen-SSRI – Allerdings sind sich Fachleute nicht einig, ob vorzeitiger Samenerguss überhaupt eine Erkrankung ist.

Während manche Pharmafirmen aufgrund des Bekanntwerdens der sexuellen Problematik wieder eine Chance für ihre Nicht-SSRI – Antidepressiva wittern und bereits begonnen haben ihre Pharmavertreter loszuschicken um Bupropion, Mirtazapin, Agomelatin oder andere Mittel zu vermarkten – sollten informierte Menschen sich davon nicht beeindrucken lassen. Fachleute wissen, dass sexuelle Funktionsstörungen die häufigste Ursache darstellen, die zum Absetzen von allen Antidepressiva führen.

Die Beeinträchtigung ist auch keinesfalls auf SSRI eingeschränkt. Grundsätzlich können alle Mittel, die auf 5-HT2C und 5-HT3 Rezeptoren wirken, die sexuelle Funktion beeinträchtigen, aber das gilt auch für alle Medikamente, die auf ACh-Rezeptoren, Dopamin-D2-Rezeptoren wirken oder die Stickstoff-Synthese blockieren.

Die Pharmaindustrie weiß bereits seit langem, dass Antidepressiva impotent machen können. Es gibt sogar mehrere Studien die zeigen, dass Viagra eine Impotenz, die von SSRI, SSRI,  Phenelzin (MAO) oder Fluvoxamin verursacht wurde, wieder aufheben kann. Die Versuche wurden vor knapp 20 Jahren durchgeführt – aber ihr Arzt weiß bestimmt erst seit ganz kurzer Zeit, dass Antidepressiva die Sexualität beeinträchtigen ...

Was bleibt da übrig? Man muss schon einen festen Glauben an die starke Selektivität der Moleküle haben, um eine bestimmte Substanz zu empfehlen. Aber Biochemiker haben bereits mehrfach gezeigt, dass die antidepressiven Medikamente alle nicht so selektiv sind, wie die Pharmafirmen versprechen. Sie wirken an fast allen Rezeptoren gleichzeitig.

Besonders nachdenklich stimmt, dass bei 5 bis 10 Prozent der Menschen, die unter einer sexuelle Funktionsstörung litten, auch noch 4 bis 6 Monaten nach dem Ende der medikamentösen Therapie keine Besserung auftritt.

Hier gibt es eine Selbsthilfegruppe, in der vor allem Männer schreiben, obwohl Frauen viel häufiger von dem Phänomen betroffen sind.

Depression-Heute: Es ist falsch zu glauben, dass depressive Patienten nicht an Sex interessiert sind. Das mag in akuten Phasen zutreffen, aber ändert sich meistens schon nach 14 Tagen. Wenn diese Veränderung eingetreten ist und Sexualität funktioniert, kann dies auf den Heilungsprozess beschleunigend wirken. Aber wenn Antidepressiva Sexualität und das damit verbundene Erleben des Körpers verhindern, kann das sehr ungünstig sein. Es kann auf längere Sicht ein Beziehungskiller werden.
Antidepressive Medikamente beeinträchtigen die Sexualität. Alle chemischen Antidepressiva vermindern die Lust, erschweren die Erregeung und häufig entsteht Impotenz. Die SSRI sind als sexualitätsverhindernde Medikamente besonders hervorzuheben. Sie bewirken zusätzlich noch Orgasmusstörungen und verzögern Ejakulationen.
Sicherlich beeinträchtigt eine Depression die Sexualität. Aber für die Funktionsstörungen sind die Medikamente verantwortlich.

Update: November 2017:
100.000 Dollar für Forscher
die sexuelle Funktionsstörungen bekämpfen