Professor Gratzl von der Ludwig-Maximilians-Universität München ordnet Serotonin keine stimmungsaufhellende Funktion zu. Für ihn ist Serotonin der Botenstoff, der die Bewegung des Darms kontrolliert. Genau dort werden Antidepressiva freigesetzt.

Gratzl erklärt, dass trotz milliardenschwerer Umsätze mit Antidepressiva bislang noch kein Labor untersucht hat, wie viel antidepressive Substanz vom Darm in das Gehirn gelangt.

Professor Gratzl ist Herausgeber des Lehrbuchs Histologie

Professor Gratzl ist Herausgeber des Lehrbuchs Histologie

Die Außenhülle von Tabletten ist so konzipiert, dass sie die Säuren im Magen übersteht und erst im Dünndarm zersetzt wird. Dort wird der Wirkstoff des Antidepressivums freigesetzt und genau hier befinden sich die meisten Zielmoleküle (Serotonin-Transporter-Moleküle) der Antidepressiva.

 

Depression-Heute: Etwa 95 Prozent des menschlichen Serotonins befindet sich im Magen und Darm. Welche Funktion hat das Serotonin im Darm?

Prof. Gratzl: Das Serotonin wird zu über 90 Prozent im Dünndarm und im Dickdarm von EC-Zellen aus der Aminosäure Tryptophan hergestellt. Es stimuliert dort die Tätigkeit der glatten Muskulatur. Ist also für die Peristaltik, die Bewegung des Darms und damit des Darminhalts verantwortlich.

Depression-Heute: Die wichtigsten Antidepressiva wirken auf den Serotoninstoffwechsel, in dem sie die Zellen blockieren, die die Wiederaufnahme von Serotonin regulieren. Gibt es diese Transportermoleküle von Serotonin nur im Gehirn oder gibt es sie auch im Darm?

Prof. Gratzl: Die Serotonintransportmoleküle sind auch in großer Anzahl im Darm vorhanden. Dort haben sie eine wichtige Funktion inne, da sie das Serotonin wiederaufnehmen und dadurch verfügbar halten.

Depression-Heute: Wenn ein Mensch dauerhaft ein Mittel einnimmt, das diese Transportmolekül blockiert, wird er dann krank? Also erkrankt er an einem „Reizdarmsyndrom“ oder einer anderen Magen-Darm-Erkrankung?

Prof. Gratzl: Das ist bislang noch nicht untersucht worden. Allerdings sind die Mengen, die Menschen bei einer typischen Antidepressiva-Behandlung einnehmen, sehr gering und der Darm ist sehr groß.

Serotonin drückt die Exkremente zum After.

Depression-Heute: Aber ist denn überhaupt geklärt, ob die antidepressiven Stoffe, die grundsätzlich in Tablettenform eingenommen werden, bis ins Gehirn gelangen? Schließlich befinden sich sehr viele Serotoninwiederaufnahmemoleküle im Magen und im Darm. Ist es möglich, dass die Medikamente bereits dort ihre Wirkung entfalten und im Gehirn fast gar nicht ankommt?

Prof. Gratzl: Das ist bislang noch nicht untersucht. Es ist sehr kompliziert solche Versuche durchzuführen, da dazu die Metabolisation im Magen und Darm untersucht werden muss sowie der Transport. Gerade beim Menschen ist das sehr aufwendig, allerdings sind solche Versuche auch noch nicht im Tierversuch, also bei einer Ratte oder Maus durchgeführt worden.

Depression-Heute: Neben Medikamenten, die auf die Serotonintransporter wirken, gibt es auch zahlreiche Medikamente, die auf den Adrenalintransporter wirken, in den meisten Fällen wirken die Medikamente auf beide Rezeptoren. Warum lässt sich dies nicht besser trennen?

Prof. Gratzl: Die beiden Rezeptoren sind biochemisch sehr ähnlich aufgebaut. Daher ergibt sich häufig eine Beeinflussung. Es gibt nur sehr wenige Stoffe, die die beiden Rezeptoren unterscheiden.

Depression-Heute: Vielen Dank für das Gespräch.