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Wenn es um Depressionen geht, interviewen Medien immer wieder dieselben Experten und merken gar nicht, wie sie dabei vorgeführt werden.

Interview SZ

Als Vorsitzender des Kompetenznetz Depressionen gilt dieser SZ-Experte als besonders kompetent im Umgang mit Depressionen.

Zum Zeitungsartikel in der SZ

Ein berühmter Experte wird von der Süddeutschen Zeitung interviewt. Er leugnet hartnäckig die Erhöhung der Suizidalität durch Antidepressiva und zitiert manipulierte Studien. Man fühlt sich bei seinen Antworten an Historiker erinnert, die abstreiten, dass im zweiten Weltkrieg absichtlich Menschen aufgrund ihrer Herkunft getötet wurden. Das Interview zeigt: Bei historischen Fakten sind Journalisten wach, gut informiert und haken nach. Im Bereich der Psychiatrie schläft die sogenannte vierte Gewalt. Hier helfen Journalisten eine Propaganda zu verbreiten, die Patienten schadet.

Wir haben die Fragen der Süddeutschen Zeitung dem Vorsitzenden von Depression-Heute, Dr. Peter Ansari, vorgelegt.

 Depression-Heute überprüft das Fachwissen von Experten. Heute: Prof. Ulrich Hegerl im Interview mit der SZ. Wir haben die Fragen der SZ verwendet und geringfügig angepasst.

Frage: Eine Studie der britischen University of Hull besagt, dass die neuen Antidepressiva nur in ganz wenigen und schweren Fällen von Depressionen wirklich helfen. Sie sind der Sprecher von Depression-Heute. Was sagen Sie zu diesen Ergebnissen?

Dr. Ansari: Die Studie besagt, dass Antidepressiva bei etwa 95 Prozent der depressiven Störungen von Patienten in Deutschland vollkommen wirkungslos sind. Das große Vertrauen und die große Hoffnung, die viele Psychiater in diese Tabletten setzen ist nicht gerechtfertigt. Viele Patienten werden jedoch von den Ergebnissen der Studie profitieren. Schließlich haben die Tabletten schwere Nebenwirkungen. Es wird deshalb den Menschen mit Depressionen besser gehen, wenn sie diese nicht-hilfreichen Tabletten, nicht einnehmen.

Frage: Andere Experten, wie Professor Hegerl befürchten, dass durch die Ergebnisse der Studie die Suizidrate steigen wird, wenn Patienten weniger Antidepressiva schlucken.

Dr. Ansari: Aber das ist doch vollkommen unwissenschaftlich. Es gibt sehr gute Versorgungsstudien aus Großbritannien und den USA. Da sind Daten von mehreren Hunderttausend Patienten ausgewertet worden. Diese Studien zeigen, dass Antidepressiva das Risiko von Suizidversuchen und Suiziden nicht senken. In der S3 Leitlinie unipolare Depression steht sogar der Satz: "Zur speziellen akuten Behandlung der Suizidalität sollten Antidepressiva nicht eingesetzt werden" (S3 Leitlinie Empfehlung 3-87). Beachtenswert ist stattdessen, dass die bislang größte Studie aus 14 EU-Ländern zeigte, dass sich Suizide häufiger in Ländern ereignen, in denen besonders häufig Antidepressiva verschrieben werden.

Frage: Aber wenn diese Mittel gar nicht wirken, warum werden sie dann so häufig verschrieben.

Dr. Ansari: Der Placebo-Effekt besagt nicht, dass die Mittel nicht helfen. Es ist etwas komplizierter. Am besten stellen sie sich drei unterschiedliche Patientengruppen vor. Die eine Gruppe bekommt kein Mittel, die zweite Gruppe bekommt eine Zuckerpille, also ein Placebo und die dritte Gruppe bekommt ein Antidepressivum. Die Ergebnisse zeigen, dass sich deutliche Besserungen in den Gruppen zwei und drei zeigen, aber erheblich weniger Besserungen in der Gruppe ohne Tabletten. Ein normaler Psychiater behandelt aber nicht mit Zuckerpillen, deshalb geht er davon aus, dass sich die Besserungen auf den Wirkstoff zurückführen lassen und dasselbe denkt auch der Patient. In der Studie über die wir sprechen wurde jedoch gezeigt, dass es keinen Unterschied im klinischen Erscheinungsbild von Gruppe 2 und Gruppe 3 gibt. Das heißt die Antidepressiva wirken nicht besser, als die Zuckerpillen.

