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Messungen von Serotonin in der Gehirnflüssigkeit

Nach wie vor wird die Serotonin-Lüge an Universitäten gelehrt

Gibt es einen Serotonin- oder Noradrenalin-Mangel im Gehirn von depressiven Patienten?

An der Universität Kopenhagen hat die Arbeitsgruppe von Professorin Ulla Knorr diese Frage überprüft. Die Gruppe untersuchte für einen Review Artikel im Journal of Affective Disorders sämtliche verfügbare Studien in denen die Serotonin-Konzentration im Gehirn von depressiven Patienten mit dem Wert von gesunden Menschen verglichen wurde. Zusätzlich zum Serotonin-Wert prüften die Forscher in ihrer Metastudie die Messungen von Noradrenalin, Dopamin, Glutamin, Glutamat und GABA (Link zur Studie) [1].

Nach Aussage der Forscher haben sie die erste neuere Übersichtsarbeit zur Überprüfung der Monoamin-Mangelhypothese bei Depressionen erstellt.

Das Ergebnis: Die Forscher schreiben, es gibt kaum einen Grund anzunehmen, dass die Botenstoffe Serotonin, Dopamin, Glutamin, Glutamat und GABA einen Einfluss auf die Pathophysiologie einer Depression haben. Nur in zwei von dreizehn Messreihen hatten Forscher einen niedrigeren Serotoninwert bei depressiv Erkrankten im Vergleich zu gesunden Versuchspersonen gemessen. Das heißt bei 85 Prozent der Messungen war kein niedrigerer Serotoninwert bei depressiv Erkrankten vorhanden, nur in 15 Prozent der Messungen war der Wert niedriger als bei gesunden Vergleichspersonen.

“Obwohl seit 50 Jahren vermutet wird, dass bei einer unipolaren Depression ein Monoamin-Mangel [ein Mangel von Serotonin, Noradrenalin, Dopamin] vorliegt, fand diese Arbeit dafür keine überzeugenden Belege.“

Josefine Pech, Julie Forman, Lars Veddel Kessing und Ulla Knorr

„Although it has been suggested that MDD is associated with monoamines deficiency in more than 50 years, the present review did not find convincing support for this.” [1] (S. 7)

Zuverlässige Ergebnisse bescheinigen die dänischen Forscher kaum einer der von ihnen untersuchten Studien. Ihrer Ansicht nach besitzen nahezu sämtliche Studien das Risiko einer Verzerrung der Untersuchungsergebnisse durch eine zu klein ausgewählte Versuchsgruppe, sowie durch unsystematisch durchgeführte Vergleiche. Beispielsweise wurden bei den meisten Vergleichen von depressiv Erkrankten und gesunden Vergleichspersonen Unterschiede im Alter, beim Geschlecht, in der Schwere der Depression, bei der Körpergröße und anderen Faktoren nicht berücksichtigt. Nach Ansicht der dänischen Forscher wäre es hilfreich, wenn man bei künftigen Arbeiten diese Unterschiede beachten würde.

Die Forscher hatten ursprünglich 2220 Studien ausgewertet, von denen 23 die Studienkriterien erfüllten. Insgesamt wurden für die Untersuchung Daten von 910 Patienten mit Unipolarer Depression und von 820 gesunden Vergleichspersonen ausgewertet. Die ausgewählten Studien wurden in den Jahren 1966 bis 2017 veröffentlicht. Serotonin wurde nur in einer Arbeit in direkter Form gemessen [2], in den anderen Arbeiten wurde das Serotonin-Spaltprodukt 5-HIAA (5-Hydroxyindolylessigsäure) gemessen.

Depression-Heute: In der bislang ausführlichsten Arbeit die systematisch Messungen von Serotonin in der Gehirnflüssigkeit von depressiven Patienten und gesunden Menschen verglichen hat, zeigen Wissenschaftler, dass in 85 Prozent der Studien kein erniedrigter Serotonin-Wert bei depressiven Patienten gemessen wurde. Das überrascht nicht. Es überrascht jedoch, dass die meisten Psychiater und Neurologen dieses an Deutlichkeit kaum zu übertreffende wissenschaftliche Ergebnis hartnäckig leugnen.

