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Die EnkeApp ist nicht hilfreich

EnkeApp im Playstore

Am 10. Oktober hat die Robert-Enke-Stiftung gemeinsam mit dem DFB eine DepressionsApp vorgestellt. Wir haben die App geprüft.

EnkeApp im Playstore

Der gesamte DFB kommt zusammen und feiert sich für sein soziales Engagement, das ist gute PR. Führt aber dazu, dass man sehr unkritisch ist. Es scheint, dass sich die Profifussballer gar nicht die Frage gestellt hat, was sie da überhaupt promoten. Denn der so hochgerühmte SOS-Notruf, der Leben retten soll – ist kostenpflichtig und wird erst nach Registrierung und einer Zahlung von (?) Euro freigeschaltet. Trotzdem behauptet Teresa Enke: so eine App hätte – wenn es sie den damals schon gegeben hätte – das Leben von Robert Enke gerettet. Aber dann hätte die App ihren Mann davon überzeugen müssen, sich in eine Klinik einweisen zu lassen – doch die App versucht gar nicht zu erklären, was in einer Klinik passiert. Stattdessen macht sie mit ihrem Depressionstest jeden Menschen mit Sorgen zu einer behandlungsbedürftigen Person. Dann gibt es noch ein albernes Quiz und Informationen, die genauso in jeder Illustrierten stehen. … Fußballer müsste man sein, dann wäre man von ganz wenig begeistert und würde aufhören, kritische Fragen zu stellen.
Das sagt
„Die Mannschaft“
zur EnkeApp

Darf man die EnkeApp blöd finden? Ja, man muss es sogar.

Depressionen sind schlimm, das ist nicht zu bestreiten. Und es ist auch gut, wenn Betroffene sich Hilfe suchen.

Aber – angesichts einer Versiebenfachung der Verschreibung von Antidepressiva – reicht es heutzutage nicht mehr aus Depressionen, enttabuisieren zu wollen.

Wir benötigen eine Diskussion über die richtige Behandlungsmethode. Eine Methode, die besser hilft, Rückfälle zu vermeiden!

Sind Antidepressiva wirklich ein Segen? Hatte nicht Robert Enke vor seinem Suizid Antidepressiva eingenommen? Gibt es Gründe, an Serotonin zu zweifeln? Sind Depressions-Tests eine Hilfe oder sind sie nicht ein verstecktes Mittel um gesunden Menschen mit Sorgen Antidepressiva anzudrehen?

Die EnkeApp wirft mehr Fragen auf, als Antworten zu geben und verspricht mehr, als sie hält. Oder gibt es Menschen, die glauben, dass nach dem Drücken eines kostenpflichtigen SOS Knopfs eine Task Force in Bewegung gesetzt wird, die zum richtigen Zeitpunkt an die richtige Stelle rückt? Depression-Heute glaubt, für Menschen, die gerettet werden wollen, ist die Notruf-Taste viel leichter zugänglich … und sogar kostenlos und ohne Anmeldung zugänglich.

Also, wird die EnkeApp tatsächlich Leben retten, so wie es Jogi Löw, Bierhof und die anderen versprechen? Sicherlich nicht. Wer schwer depressiv oder suizidal ist, braucht kein Programm vom Google Playstore, mit lustigem Quiz und einer Hotline, die am Dienstagnachmittag anzeigt: nächste Sprechstunde Mittwoch 9.00 bis 12:00 Uhr. Ein depressiver Mensch benötigt menschliche Zuwendung. Es ist viel eher zu befürchten, dass die EnkeApp vermehrt gesunde Menschen, die sich nur Sorgen machen, dazu verleitet Antidepressiva einzunehmen. Denn genau das passiert, wenn jemand mit Sorgen zum Arzt geht (siehe Odysso Feature vom 17.12.2015). Doch allzu große Befürchtungen muss man auch nicht haben. Der Infobereich ist so schlecht programmiert, dass sämtliche HTML-Auszeichnungen noch zu lesen sind. Ein Wunder, dass die Mannschaft über diese Unprofessionalität schweigt.