Frage: Aber sind diese Studienergebnisse, über die wir sprechen, nicht verfälscht. Kann es nicht sein, dass die Patienten in diesen Studien besonders gut umsorgt werden und sich deshalb auch in den Placebogruppen besonders gute Ergebnisse zeigen?

Dr. Ansari: Wer erzählt den solch einen Blödsinn? Die Studien, in dieser Untersuchung, sind die Zulassungsstudien, die die Pharmafirmen in Auftrag gegeben haben, damit das Medikament in dem Land verkauft werden kann. In diesen Studien wird tatsächlich immer getrickst, aber dabei geht es grundsätzlich darum, dass schwere Nebenwirkungen und Suizide in der Antidepressiva-Gruppe vertuscht werden. Die Tricks der Firmen Eli Lilly und Pfizer sind durch interne Dokumente bekannt geworden. Das Unternehmen GlaxoSmithKline musste deswegen sogar 3 Milliarden Dollar Strafe zahlen. Die Studien, die ausgewertet wurden, sind also darauf angelegt, die Wirksamkeit der Antidepressiva besser darzustellen, als sie sie sind. Unter natürlichen Bedingungen zeigt sich eine viel geringere Wirkung der Medikamente. Das zeigen die STAR*D Studie in den USA oder die MARS Studie in München.

Frage: Das heißt unter naturalistischen Bedingungen wirken die Antidepressiva noch schlechter als die Placebo in den Zulassungsstudien? Aber erhöht sich nicht die Wahrscheinlichkeit einer Besserung, wenn man das Antidepressivum wechselt?

Dr. Ansari: Nein. Das ist überhaupt keine gute Idee. Es gibt kein Antidepressivum, das besser wirkt als ein anderes und mit dem Wechsel von einer Substanz auf eine andere oder auch mit einer Erhöhung der Dosis, erhöht man nur das Risiko, dass Absetzsymptome auftreten. Viele wissenschaftliche Studien zeigen, dass man mit einem solchen Verhalten das Risiko von suizidalen Gedanken und auch Suiziden erhöht. Denn obwohl Antidepressiva nicht gegen Depressionen wirken, handelt sich dabei um Medikamente, die im Gehirn eine Wirkung entfalten und da können sie viele Dinge kaputt machen, genau wie Amphetamine und andere aktivierende Drogen, die auf der Straße als Speed gehandelt werden.

Frage: Aber stieg die Suizidrate nicht in den USA, als erstmals kritisch über die Antidepressiva in Zusammenhang mit erhöhtem selbstschädigenden Verhalten bei Kindern und Jugendlichen berichtet wurde?

Dr. Ansari: Es ist wahr, dass Arbeiten erschienen sind, die einen solchen Zusammenhang behaupteten. Beispielhaft dafür ist die Arbeit von Lu, die in der wissenschaftlichen Welt eine unglaubliche Gegenreaktion verursacht. Auf der Website des Journals haben 26 renommierte Wissenschaftler die systematischen Fehler in dieser Arbeit aufgezeigt. Bereits das Einknicken der Suizidkurve basiert, wie das größere Bild zeigt, auf Datenmanipulation. Aber selbst wenn man sich für diesen Teilausschnitt der Suizidkurve entscheidet, zeigte sich in diesem Zeitraum gar keine Reduzierung in der Antidepressiva-Verordung. Das ist bekannt. Heute würde kein ehrbarer Wissenschaftler eine solche Arbeit zitieren. Das wäre so, als wenn ein Historiker aus den Hitler-Tagebüchern vom Stern zitiert. 

