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Die Beerdigung der Diagnose Schizophrenie

Der Sinn und Zweck einer Diagnose ist fragwürdig

Nach 50 Jahren intensiver For­schung gibt es immer noch keinen Hirn­marker und keinen Bluttest für Schizophre­nie, erklärt der niederländische Psychiater Jim von Os in einem Interview der Zeitschrift Spektrum (Link). Er möchte die Diagnose Schizophrenie abschaffen, da vollkommen unklar ist welcher Zustand mit der Diagnose beschrieben wird. „Es gibt kein klar definiertes Krankheitsbild, nur verschiedene psychoti­sche Symptome, die sich in Schweregrad und Dauer unterscheiden.“

Patienten erhalten daher schnell eine Diagnose, aber grundsätzlich nicht die richtige Behandlung.

Wie willkürlich die Behandlungen sind, zeigt sich am Beispiel einer „Schizophrenie-Behandlung“ in Norwegen oder in den Niederlanden. In Norwegen haben Bürger das Recht, sich für oder gegen eine neuroleptische Medikation zu entscheiden. In den Niederlanden ist das nicht der Fall und in Deutschland sieht die Realität häufig ebenfalls anders aus. Aus medizinischer Sicht ist es schwer verständlich, weshalb Landespolitik die Therapie so stark beeinflusst.

Jim van Os erhofft sich eine besser Behandlung durch eine präzisere Beschreibung des Krankheitsbegriffs. Dafür arbeitet er mit Philosophen, Quantenmechanikern und Betroffenen zusammen (PsychoseNet). Zu den wichtigsten Aufgaben gehört es, das Krankheitsbild aus der biologischen Psychiatrie abzulösen, da aktuell noch immer behauptet würde, das Gehirn wäre die Ursache für den Geist, was überholt und veraltet ist. Van Os geht davon aus, dass in der Psychiatrie unter anderem Phänomene auftreten, die sich dem physikalisch Messbarem entziehen und sucht nach Methoden, mit denen Immaterielles integriert werden kann.

Van Os erklärt: Bei einer Psychose gibt es ein Problem mit der Interpretation der Realität. Sie wird durch die Brille der eigenen Emotionen gesehen. Dabei bestimmen die persönlichen Gefühle die Konstruktion der Wirklichkeit. Allerdings ist das bis zu einem gewissen Grad „normal“, da jeder Mensch in die Ereignisse aus seinem Leben etwas hineininterpretiert und die allermeisten dennoch ihren Alltag problemlos meistern. Die Psychose wäre daher keine Krankheit, sondern ein Kontinuum.

Os rät daher den Begriff »Schizophrenie« nicht mehr zu gebrauchen. Ein weiterer wichtiger Grund auf diese Bezeichnung zu verzichten, ist der noch immer verbreitete Glaube, die Krankheit würde stets ungünstig verlaufen. In Japan wurde die Diagnose Schizophrenie als verkappter Auftrag zum Suizid verstanden. Die Diagnose eines „gespaltenen Geists“ bedeutete für die Betroffenen, dass sie nicht mehr willkommen waren und von ihnen erwar­tet wurde, sich das Leben zu nehmen. Deshalb wurde der Begriff auf Druck des Gesundheitsministeriums geändert. Dort heißt die Erkrankung jetzt Integrationsstörung. Van Os plädiert für den Begriff Psychoseanfälligkeit oder Psychose-Spektrum-Syndrom.

Über den Autor

Dr. Peter Ansari

Autor und Depressionsforscher

Kommentar

  • Dieses Interview (unbedingt lesen!) ist ganz wunderbar, patienten- und menschenfreundlich. Einfach, weil Jim van Os der Realität der Menschen Rechnung trägt. Ganz im Gegensatz zu der heute üblichen kategorialen Diagnostik, die leidende Menschen in Krankheits-Schubladen zwängt, statt eben deren „Biografie und existenzielle oder soziale Probleme“ zu erfassen. Die alte Psychiatrie gehört geändert – dringendst!!!

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