Jugendliche erleiden durch COVID-19-Beschlüsse emotionale Traumen
Ein Beitrag von Dr. Peter Ansari
Was passiert eigentlich, wenn man einem 14- bis 18-Jährigen erklärt:
- „Wenn du dich mit Freunden triffst, tötest du Oma und Opa.“
- „Wenn deine Klassenkameradin ihre Freundin tröstend umarmt, verbreitet sie todbringende Viren.“
- „Verschiebt eure Partys auf die Zeit nach Corona – egal wann das sein wird, sonst werdet ihr eingesperrt oder müsst eine hohe Strafe zahlen.“
Wenn die eigenen Eltern so etwas sagen, passiert das schlimmstmögliche: Die Kinder glauben es.
In der aktuellen Krise sind Kinder und Jugendliche häufig die schutzlosesten Opfer der Pandemiemaßnahmen. In den Wohnungen herrscht Beengtheit, viele Eltern leiden unter Existenzangst, es kann Probleme mit Alkohol und Drogen geben. Die Familien sind isoliert, Spannungen entstehen, nicht selten entladen sie sich in Gewalt.
Doch selbst wenn die schlimme Zeit der Isolation überstanden ist, stellt sich die Frage: Welche Folgen haben die staatlich verordnete Abstinenz zu Schule und Freunden sowie die Regeln der „sozialen Distanzierung“?
Tatsächlich kann sich in dieser Zeit die Selbstwahrnehmung der Kinder grundlegend verändern. Sie nehmen sich nicht mehr als erwünschte und liebenswerte Wesen wahr, sondern als Bedrohung („Infektionsbrücke“), und gewöhnen sich ein isoliertes Verhalten an, das sie auch später beibehalten.
Die vermutlich folgenschwerste Entwicklung dabei ist der erlernte Verzicht auf Berührungen – das kann das gesamte spätere Leben negativ verändern. Wenn sich Jugendliche erst einmal daran gewöhnt haben, Berührungen zu vermeiden, kann es vorkommen, dass sie keine Beziehungen mehr eingehen. Sie vereinsamen, entwickeln Depressionen. Im schlimmsten Fall werden sie zu „Hikikomori“ – so nennt man in Japan Menschen, die sich monate- oder jahrelang weigern, das elterliche Haus zu verlassen (Feature in der ARD Audiothek).
„Menschen sind wie Musikinstrumente, ihre Resonanz hängt davon ab, wer sie berührt.“
Constancio C. Vigil, zitiert nach „Berührung von B. Müller-Oerlinghausen und G. Mariell Kiebgis“
Die offensichtlichen Auswirkungen der „sozialen Distanzierung“ auf Jugendliche sind:
- ein unverhältnismäßiger Anstieg psychischer Erkrankungen
- ein unverhältnismäßig hoher Anstieg von Hauterkrankungen (Akne, Schuppenflechte und Ekzeme)
- eine partnerlose Lebensweise
- ein Verlust an Grundvertrauen
Diese Entwicklung lässt sich nur abwenden, wenn wir die Bedeutung von Berührungen anerkennen. Wir müssen uns an ihren emotionalen und heilsamen Wert erinnern, der sich sogar biochemisch messen lässt, unter anderem über die Ausschüttung von Oxytocin und eine Reduzierung von Cortisol.
Vielleicht sollten wir uns dazu noch einmal an die Verhaltensexperimente aus den 1950er Jahren erinnern: Damals ließ der Forscher Harry Harlow Rhesusäffchen mit einer „Draht-Mutter“ aufwachsen. Die Affen waren kontaktgestört und behielten diese Störung bei.
Eine neuere Arbeit über das Verhalten von Kindern ist das Bucharest Early Intervention Project, das in einer Langzeitbeobachtung das Verhalten rumänischer Heimkinder untersucht hat.
Eine heilsame Gegenmaßnahme sind liebevolle Berührungen. Verständnisvolle Berührungen können seelische Wunden heilen, Stresshormone abbauen und Beziehungen ermöglichen. Sie fördern Sensibilität, Kreativität und Selbsterkenntnis.
Wenn wir uns nicht schleunigst darum kümmern, dass Jugendliche die Regeln der sozialen Distanzierung im engeren Familien- und Freundeskreis wieder verlernen, werden wir das Aufwachsen einer überängstlichen und bindungsunfähigen Generation erleben.
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