Uns erreichen noch immer Zuschriften von Studenten, die sich beklagen, an ihrer Hochschule wurde in der Vorlesung behauptet: “Es gibt gute Hinweise, dass Serotonin bei einer Depression erniedrigt ist.” Das ist eine Schande für Orte, die nach eigenen Angaben Wissen verbreiten. Diese Dozenten verbreiten Unwissen/ Aberglauben.

Die Serotonin-Studien in der Übersicht:

Veröffentlichung Ergebnis Zusatzinformation
Hou et al., 2006 [2]   https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0006899306010456 Kein erniedrigter Serotonin-Wert “There were no differences between severe major depressive disorder and controls in all parameters measured.”
Kaddurah-Daouk et al., 2012 [3]   https://www.nature.com/articles/srep00667 Kein erniedrigter Serotonin-Wert “The lack of difference between the dMDD and HC groups may reflect both the limited statistical power and the greater biochemical heterogeneity seen among chronically depressed subjects.”
Sher et al., 2003 [4]   https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0165032705002922 Kein erniedrigter Serotonin-Wert “There was no difference in CSF HVA levels between depressed non-attempters and controls (t < 1, df = 75, NS).”
Koslow et al., 1983 [5]   https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/article-abstract/493137   Kein erniedrigter Serotonin-Wert „No significant differences were found between the hospitalized and nonhospitalized healthy controls for the CSF measures.”
Oreland et al., 1981 [6]   https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/0165178181900044   Kein erniedrigter Serotonin-Wert „There was a significant positive correlation between platelet MAO, estimated with β-phenylethylamine and 5HIAA in CSF in the healthy subjects, both in men and women, but not in any of the patient categories.”
Molchan et al., 1991 [7]   https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/000632239190253I   Kein erniedrigter Serotonin-Wert „Mean CSF, MHPG, 5-HIAA, andHVA levels were not significantly different among diagnostic groups.”
Widerlov et al., 1988 [8]   https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/0165032788900511   Kein erniedrigter Serotonin-Wert “No relationships were observed between the CRF or SRIF concentrations and either basal or post-dexamethasone cortisol concentrations.”
Sullivan et al., 2006 [9]   https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0006322305014599   Kein erniedrigter Serotonin-Wert „The mean CSF concentrations of MHPG, 5-HIAA, and HVA did not differ between the two groups.”
Asberg et al., 1984 [10]   https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/6205566   Kein erniedrigter Serotonin-Wert bei HVA-Wert aber bei HIAA. „In 11 patients CSF concentrations of 5-HIAA, but not of HVA, were higher after recovery than during depression.”
Reddy et al., 1992 [11]       https://www.biologicalpsychiatryjournal.com/article/0006-3223(92)90198-9/fulltext   Kein erniedrigter Serotonin-Wert bei HIAA aber bei HVA-Wert. “No significant differences were noted between the two groups in 5-HIAA levels.”
Dencker et al., 1966 [12]   https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/j.1471-4159.1966.tb04320.x   Kein durchgehend erniedrigter Serotonin-Wert bei depressiven Patienten „Our results suggest that 5-HIAA in the CSF is decreased in the acute phase of mental depression, that on recovery it returns fairly slowly towards normal, and that it does not attain its original level until long after the symptoms have disappeared.”
Yoon et al., 2017 [13]   https://europepmc.org/article/med/28749090   Erniedrigter Serotonin-Wert bei allen depressiven Patienten. Viele Patienten hatten antidepressive Medikamente erhalten. In der Studie wurde die Beobachtung gemacht, dass eine antidepressive Medikamentengabe die Serotoninkonzentration absenkte.
Palaniappun et al., 1991 [14]   https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2988307/   __Erniedrigter Serotonin-Wert bei den gemittelten  depressiven Patientendaten. Jedoch keine Serotoninabsenkung bei den individuellen Patienten. „It was found that both urinary MHPG and CSF 5HIAA were lowered in depressives but when individual patients were analysed both were not altered in the same direction in a given individual.”

