TAZ: Wenn die Welt verschwindet 01.12.2017

Die Verordnungszahlen von Antidepressiva steigen weiter, doch auch Scheinmedikamente wirken oftmals genauso gut. Insbesondere die Langzeitbehandlung ist umstritten

Von Barbara Dribbusch

Siglinde F. ist 55 Jahre alt und Mitglied einer Selbsthilfegruppe in Berlin-Charlottenburg. „Ich glaube schon, dass mir die Pillen geholfen haben“, sagt die Pädagogin, die Citalopram schluckt, ein verbreitetes Antidepressivum. Vor drei Jahren war sie nach einer Trennung in ein Loch gefallen, hatte sich zu Hause verkrochen, war lange krankgeschrieben. „Die Welt war verschwunden“, erzählt F.

Sie arbeitete sich aus dem Tief, machte eine Psychotherapie. Die Pillen blieben. Die Stimmungsschwankungen auch. „Ich habe das Gefühl, die Tabletten bringen nichts mehr“, sagt F., „aber ohne das Zeug wäre vielleicht alles schlimmer“.

So wie F. geht es vielen depressiven Patienten. Sie geraten in eine Krise, bemühen sich um eine Psychotherapie. Psychotherapien haben sich als wirksam erwiesen, aber die Wartezeiten können lang sein und jede Therapie endet mal. Für viele PatientInnen stellt sich die Frage: Soll ich anfangen mit den Pillen? Und wie geht es dann weiter?

„Länger als ein Jahr sollte man Antidepressiva nicht nehmen“, sagt Peter Ansari, Neurobiologe, Pharmakritiker und Mitglied im Ausschuss Psychopharmaka der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP). Die DGSP rügt die steigenden Verordnungszahlen. Die Medikamente hätten „keine spezifisch antidepressive Wirkung“, heißt es in einer Erklärung. Die DGSP plant im Januar ein Hearing zur Wirksamkeit der Pillen. An der Charité Berlin läuft derzeit eine „Absetzstudie“ zur Frage, was passiert, wenn man die Einnahme nach längerer Zeit beendet.

Der Optimismus, der vor einigen Jahren aufkam, als neue Generationen der Stimmungsaufheller auf dem Markt erschienen, ist in der Fachwelt verflogen. Trotzdem klettern die Verordnungszahlen beständig in die Höhe. Laut der Techniker Krankenkasse hat sich die Zahl der Verordnungen von Antidepressiva in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt, oft verschreiben Hausärzte die Medikamente. Rein rechnerisch erhält jeder Versicherte pro Jahr 14 Tagesdosen. „Das große Problem ist, dass Hausärzte die Antidepressiva nicht kritischer sehen“, sagt Ansari.

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Wenn die Welt verschwindet
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Die Zeitschrift MYWAY hat in ihrer Ausgabe Oktober 2017 Peter Ansari für die Frage: "Wie kommmt man aus dem Stimmungstief" interviewt. Das Gespräch führte Dr. Stefanie Maeck:

MyWay 10/2017 Unglück auf Rezept

Der WDR berichtet in seinem Zeitzeichen vom 06.09.2017 über die Vorstellung des ersten "Antidepressivums"

WDR Unglück auf Rezept

Thema: Antidepressiva: Zwischen Mythos und Wirksamkeit (am 28.08.2017)

Am Klinikum Bremen-Nord leitete Dr. Peter Ansari die Fortbildungsveranstaltung für Bedienstete der Psychiatrischen Klinik. Auf einen 60minütigen Vortrag folgte eine lebhafte Diskussion. Die Veranstaltung wurde von der Ärztekammer Bremen mit zwei Fortbildungspunkten gefördert.

Dr. Frank Frick hat Unglück auf Rezept für Bild der Wissenschaft besprochen.

Bild der Wissenschaft Unglück auf Rezept

Weshalb die Informationen auf Depression-Heute für viele Menschen so wichtig sind.

Dieses lesenswerte Buch hat Maren Siems-Bührmann für Sie gelesen.

Das NDR Gesundheitsmagazin Visite hat untersucht: Gibt es eine Abhängigkeit von Antidepressiva?

Das Schweizer Gesundheitsmagazin saldo berichtet in seiner Ausgabe 08.2017 über Versuche Depressionen mit Ketamin zu behandeln. Der Redakteur Andreas Gossweiler hat eine umfangreiche Recherche durchgeführt.

Die Zeitschrift Eppendorfer berichtet in ihrer Februarausgabe über eine Tagung zur Emotionsregulation in Bremen und den Vortrag von Ansari.
Zitat: "Sein Urteil über den Botenstoff ist ebenso überraschend wie niederschmetternd: „Mit Antidepressiva vom SSRI-Typ gelingt es zwar zuverlässig die Serotoninkonzentration im Körper zu steigern. Das heilt aber keine Depression!“

Dr. Leutgeb schreibt in der FAZ vom 10.02.2017 unter anderem: "Lesenswert ist zudem die breit dargelegte Kritik an den Machenschaften im Rahmen der Zulassung und Vermarktung dieser Substanzen. Die Autoren schildern anschaulich die Aufdeckung vieler Skandale durch investigative Journalisten, die zu längst veröffentlichten Entschädigungsurteilen führten."