Das Unternehmen akzeptierte im Juli 2012 eine Strafe in Höhe von 3 Milliarden Dollar.

Die BBC Reporterin Jofre konfrontierte Pharmamanager mit knallharten Fragen.

Eine Zusammenfassung von ABC News können Sie auf YouTube ansehen

David Healy

David Healy
Die Informationen über Seroxat und die Studie 329 haben der irische Psychiater David Healy und die BBC-Reporterin Shelly Jofre recherchiert.

 

Roman Alison Bass

Alison Bass ist Medizinreporterin bei der Tageszeitung Boston Globe. Sie schrieb zahlreiche Berichte über Seroxat. Für ein größeres Bild, das die Machenschaften der Pharmaindustrie zeigt, musste sie die Erzählform Roman wählen. Dies ergab sich aus der Tatsache, das ihre Interviewpartner häufig ihre eigenen kritischen Aussagen nicht autorisierten. Zusätzlich befürchtete sie, dass Anwälte das Erscheinen eines kritischen Sachbuchs verhindert hätten.

Roman über Seroxat

GlaxoSmithKline hat demnach:

  • Arzneimittel illegal beworben - obwohl sie in Tests keine Wirkung gezeigt hatten
  • Informationen über die Sicherheit von Medikamenten zurückgehalten

Betroffen waren die Antidepressiva Paxil und Wellbutrin, das Diabetes-Medikament Avandia, sowie das Asthma-Mittel Aeromax.

Die Summe fiel nicht zuletzt aufgrund der Dreistigkeit, mit der das Unternehmen das Leben von Kindern und Teenagern riskierte, so hoch aus.

Glaxo Studie 329

Bei mindestens zwei internen Studien (study 329 und study 377) von GlaxoSmithKline hatte das Antidepressivum Seroxat keine Wirkung bei Kindern und Jugendlichen gezeigt. Die depressiv erkrankten Kinder wurden für die Studien in drei Gruppen aufgeteilt, eine erhielt Seroxat, eine erhielt ein Vergleichsantidepressivum und eine Gruppe erhielt ein Placebo (also eine wirkungslose Zuckerpille). Die Kinder in der Seroxat-Gruppe zeigten keine höhere Besserung, als die Kinder in der Placebo Gruppe. Das Medikament war also wirkungslos - in Bezug auf eine Heilung.

Stattdessen zeigten sich andere besorgniserregende Wirkungen:

  • Das Medikament verstärkte suizidale Absichten der Jugendlichen. Suizidabsichten zeigten sich acht Mal häufiger in der Seroxat-Gruppe, als in der Placebogruppe.
  • Es traten fünf mal häufiger schwere Nebenwirkungen auf, als in der Placebogruppe.
  • Interne Firmenunterlagen zeigten, dass innerhalb der Seroxat-Gruppe mindestens drei Jugendliche einen Suizidversuch unternommen hatten und anschließend von der Studie ausgeschlossen wurden (offiziell wegen "fehlendem kooperativen Verhalten").
  • Es wurde eine CD gefunden, die die Vermutung nahelegte, dass nicht nur die Herstellerfirma betrügte sondern auch die durchführende Uniklinik. Auf der CD befanden sich die Namen mehrerer Teenagern, die an der Studie teilnahmen. Die Prüfung zeigte, dass es sich um erfundene Personen handelte (für die der Pharmahersteller jedoch pro Namen 25.000 Dollar an die Uni-Klinik zahlte).

Wie ging das Unternehmen GlaxoSmithKline mit diesen Ergebnissen um?

Interne Memos, wie dieses Fax, belegen, dass Glaxo wusste, dass sein Medikament wirkungslos und gefährlich bei Jugendlichen war.

Dennoch beauftragte das Unternehmen die medizinische Dienstleistungsagentur Scientific Therapeutics Information. Die Agentur sollte aus den Studienergebnissen eine wissenschaftliche Arbeit erstellen. Diese Arbeit schrieb Sally Laden.

Die Arbeit beschreibt Seroxat als effizientes und sicheres Medikament, dass eine zuverlässige Wirkung bei Kindern und Jugendlichen zeigt. Die Arbeit erschien in der wichtigsten US-Zeitschrift für Kinderpsychiatrie.

Wie gingen die unabhängigen Psychiater des Landes mit dieser Studie um?

Die namhaftesten Kinderpsychiater des Landes waren - überraschenderweise - die Autoren der Studie. 21 (!) Kinderpsychiater sind die "offiziellen" Autoren der Studie. Obwohl sie nicht an der Studie beteilgt waren. Welch eine Aussage über das akademische peer-review Prüfverfahren in Bezug auf Veröffentlichungen!

Erkenntnisse während des Ermittlungsverfahrens der Strafbehörden

Bei der anschließenden Gerichtsverhandlung will keiner der Professoren etwas von der Schummelei gewusst haben, noch nicht einmal der Hauptautor Martin Keller konnte sich erklären, wie sein Name unter die Veröffentlichung geraten konnte - Keller ist zu diesem Zeitpunkt der Direktor der Kinderpsychiatrie an der Brown Universität gewesen und erst nach vielen Jahren in den Ruhestand gegangen.

Der nächste Schritt von GlaxoSmithKline bestand darin aggressive Pharmaberater mit dieser Studie, die die Namen von 21 der namhaftesten Kinderpsychiater des Landes vereinte und in dem seriösten Fachmagazin für Kinderpsychiatrie erschienen war,  auszustatten und zu den lokalen Kinderpsychiatern zu schicken.

"Das Medikament ist sicher und effizient. 21 namhafte Wissenschaftler stehen dafür mit ihrem Namen ein".

Diese Maßnahme zeigte eine Wirkung. Seroxat wurde eines der erfolgreichsten Mittel für Kinder und Jugendliche mit der Diagnose Depression.

Erst die Intervention der BBC Panorama Redaktion veränderte das Bild. Shelly Jofre recherchierte acht Monate an dem Thema. Es entstand ein 40-minütiger Beitrag, auf den - aufgrund von zahlreichen Reaktionen der Zuschauer - drei weitere Beiträge folgten.  

Die Strafen gegen GlaxoSmithKline sind bereits über zwei Jahre alt. Die BBC-Sendungen über Seroxat sind sogar schon 10 Jahre alt. Aber wie haben diese Erkenntnisse die Arbeit der in Deutschland tätigen Psychiatern beeinflusst?

Immerhin soll Seroxat in Deutschland ebenfalls nicht bei unter 18-jährigen verschrieben werden. Dennoch findet sich kein Hinweis auf die kriminellen Machenschaften und die gefälschten Studien in sämtlichen deutschen Fachbüchern über Psychiatrie. Noch nicht einmal im Wikipedia-Artikel über Seroxat findet sich ein Hinweis auf die Manipulationen, Gerichtsverfahren oder die Höhe der Strafsumme.

Das erstaunt um so mehr, das sich im Laufe der Aufarbeitung der Fälle herausstellte, dass sämtliche Seroxat-Studien manipuliert waren und das das Mittel noch nie besser wirkte, als ein Placebo.

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Seroxat
wie Placebo

Viele neutrale Beobachter verstehen nicht, weshalb die Wissenschaft nicht reagiert und die gefälschte Studie 329 nicht zurückgezogen hat. Die Diskussion darüber dauert bis in ins Jahr 2016 an.