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Was steckt hinter der Psilocybin Therapie gegen Depressionen?

Magische Pilze

Aktuell soll Psilocybin, der Wirkstoff aus sogenannten Magic Mushrooms (Pilzen, die high machen), DAS neue Wundermittel gegen Depressionen sein. Die Wirtschaftswoche berichtet darüber (Wirtschaftswoche), im Fernsehen diskutiert Scobel mit Experten (Scobel),  der Nachrichtensender CNN (CNN) rührt die Werbetrommel und auch das Ärzteblatt behauptet, hier würde ein wichtige Therapie ungenutzt bleiben (Ärzteblatt). In Berlin läuft eine Psilo-Studie bei der depressive Patienten Schlange stehen und um Aufnahme betteln.

Haben wir auf Depression-Heute etwas verpasst?

Andere überrascht der aktuelle Hype, schließlich werden die Pilze/ der Wirkstoff in den meisten Fällen als LSD-Ersatz eingesetzt. Viele psychiatrische Kliniken kennen Fälle, bei denen Patienten durch den Genuss dieser Pilze psychotisch wurden, einen Wahn erlebten, von dem sie lange nicht mehr herunterkamen oder noch Jahre später unter Flashbacks litten. Das zugehörige Krankheitsbild heißt: Hallucinogen Persisting Perception Disorder (HPPD), übersetzt: Halluzinogen-induzierte persistierende Wahrnehmungsstörung (Link HPPD). Diese trat in den 1960/70ern verhältnismäßig häufig auf (jeder 20. Nutzer LSD). In der heutigen Zeit soll das Phänomen deutlich seltener auftreten. Die Folgen können jedoch dramatisch sein, beispielsweise ist bei einem aktuellen Fall ein 21-jähriger gewalttätig geworden und erhielt zwei Jahre auf Bewährung (zur wissen. Veröffentlichung). Ein weiteres Beispiel betrifft einen 26-jährigen Studenten, der ein Jahr lang unter einem Alice-im-Wunderland-Syndrom litt (Quelle, deutscher Artikel. Aus dieser Perspektive stellt sich die Frage: Kann man ein halluzinogen wirkendes Mittel mit gutem Gewissen therapeutisch einsetzen?

Wer die Nachrichten überprüft, bemerkt schnell, die ursprüngliche Veröffentlichung, auf der der aktuelle Psilocybin-Hype reitet, ist mittlerweile vier Jahre alt und wurde 2016 im Lancet publiziert (Link).

Damals berichteten Mediziner um Robin L. Carhart-Harris im Lancet über eine Psilo-Behandlung von zwölf Depressions-Patienten (ganz schön wenig), die zusätzlich unter Krebs litten und einmalig mit einer sehr niedrigen Psilocybin-Dosis behandelt wurden.

Die damalige Sensationsnachricht war: Acht Patienten erlebten eine Woche nach der Einnahme Symptomfreiheit – waren also nicht mehr depressiv. Aber ein bisschen weiter unten Text fand sich die Zusatzinformation: Nach drei Monaten waren nur noch fünf Patienten nicht mehr depressiv.

Wer jetzt denkt, das ist doch immer noch eine ganze Menge, der vergisst, den Placebo-Effekt mit ein zu berechnen. Wir fassen das mal zusammen: In der Psilo-Studie waren nach drei Monaten „nur“ 42 Prozent der Patienten gesundet. Bei der größten systematischen Auswertung depressiver Patienten von Khan und Brown im Jahr 2015 waren nach drei Monaten durchschnittlich 40 Prozent der Patienten in der Placebo-Gruppe gesundet (Khan und Brown – Volltext). Das ist kein großer Unterschied. Sind Psilos trotzdem ein Wundermittel? Wohl kaum, denn nach wie vor bleiben die hohen Risiken der Therapie bestehen:

Wahnvorstellungen und Psychosen sind keine „harmlosen“ Nebenwirkungen.

Vielleicht geht es auch gar nicht so sehr um Ergebnisse, sondern eher um eine Theorie, die man diskutieren kann. Diese lautet:

Wenn man bewusstseinserweiternde Substanzen wie LSD oder Psilocybin in so kleinen Dosen verabreicht, dass sie keinen Rausch verursachen (Mikrodosen von Psilocybin von 0,1 bis 0,6 mg), dann könnte dies dazu führen, dass das Gehirn einen kleinen „Reset“ durchführt und danach wieder erfrischt ist. Vielleicht ist der Patient danach sogar kreativer. Und wenn es richtig gut läuft, dann könnte bei diesem „Reset“ sogar die lästige Depression vergessen sein.

Das klingt schön und trifft den Zeitgeist. Jedoch fehlen zu dieser Theorie nach wie vor passende Ergebnisse, das hat zuletzt die Forscherin Katrin H. Preller im Jahr 2019 berichtet (LSD in Mikrodosen).

Und jemand der ernsthaft darüber nachdenkt, bemerkt schnell, es gibt es noch eine weitere wichtige Tatsache, die gegen eine hoffnungsvolle Therapie spricht. Denn wenn etwas gut klingt, neuartig ist und vielleicht eine Wunderwaffe gegen Depressionen sein könnte, dann müsste das sofort einen Gladiatorenkampf unter allen großen Pharmafirmen verursachen – noch lange bevor irgendein Normalsterblicher etwas davon gehört hat. Aber wer soll aktuell das neue Psilo-Medikament herausbringen? Ein kleines Berliner Startup. – Geht es vielleicht noch eine Nummer kleiner?

Warum haben die großen Pharmakonzerne kein Interesse an den Pilzen?

Die Antwort ist sehr nahe liegend: Weil sie diese Mittel schon ausgiebig getestet haben.

Depression-Heute weiß, dass unter anderem Roche Diagnostics bereits ab 2013 entsprechende Versuche durchgeführt hat. Damals wurde intensiv geprüft und … dann wurde entschieden: Das ist nichts. Die Gefahren überwiegen, der Nutzen ist zu klein und die Ergebnisse sind nicht wiederholbar. Damit werden wir nie Geld verdienen.

Sieben Jahre später im Jahr 2020 wird jetzt dem weniger gut informierten Publikum derselbe alte Teebeutel als brandneues Mischgetränk präsentiert. Und es wird (wie schon bei Esketamin und Minocyclin) erneut behauptet: Es gibt ganz neue Studien, die aber noch nicht fertig sind, aber die vorab Ergebnisse klingen gaaaanz aufregend. Ihr müsst gespannt sein.

Das kann man glauben, muss man aber nicht.

Mir tut es um die vielen Patienten leid, die sich Hoffnung machen.

Im Prinzip ist es immer dasselbe. Am Anfang gibt es eine interessante Idee und am Ende bleibt immer irgendjemand übrig, der sich – trotz negativer Ergebnisse, damit die Taschen voll machen möchte.

Nur auf eines kann man sich verlassen: Garantiert wird wieder mal kein Prof. Dr. Universitätspsychiater diese neue „vielversprechende“ Therapiemethode als das bezeichnen, was sie wirklich ist: Kalter Kaffee.

Über den Autor

Dr. Peter Ansari

Autor und Depressionsforscher

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