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Die Uniklinik Leipzig bewirbt im März 2018 ein "kombiniertes Verfahren" als Neuheit und behauptet: "Eine leichte Elektrostimulation mit Hilfe von Gleichstrom ... kann die Aktivität der vorderen Gehirnregionen gezielt verstärken" (Link). Aber natürlich ist das nicht wissenschaftlich bewiesen, sondern es ist nur eine Behauptung (genau deshalb ist der Satz mit dem Wort "kann" formuliert). Und tatsächlich ist die Methode noch nicht einmal neu und sie wird auch nicht das erste Mal in Leipzig angewendet. 

Bereits im Jahr 1818 empfahl der Leipziger Psychiater Johann Christian Heinroth (1773-1843) für die Therapie von seelengestörten Patienten:

„Wir fügen den Rath hinzu: den Kranken im Finstern Schläge aus electrischen, galvanischen Batterien zu geben.“  J. C. A. Heinroth: Lehrbuch der Störungen des Seelenlebens oder der Seelenstörungen und ihrer Behandlung. Vogel, Leipzig 1818, S. 140)

heinroth rath

Das muss man sich folgendermaßen vorstellen: Die Kranken befinden sich im dunklen Keller der Klinik (an einem Stuhl gefesselt) und dann sollte ihnen jemand aus der Dunkelheit heraus Stromschläge aus einer Batterie (also mit Gleichstrom) erteilen. [… wir möchten hinzufügen, dass diese Therapieform bereits zum damaligen Zeitpunkt die Zeitgenossen erschrak.]

Aber Professor Heinroth war unbeirrbar. Er war weltweit der erste Professor für Psychiatrie, wohlgemerkt in Leipzig und übernahm diesen Lehrstuhl im Jahr 1811. Sein wichtigstes Werk erschien 1818. Mittlerweile gilt seine Sichtweise auf die Erkrankungen als überholt, dennoch ist er derjenige gewesen, der den Begriff "Depression" erstmals für die Erkrankung verwendete.

Doch genug zum historischen Exkurs. Heute ist alles ganz anders. Bei der Neuauflage dieser Therapieform in Leipzig im Jahr 2018 zahlt sogar die Kasse und möglicherweise ist der Patient nicht so stark gefesselt und vermutlich bleibt sogar das Licht angeschaltet.

Gleichstrom für depressive Patienten
Uniklinik Leipzig 2018

Erstaunlich bleibt dennoch, dass die Gleichstrom-Methode bereits vor 200 Jahren so erfolglos war, dass sie schnell wieder in Vergessenheit geriet.

Aber was kümmert uns 200 Jahre altes Wissen? Diesmal klappt es bestimmt. Und wenn es nicht hilft … ja, dann schalten die Ärzte in Leipzip vielleicht doch noch mal das Licht aus. Manches ändert sich bekanntlich nie ...

Übrigens: Die Behandlung mit Wechselstrom (also dem, was aus der Steckdose kommt) wurde erst 1938 „erfunden“.

Depression-heute gratuliert der Uniklinik Leipzig zu seinem denkwürdigen Jubiläum und dem eisernen Festhalten an Traditionen. Denn warum soll man etwas ändern, nur weil es bereits vor vielen Jahren widerlegt wurde? "Vielleicht haben Sie schon mal von dem Serotonin gehört?" Wer sagte das ... oder tut er es immer noch?