Eine Erhöhung der Serotoninkonzentration soll Depressionen heilen? Das klingt wie ein Fahrstuhl, der zwischen guter Stimmung und schlechter Stimmung wechselt und dabei von Serotonin angetrieben wird. Tatsächlich funktioniert unser Gehirn nicht so einfach.

Tianeptin

Der Wirkstoff Tianeptin reduziert die Serotoninkonzentration im Gehirn. Dennoch zeigten klinische Studien, dass dieser Wirkstoff als Mittel gegen Depressionen eingesetzt werden kann. Tianeptin ist seit 1988 in Frankreich zugelassen und seit 2012 in Deutschland. Die einzige logische Schlussfolgerung ist: Die Besserung einer Depression ist nicht davon abhängig, ob der Serotoninwert steigt oder fällt. - Aber warum soll man dann die Medikamente einnehmen?

 

Tianeptin ist ein Antidepressivum. Der Wirkstoff senkt die Serotoninkonzentration im synaptischen Spalt ab.

In biochemischer Hinsicht verstärkt der Wirkstoff die Serotonin-Wiederaufnahme. Er gilt daher als Serotonin-Wiederaufnahmeverstärker.

Nach der Einnahme von Tianeptin sinkt die Serotoninkonzentration im Gehirn.

Trotzdem haben Studien gezeigt, das Tianeptin eine gute Wirkung auf leichte, mittelschwere und schwere Depressionen hat und besser, als ein Placebo wirkt.

Das Mittel ist unter dem Handelsnamen Tianeurax zur Behandlung von Depressionen zugelassen.

Tianeptin

Der Wirkstoff Tianeptin

Die wissenschaftliche Widerlegung der Serotonin-Hypothese

Die Serotonin-Hypothese besagt, dass eine Depression auftritt, wenn zuwenig Serotonin im Gehirn vorhanden ist. Sie ist daher auch unter dem Namen Serotonin-Mangel-Hypothese bekannt.

Nach dem Aufkommen der Serotonin-Hypothese im Jahr 1967 versuchten Psychiater daraus Heilungen abzuleiten. Tatsächlich benötigt man benötigt kein Antidepressivum, um die Serotoninkonzentration im Gehirn zu erhöhen.

Serotonin ist ein Botenstoff, der im Körper aus Tryptophan hergestellt wird und Tryptophan ist ein Stoff, der in fast allen Lebensmitteln vorkommt. Besonders viel Tryptophan steckt in Sojabohnen, einem sehr preisgünstigen Lebensmittel, aber auch in Erbsen, Weizenkleie und Erdnüssen.

Zunächst gaben die Psychiater ihren depressiven Patienten diese Lebensmittel und bemerkten: Nichts. Keine Veränderung der Depression. Nicht nach wenigen Minuten, nicht nach Stunden und auch nicht nach Tagen oder Wochen. Diese Versuche lassen sich bis in Jahr 1967 zurückführen. Es zeigte sich zwar ein Effekt, aber dieser war nur geringfügig im Vergleich mit Placebos. Die Medikamentenhersteller bestritten das die Zuführung überhaupt im Gehirn ankommt. Zu diesem Zeitpunkt konnte man die Serotonin-Konzentrationen noch nicht zuverlässig in der Gehirnflüssigkeit eines lebenden Menschen messen.

Das änderte sich im Jahr 1984. Damals massen Forscher die Gehirnflüssigkeit von depressiven Patienten. Sie schauten sich die Serotoninkonzentration bei gesunden Patienten und bei depressiven Patienten an. Sie maßen vor der Behandlung und während der Behandlung mit Antidepressiva.

Und obwohl sie große Unterschiede feststellten und obwohl sie feststellten, dass durch Antidepressiva die Serotoninkonzentration anstieg – zeigte das klinische Bild keine Veränderung. Die Leute blieben depressiv. Obwohl die Medikamente ihre biochemische Aufgabe erfüllt hatten.

Die Forscher überlegten, ob die Medikamente vielleicht nur bei bestimmten Menschen wirkten. Sie hatten bemerkt, dass es keinen einheitlichen Wert für Serotonin gab. Der Serotoninwert war mal hoch und mal niedrig, egal ob die Leute depressiv oder gesund waren. Es zeigte sich, dass kein Normalwert für Serotonin vorlag. Die Forscher überlegten dennoch, ob vielleicht wenigstens die depressiven Menschen, die einen niedrigen Serotoninwert hatten, davon profitieren, wenn ihr Serotoninwert ansteigt. Also wenn man ihnen Antidepressiva gibt. Das Ergebnis zeigte: Nichts. Zwar hatten die Antidepressiva bei den depressiven Menschen, den Serotoninwert erhöht, aber die Menschen waren weiterhin depressiv. Dies war die erste Widerlegung der Serotonin-Hypothese.

Zwei weitere Experimente zeigten, dass dies auch für die Absenkung von Serotonin galt:

Im Jahr 1989 zeigte Delgado, das ein Absenken von Serotonin durch eine tryptophanarme Nahrung in gesunden Menschen keine Depression auslöst. Im Jahr 1994 zeigte er, dass eine Absenkung des Serotonin auch bei unbehandelten depressiven Patienten die Depression nicht verschlimmerte.

Im Jahr 2001 wiederholten Forscher die Versuche und maßen dabei die Serotoninkonzentration im Gehirn. Dadurch bewiesen sie, dass eine serotoninarme Ernährung die Konzentration von Serotonin im Gehirn absenkt. Dieses "weniger" Vorhandensein von Serotonin im Gehirn löste jedoch bei gesunden Menschen keine Depression aus.

Depression-Heute: Die Wissenschaft hat die Serotonin-Hypothese bereits in den 90er Jahren widerlegt. Aber ein geschicktes Marketingkonzept der Pharmaindustrie belebte den Mythos neu. Die Kampagne war so erfolgreich, dass sich manche Menschen das Serotonin-Molekül auf den Körper tätowiert haben.