Viel Serotonin macht krank
Ein Beitrag von Dr. Peter Ansari
Viele Menschen glauben, viel Serotonin mache glücklich. Das Gegenteil ist der Fall: Ein hoher Serotoninwert im Gehirn verursacht ein Serotonin-Syndrom – einen lebensbedrohlichen medizinischen Notfall. Und ist der Serotoninwert im Blut erhöht, kann das auf eine bestimmte Krebserkrankung hindeuten.
Wird ein hoher Serotoninspiegel nicht eigentlich mit Glück in Verbindung gebracht? Die im August 2024 verstorbene US-Anthropologin Helen Fisher untersuchte die Neurotransmitter im Gehirn frisch Verliebter – und fand kaum Serotonin. Ebenso überraschend: Die Serotoninkonzentration war auch niedrig, wenn das Glück zerbrochen war (Quelle).
Ist ein hoher Serotoninwert also nur die Serotoninlüge, oder gibt es doch einen Zustand, in dem viel Serotonin glücklich macht?
Man weiß, was passiert, wenn die Serotoninkonzentration stark erhöht ist – aber glücklich sind diese Menschen nicht, sondern schwer krank.
Serotonin kann an zwei Orten im Körper erhöht sein: im Blut oder im Gehirn. Beide Bereiche sind durch die Blut-Hirn-Schranke strikt getrennt; kein Serotonin-Molekül gelangt hindurch, dafür ist es zu polar aufgebaut.
Serotonin im Gehirn
Ist das Serotonin im Gehirn stark erhöht, entsteht ein Serotoninsyndrom (Quelle) – ein lebensbedrohlicher medizinischer Notfall. Die Symptome:
- Zittern und quälende Unruhezustände
- erhöhte Muskelspannung
- Zuckungen
- Krampfanfälle
- sehr hohes Fieber, das zum Tod führen kann
Ein Serotoninsyndrom entsteht nicht aus natürlichen Ursachen, sondern wird durch antidepressive Medikamente verursacht – worauf Patienten bei der Verschreibung erstaunlicherweise nicht hingewiesen werden.
Serotonin im Blut
Ist das Serotonin im Blut stark erhöht, spricht man vom Karzinoidsyndrom (Quelle): Von Krebs befallene EC-Zellen im Magen-Darm-Trakt produzieren unentwegt Serotonin, der Blutwert kann dadurch um das Tausendfache erhöht sein. Nur bei Verdacht auf ein Karzinoidsyndrom ordnen Ärzte diese Messung überhaupt an – für alle anderen Erkrankungen ist die Serotoninkonzentration im Blut bedeutungslos. Die Symptome:
- Rötung von Gesicht und Hals (Flush)
- anfallsweise Hitzewallungen
- Schwitzen
- beschleunigte Atmung
- Asthmaanfälle
- Herzrasen
- schubweise starke Bauchschmerzen
- starke Durchfälle
- Gewichtsverlust
Muss das Serotonin im Gehirn denn gleich überschießen? Wäre ein bisschen mehr nicht schön? Auch das wurde untersucht – mit einem Ergebnis, das sich schlecht verkaufen lässt: Die zuverlässigste Wirkung einer erhöhten Serotoninkonzentration ist Impotenz beziehungsweise die Unfähigkeit zu sexueller Erregung (Montejo et al., 2001; Rosen et al., 1999).

Kurz zusammengefasst: Schießt das Serotonin im Körper über, liegt entweder ein Serotoninsyndrom im Gehirn vor, oder die EC-Zellen im Darm sind von Krebs befallen. Beides sind medizinische Notfälle, kein Glücksmoment. Und selbst eine nur geringfügig erhöhte Serotoninkonzentration bewirkt zuverlässig vor allem eines: den Verlust einer gesunden Sexualität.
Warum weiß kaum jemand, dass viel Serotonin grundsätzlich gefährlich ist und keinerlei positiven Effekt hat? Dreht man die Frage um, wird die Antwort klar: Wäre dieses Wissen allgemein bekannt, wäre kaum jemand bereit, über Jahre serotoninsteigernde Medikamente einzunehmen – besser bekannt unter dem Namen „Antidepressiva“. Manche würden ihren Arzt vielleicht sogar fragen, ob er sie mit der Verschreibung vergiften wolle. Denn wer erhöht schon gerne seinen Serotoninspiegel, wenn er weiß, dass das im schlimmsten Fall ein Serotoninsyndrom auslöst und im günstigeren Fall sexuelle Funktionsstörungen? Zumal viele depressive Patienten zusätzlich zu ihrem Dauermedikament noch ein zweites verschrieben bekommen – was die Gefahr eines Serotonin-Syndroms zusätzlich erhöht.
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