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Gastautor: Fragwürdige Psychopillen für Kinder

Kinder und Psychopharmaka

Im schweizer Gesundheitstipp 09/2021 berichtet die Redakteurin Monique Misteli über Kinder und Jugendliche, denen Psychopharmaka verschrieben werden.

Psychiater geben Kindern mit psychischen Krankheiten oft starke Medikamente für Erwachsene. Statt Psychotherapien verordnen viele Ärzte Kindern Medikamente, die nur für Erwachsene zugelassen sind. Fachleute fordern deshalb mehr Pädagogen statt Mediziner in der Kinderpsychiatrie.

Der Berner B. K. war ein rebel­lisches Kind: frech, manchmal gar aggressiv.  Als sich seine

Eltern scheiden ließen, verstärkte sich das. Im Alter von elf Jahren stellten ihm die Ärzte die Diagnose Schizo­phrenie – obwohl er keine typischen Symptome hatte wie wirre Gedanken oder Stimmen im Kopf. In der psy­chiatrischen Klinik verschrieben ihm die Ärzte zuerst das Medikament Zy­prexa, dann Solian. Beide Präparate gehören zur Gruppe der Neuroleptika. Sie dämpfen das Nervensystem stark.

«Ich fühlte mich leer und nahm über 25 Kilo zu», sagt der heute 33­-jährige B. K. Zudem begann er zu zittern. Auch der Bündner L. R. (18) er­hielt vor drei Jahren die Diagnose Schizophrenie. In der Klinik verab­reichte man auch ihm Neuroleptika: zuerst Haldol, dann Zyprexa, zuletzt Abilify. Auch L. R. nahm über 10 Kilo zu und war kaum ansprechbar. «Er war wie weggetreten», sagt seine Mutter.

Ärzte kritisieren den Einsatz sol­cher Medikamente bei Kindern und Jugendlichen. Denn die meisten Medikamente sind für Patienten unter 18 Jahren gar nicht zugelassen. Und sie haben starke Nebenwirkungen (siehe Tabelle).

Der Depressionsforscher Peter Ansari aus Scheessel (D) sagt, jeder Arzt sollte davon absehen, Kindern und Jugendlichen Neuroleptika zu verschreiben. Und Psychiater Piet Westdijk aus Brugg AG ergänzt: «Me­dikamente sind nur im äußersten Notfall eine Option.»

Bereits länger bekannt ist, dass Neuroleptika Übergewicht und Be­nommenheit verursachen. Das bele­gen verschiedene Studien. Aber auch Krampfanfälle, Schwindel, Kopf­ schmerzen, Schlaflosigkeit oder Übel­keit kommen oft vor. Nun zeigt eine im letzten Mai veröffentlichte Über­sichtsarbeit koreanischer Forscher: Das Risiko von Nebenwirkungen wie Krämpfen und Bewegungsstörungen erhöht sich um das Drei­ bis Acht­fache. Dafür untersuchten die For­scher Daten von fast 11 000 Kindern und Jugendlichen, die solche Medi­kamente zum ersten Mal erhielten.

Bis heute ist unzureichend belegt, wie Neuroleptika bei Kindern und Jugendlichen wirken. Fachleute sehen das kritisch, weil besonders das Ge­hirn noch mitten im Entwicklungs­prozess ist und man zu wenig über die Langzeitfolgen weiß.

Starke nebenwirkungen auch bei antidepressiva

Nicht nur bei Schizophrenie verschrei­ben Ärzte Kindern und Jugendlichen Tabletten, auch bei anderen psychi­schen Krankheiten oder Störungen wie Depressionen oder ADHS. Hier sind es etwa Fluoxetin, Sertralin oder Ritalin. Auch sie haben starke Neben­wirkungen: Gewichtszunahme, Übel­keit, Verwirrtheit.

Auch ihr Nutzen ist nur schwach belegt. Letzten Mai veröffentlichte das Forscher­netzwerk Cochrane eine Übersichtsarbeit dazu. Die Wissen­schaftler prüften 26 Studien. Ergebnis: Bei Depressionen wirken Antidepres­siva kaum besser als Placebos.

Häufige Nebenwirkungen

Diese Erfahrung machte auch Ro­bert Stoll aus Riehen BL. Seine Toch­ter (17) leidet seit drei Jahren an einer Depression und an Bulimie. Als es ihr trotz einjähriger Psychotherapie nicht besser ging, verschrieben ihr die Ärz­tinnen das Antidepressivum Fluoxe­tin. Auch nach zwei Monaten hatte sich nichts verbessert. Vater und Toch­ter entschieden sich, die Pillen abzu­setzen. Robert Stoll sagt, der Tochter gehe es jetzt etwas besser. Ihr helfe vor allem, über ihre Ängste zu sprechen.

Fachleute erstaunt das nicht. Psy­chiater Westdijk: «Medikamente be­täuben nur, lösen das Problem aber nicht.» Deshalb sei es besser, beim Auslöser der Störung anzusetzen. Ein Therapeut soll mit dem Kind über schlechte Gefühle sprechen und sie neu einordnen. Dadurch beginnt der Patient, die Probleme anders wahr­ zunehmen, was den Stress und Druck lösen kann. Und Therapiestunden mit der Familie können aufklären, warum die Beziehung zwischen El­tern und Kind so kompliziert ist.

Ansari wie Westdijk fordern mehr Pädagogen statt Medizinern in der Kinder­ und Jugendpsychiatrie. Denn die Gründe für psychische Störungen seien oft ungesunde Beziehungen oder fehlender Sinn im Leben der Jugend­lichen.

Klinikärzte rechtfertigen den Ein­satz der Medikamente. Für Alain Di Gallo, Chefarzt an den Universi­tären Psychiatrischen Kliniken Basel, können Medikamente in gewissen Fällen durchaus sinnvoll sein. «Zum Beispiel dann, wenn ein Kind wegen einer Panikattacke oder schweren Depression seinen Alltag nicht mehr bewältigen kann.» Das sagt auch Oliver Bilke-Hentsch, Chefarzt der Kinder­ und Jugendpsychiatrischen Dienste in Luzern. Die Dosis sei wichtig, damit die Wirkung grösser ist als die Nebenwirkungen. Für die Dauer der Medikation gelte: so lange wie nötig, so kurz wie möglich. Monique Misteli für den Gesundheitstipp 09/2021

Tipps:

  • Sprechen Sie mit dem Kind über seine Störungen.
  • Informieren Sie Bezugspersonen in der Schule oder im Verein.
  • Suchen Sie einen Therapeuten.
  • Lassen Sie sich genau informieren über die Behandlung.
  • Holen Sie sich eine unabhängige Zweitmeinung ein.
  • Suchen Sie Unterstützung bei anderen Betroffenen und Angehörigen.

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