Was die EnkeApp leisten könnte: Sie könnte Menschen davor warnen, dass ihnen – ohne Aufklärung – Mittel verschrieben werden, die eine lebenslange Abhängigkeit verursachen können. Sie könnte auch darüber informieren, dass jeder 12. Patient durch antidepressive Medikamente suizidale Gedanken entwickelt (Zahlen vom MPI für Psychiatrie). Aber das tut die EnkeApp nicht. Dabei wäre das wirklich hilfreich, insbesondere wenn man bedenkt, wie viele Menschen die Stiftung erreicht.

 

 

Über den Autor

Dr. Peter Ansari

Autor und Depressionsforscher

3 Kommentare

  • Heute kam im Ersten eine Sendung über Robert Enke und seine Depressionen. Man erfuhr, dass es Robert Enke in seiner letzten Episode so schwer erwischt hat, wie nie zuvor. Interessanterweise hatte er da ein Antidepressivum eingenommen. Und in dieser Episode nahm er sich auch das Leben. Kann es sein, dass ihn die Chemie so geschwächt hat, dass auch seine für ihn wichtigste Leistung nachließ? Ich bin zwar kein Profi-Sportler, aber ich konnte vor der Einnahme von Mirtazapin noch für meine Verhältnisse recht ausdauernd Laufen – selbst mit der Depression noch. Aber als ich dann dieses Zeug einnahm, ging fast gar nichts mehr. Ich war körperlich so erschöpft wie nie zuvor. Das schlimme ist auch noch, dass einem dann keiner glaubt, dass es an dem Medikament liegt. Alle Beschwerden werden auf die Depression geschoben. Am Besten, man erzählt niemandem von den Beschwerden! Es ist psychisch noch zusätzlich anstrengend, wenn man verzweifelt versucht, ernst genommen zu werden, aber für die Menschen nicht sein kann, was nicht sein darf: Dass das Zeug, was man vom Arzt bekommt, einem auch noch schadet.

    • Hallo Frank,
      mein Bruder war Arzt, probierte alle Medikamente durch und beging in seiner letzten Episode Selbstmord. Das war für mich der Punkt, an dem ich die gewöhnlichen Weisheiten zu hinterfragen begann.
      Das ist jetzt 14 Jahre her. Mittlerweile weiß ich (wissen wir), was ein ganz wesentlicher biochemischer Faktor bei der Entstehung der Depression ist (betrifft auch andere Krankheiten, die als „psychiatrisch“ eingeordnet werden), und welche Laborwerte wichtig sind.
      Ich nehme noch heute Kontakt zu Dr. Ansari auf.
      Wir haben ein Ferienheim aufgebaut, in dem wir auf Empfehlung unseres Chefarztes hin Kurse und andere Hilfsangebote durchführen.
      Haben Sie Geduld. Ihnen kann kurzfristig und nachhaltig geholfen werden, aber heilen müssen Sie sich selbst.
      Alles Gute!
      Georg

      • Sehr tragisch, die Geschichte Ihres Bruders! Welche Laborwerte sind denn Ihrer Meinung nach wichtig? Ich hatte während meiner Depression auch Blut untersuchen lassen und es wurde nichts auffälliges gefunden (etwaige Entzündungsmarker nicht nachgewiesen). Auch mit Vitamin B und D und Omega 3 hatte ich es erfolglos versucht. Was meine Depression angeht: Keine Sorge! Die ist seit August erstmal vorbei. Sie verschwand ohne Medikamente und ich war schon seit Wochen nicht mehr beim Therapeuten. Nur leide ich noch unter Folgeschäden von Mirtazapin (Muskelschmerzen, Gelenkbeschwerden, Pulsstromartige Empfindungen, Schlafstörungen), wovon man sich leider mit stärkster Willenskraft nicht selbst heilen kann. Mir bleibt nur die Hoffnung, dass das nach Monaten oder Jahren wieder verschwindet.

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