Last but not least: In der Studie findet sich die folgende beachtenswerte Aussage:

„Es ist ebenfalls möglich, dass kein aussagefähiger Unterschied in den 5-HIAA-Spiegeln [Das ist 5-Hydroxyindolylessigsäure, ein Serotonin-Spaltprodukt. Anmerkung P. A.] von Patienten und gesunden Probanden gefunden wurde, weil es tatsächlich keinen Unterschied gibt.

In vielen Studien unterschieden sich die miteinander verglichenen depressiven Patienten-Gruppen von den gesunden Vergleichspersonen, in Bezug auf Alter und Geschlecht. Die Vergleiche wurden ohne eine Korrektur dieser und weiterer potenziell anfälliger Faktoren durchgeführt, obwohl bekannt ist, dass die Botenstoffkonzentrationen in der Gehirnflüssigkeit je nach Alter, Geschlecht und Schwere der Symptome variieren.

Da es Hinweise auf tagesformabhängige Botenstoffkonzentrationen in der Gehirnflüssigkeit gibt (Garakani et al., 2013), ist es möglich, dass einzelne Messungen von Botenstoffen bei unipolar depressiven Patienten zu einem bestimmten Zeitpunkt keine Aussage über die tatsächliche Funktion von Botenstoffsystemen bei der Entwicklung von Depressionen zulassen.“

„Thus, it is also quite possible that there is no meaningful power that can show a difference in 5-HIAA levels between patients and healthy subjects, as no difference really exists. Often the depressed patients and HC [healthy controls] differed in age and gender and analyses were conducted without adjustments for these and other potentially confounding factors although CSF concentrations were found to vary with age, gender and severity of symptoms. As CSF neurotransmitters may be state-dependent (Garakani et al., 2013), the measurement of relationships between MDD and neurotransmitters at a single time point may not effectively capture a role of neurotransmitter systems in the development of depression.”

Literatur

  1. Pech, J., et al., Poor evidence for putative abnormalities in cerebrospinal fluid neurotransmitters in patients with depression versus healthy non-psychiatric individuals: A systematic review and meta-analyses of 23 studies. Journal of Affective Disorders, 2018. 240: p. 6-16.
  2. Hou, C., et al., CSF serotonin, 5-hydroxyindolacetic acid and neuropeptide Y levels in severe major depressive disorder. Brain Research, 2006. 1095(1): p. 154-158.
  3. Kaddurah-Daouk, R., et al., Cerebrospinal fluid metabolome in mood disorders-remission state has a unique metabolic profile. Sci Rep, 2012. 2: p. 667.
  4. Sher, L., et al., Lower cerebrospinal fluid homovanillic acid levels in depressed suicide attempters. Journal of Affective Disorders, 2006. 90(1): p. 83-89.
  5. Koslow, S.H., et al., CSF and Urinary Biogenic Amines and Metabolites in Depression and Mania: A Controlled, Univariate Analysis. Archives of General Psychiatry, 1983. 40(9): p. 999-1010.
  6. Oreland, L., et al., Platelet MAO activity and monoamine metabolites in cerebrospinal fluid in depressed and suicidal patients and in healthy controls. Psychiatry Research, 1981. 4(1): p. 21-29.
  7. Molchan, S.E., et al., CSF monoamine metabolites and somatostatin in Alzheimer’s disease and major depression. Biological Psychiatry, 1991. 29(11): p. 1110-1118.
  8. Widerlöv, E., G. Bissette, and C.B. Nemeroff, Monoamine metabolites, corticotropin releasing factor and somatostatin as CSF markers in depressed patients. Journal of Affective Disorders, 1988. 14(2): p. 99-107.
  9. Sullivan, G.M., et al., Low Cerebrospinal Fluid Transthyretin Levels in Depression: Correlations with Suicidal Ideation and Low Serotonin Function. Biological Psychiatry, 2006. 60(5): p. 500-506.
  10. Träskman-Bendz, L., et al., CSF monoamine metabolites of depressed patients during illness and after recovery. Acta Psychiatrica Scandinavica, 1984. 69(4): p. 333-342.
  11. Lakshmi Reddy, P., et al., CSF amine metabolites in depression. Biological Psychiatry, 1992. 31(2): p. 112-118.
  12. Dencker, S.J., et al., ACID MONOAMINE METABOLITES OF CEREBROSPINAL FLUID IN MENTAL DEPRESSION AND MANIA. Journal of Neurochemistry, 1966. 13(12): p. 1545-1548.
  13. Yoon, H.S., et al., Relationships of Cerebrospinal Fluid Monoamine Metabolite Levels With Clinical Variables in Major Depressive Disorder. The Journal of clinical psychiatry, 2017. 78(8): p. e947-e956.
  14. Palaniappun, V., V. Ramachandran, and O. Somasundaram, Norepinephrine and serotonin metabolism and clinical response to combined imipramine and amitriptyline therapy in depression. Indian journal of psychiatry, 1991. 33(3): p. 193-199.