Frage: Sind Antidepressiva für Kinder und Jugendliche eher gefährlich als hilfreich?

Dr. Ansari: Antidepressiva sind für Kinder und Jugendliche gefährlich. Die Gefahr ist deutlich größer als die zu erhoffende Hilfe. Bei 4 bis 14 Prozent der Jugendlichen verursachen die Medikamente Akathisie, das ist eine innere Unruhe, die häufig vor einem Suizid auftritt. Die internen Dokumente von Antidepressiva-Herstellern zeigen zusätzlich, dass die Medikamente bei Jugendlichen nicht besser wirken als Placebo, jedoch viel häufiger schwere Komplikationen verursachen. Hinzu kommen vertuschte Suizide. Da kann man nur raten: Finger weg. In den USA und in Großbritannien tragen dementsprechend sämtliche Antidepressiva-Packungen seit 2005 einen großen schwarzen Warnhinweis, der auf das erhöhte Suizidrisiko bei Kindern und Jugendlichen hinweist. Ich denke, dieses höhere Suizid-Risiko sollten Eltern, aber auch Psychiater, die sich um erkrankte Kinder kümmern kennen.

Frage: Wenn sich dieses Risiko auf die neueren Medikamente beschränkt, sollte man dann nicht vielleicht besser auf die älteren Antidepressiva zurückgreifen?

Dr. Ansari: Aber warum? Die älteren wirken zwar nicht schlechter, aber auch nicht besser. Allerdings sind beide ungefährlich in Bezug auf eine Überdosierung. Man kann sich weder mit den alten Mitteln, noch mit den neuen Antidepressiva durch eine Überdosierung umbringen. Das weiß sogar jeder Hausarzt, dafür benötigen sie keinen "Depressions-Experten". Denn bevor man depressive Patienten mit Antidepressiva behandelte, hatte man ihnen Schlafmittel verschrieben. Leider zeigte sich, dass diese von manchen Patienten für eine Suizid genutzt wurden. Mit Antidepressiva funktioniert so etwas nicht - egal ob alt oder neu.

Frage: Die Befürchtung, dass die Pharmaindustrie unverantwortlich mit Patienten umgeht und alles tut um Nebenwirkungen der Medikamente zu vertuschen basiert doch auf altem Denken. Heute besteht für Pharmafirmen die Pflicht alle Daten offenzulegen. Da geht doch nichts mehr unter.

Ansari: Es wäre sehr schön, wenn dieser Zustand erreicht wäre, aber derzeit sind das alles nur Wunschträume. Erst ab 2016 müssen alle Ergebnisse von in der EU durchgeführten klinischen Studien umfassend für die Öffentlichkeit verfügbar gemacht werden. Das heißt alle aktuell verfügbbaren Antidepressiva sind davon nicht betroffen. Und die Pharmaindustrie ist stets einfallsreich. Das zeigen die Daten des einzig neuen Antidepressivums Brintellix. Dieses wurde unter anderem in Indien und anderen außereuropäischen Ländern getestet, wo dennoch Zweifel an den Studienergebnissen aufkamen.

Frage: Was raten Sie den Betroffenen jetzt?

Dr. Ansari: Eine Depression entsteht nicht aufgrund einer gestörten Biochemie im Gehirn. Das wurde tausendfach geprüft und es wurde jedesmal widerlegt. Die Patienten sollten versuchen Hilfe zu erhalten, die Ihnen in ihrer ganz speziellen Situation hilft, sie auffängt und Handlungsalternativen aufzeigt. Die Idee, das eine millionenfach produzierte Tablette die Ursache von individuellen Schwierigkeiten beseitigen kann und dem Patienten hilft, mit seinen Schwierigkeiten in Zukunft besser umzugehen, erscheint mir märchenhaft. Man muss entweder sehr naiv sein, um das zu glauben oder man ist sehr gewieft und erzählt dieses Märchen zum eigenen Vorteil. 

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