Wenig Serotonin macht nicht depressiv

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Bis zu 90 % der Allgemeinbevölkerung und erstaunlich viele Ärzte, Psychologen und Wissenschaftler glauben fälschlicherweise: Ein depressiver Patient besitzt einen niedrigen Serotoninwert und durch die Gabe eines Antidepressivums wird dieser erhöht, wodurch die Depression endet.

Aus diesem Grund hat eine Forschungskooperation aus Britischen und Schweizer Forschern die aktuell verfügbaren Erkenntnisse aus bildgebenden, genetischen und endokrinologischen Erkenntnisse zusammengeführt und daraus eine umfangreiche Studie erstellt. Das Ergebnis ist eindeutig:

Es gibt keinen Beweis für die sogenannte Serotoninmangel-Hypothese der Depression. Stattdessen zeigen die Ergebnisse: Serotonin spielt bei der Entstehung und Aufrechterhaltung einer Depression keine Rolle.

Der Züricher-Forscher PD Dr. Michael P. Hengartner, der an der Studie mitwirkte, sagt: „Es ist wichtig, dass Hausärzte und Psychiater verstehen: Die Serotoninhypothese ist eine wissenschaftlich unbegründete Annahme. Es gibt keinerlei beweiskräftige Evidenz, dass Depressionen auf einen Serotoninmangel zurückzuführen sind, der durch die Vergabe von Antidepressiva korrigiert werden kann.“

Dr. Michael P. Hengartner

Die Autoren schreiben zudem, die Serotoninmangel-Hypothese der Depression habe negative Auswirkungen auf die Gesundheit von depressiven Patienten. Viele Patienten würden glauben, ihre Krankheit verliefe chronisch und erfordere eine dauerhafte Gabe von Antidepressiva. Andere glauben, eine Depression würde enden, wenn die richtigen Pillen eingenommen würden und Psychotherapie könne nur begrenzt oder gar nicht helfen.

Die umfangreiche Arbeit, die unter der Leitung von Prof. Joanna Moncrieff erstellt wurde, kann kostenlos heruntergeladen werden (Link). Die Studie hat in der wissenschaftlichen Welt eine sehr hohe Aufmerksamkeit erhalten. Sie hält aktuell einen Topwert und ist auf dem besten Weg eine der meistzitierten Arbeiten des Jahres zu werden.

Depression-Heute: Eine weitere Arbeit, die innerhalb der „Neuro-Psychiatrie“ in diesem Jahr große Aufmerksamkeit erhalten hat, ist die schonungslose Analyse der bildgebenden Verfahren in der Psychiatrie  im Fachjournal Neuron. Die Autoren fassen zusammen: „Trotz dreißig Jahren intensiver Forschung in der bildgebenden Neurowissenschaft wurde für keine einzige psychiatrische Erkrankung eine neurobiologische Erklärung entdeckt.“

Scheinbar bemerken erste Forscher, dass in Laboren und mit „hochmoderner Gehirnscantechnik“ kein hilfreiches Wissen über psychiatrische Erkrankungen gewonnen werden kann. Man fragt sich, ob dieses Wissen jemals bei den Geldgebern der psychiatrischen Forschung ankommen wird.

Links

The serotonin theory of depression

Pressemitteilung ZHAW: Depressionen nicht auf Serotoninmangel zurückzuführen

Functional neuroimaging in psychiatry and the case for failing better

Danke an MP für das GIF und zusätzliche Links

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