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Über den Autor

Dr. Peter Ansari

Autor und Depressionsforscher

Kommentar

  • Inzwischen vermutet man sogar, dass Antidepressiva, insbesondere SSRI das Serotonin im Körper stark senken und es zu einem Serotonin-Defizit-Syndrom kommt:

    “Die wichtigste Nebenwirkung steht allerdings nicht im Beipackzettel: Das Serotonin wird zwar im synaptischen Spalt vermehrt, der Körperbestand nimmt dabei aber ab. Die Depression wird dabei also zwar unterdrückt (was in schweren Fällen oder gar bei Selbstmordneigung auch notwendig ist!), die Ursache der Depression wird aber nicht beseitigt, sondern u.U. sogar verstärkt.
    Der menschliche Körper verfügt über viele Selbstheilungsmöglichkeiten. Der Heißhunger beim Serotoninmangel (auch der zunehmende Hunger unter Antidepressiva) ist nichts anderes als der frustrane Versuch einer Selbstheilung: Durch den Verzehr von Süßigkeiten kommt es zu einer starken Insulinausschüttung. Insulin fördert aber die Aufnahme der Aminosäure Tryptophan aus der Nahrung und den Übertritt von Tryptophan über die Blut-Hirn-Schranke in das zentrale Nervensystem. Tryptophan ist nun eine Vorstufe von Serotonin. Da die Menge an Tryptophan aber oft nicht ausreicht, um dem Mangel zu begegnen, kommt es nicht nur zu keiner Linderung der psychischen Symptome, sondern es kommt noch zusätzlich zu einem manchmal erheblichen Übergewicht, was die Depression bei vielen Menschen auch nicht gerade positiv beeinflusst.”

    -Dr. Volker Schmiedel (https://www.dr-schmiedel.de/)

    “Ein großer Nachteil selektiver Wiederaufnahmehemmer (SSRI) ist die belegte Erkenntnis, dass abgesehen vielleicht vom synaptischen Spalt (Gehirn) im übrigen zentralen wie peripheren Gewebe der Serotoninmangel nicht beseitigt, ja sogar noch verstärkt werden kann. Angesichts der vielen günstigen Serotonineffekte im Organismus ist das ein bedenklicher Aspekt, der auch für viele der damit verbundenen Nebenwirkungen mit verantwortlich zu machen ist.”

    -Dr. Alexander Römmler (https://alexanderroemmler.com/)

    Das meiste Serotonin (95%) wird im Körper produziert, die restlichen 5% werden im Gehirn produziert. Im Gehirn kann man es nicht messen, im Körper schon.

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