Irrtum: Die richtige Diagnose hilft das richtige Antidepressivum zu finden

Unabhängige Informationen über Medikamente sind unerwünscht. In dem Beitrag des Magazins Monitor werden Antidepressiva ab Minute 2:32 erwähnt.

Die Behauptung: "Die richtige Diagnose für das richtige Antidepressivum"

Viele Patienten glauben, dass ein erfahrener Psychiater das richtige Antidepressivum für den jeweiligen Patienten findet. In Deutschland sind 24 Wirkstoffe - als Antidepressiva - zugelassen. Die Wirkstoffe sind chemisch sehr unterschiedlich. Alle Mittel haben die gleiche Wahrscheinlichkeit zu wirken - oder nicht zu wirken.

Fakten:
Es existiert kein Wissen darüber ob ein Antidepressivum einem bestimmten Patienten in einer bestimmten Situation helfen kann. Auch der erfahrenste Psychiater weiß bei keiner Verschreibung, ob das von ihm ausgewählte Antidepressivum:

  • eher bei Männern, als bei Frauen
  • eher bei Jungen, als bei Alten
  • eher bei Dicken, als bei Dünnen
  • eher bei sportlich Aktiven, als bei Unaktiveren
  • eher bei dunkelhaarigen, als bei blonden
  • eher bei mittelschweren, als bei leichten Depressionen

  • wirkt.

Und wenn – wie so häufig – das erste Mittel keine Wirkung gezeigt hat, dann besitzt er auch kein Wissen darüber, welches zweite Mittel effizient sein könnte (das zeigten die Daten der STAR*D Studie).

Das einzige, was er im Vorfeld unterscheiden kann, ist das typische Nebenwirkungsprofil eines Medikaments – aber ob das Medikament eine Wirkung zeigen wird oder nicht – das ist jedes Mal eine Überraschung.

Häufig wirkt ein Antidepressivum beim zweiten Mal nicht mehr

Die Wirkung von Antidepressiva ist so komplex und unvorhersehbar, dass sogar ein Mittel, das bei der ersten Depression eines Patienten sehr gut geholfen hat - bei der zweiten Depression desselben Patienten überhaupt keine Wirkung zeigt.

Meistens hat jeder Psychiater etwa drei Lieblingsmittel und genau diese probiert er aus.

Und während der Patient denkt, die Wahl des Mittels basiere auf Erfahrungswerten des Psychiaters, könnte der Psychiater genauso gut das ausgewählte Antidepressivum würfeln. Das Ergebnis wäre dasselbe.

Diese Zufälligkeit bei der Wahl des passenden Antidepressivums demonstriert den Unterschied zu anderen medizinischen Bereichen am deutlichsten – In keinem anderen medizinischen Bereich gibt es so wenig Anhaltspunkte für die Wahl des richtigen Wirkstoffs.

Psychiatrie - Das Paradies der Pharmaindustrie

Die Zufälligkeit bei der Wahl des "richtigen" Wirkstoffs zeigt, wie sehr sich die Psychiatrie von anderen medizinischen Bereichen unterscheidet. In keinem anderen medizinischen Bereich gibt es so wenig Anhaltspunkte für die Wahl des richtigen Therapeutikums.

Nach Ansicht von Peter Gøtzsche, Direktor des Nordic Cochrane Center in Dänemark, prädestiniert diese Unvorhersagbarkeit - auch die Unvorhersehbarkeit einer Wirkung - die Psychiatrie für Manipulationen von mächtigen Konzernen. Gøtzsche nennt die Psychiatrie "das Paradies der Pharmaindustrie".

Tatsächlich sind Psychiater, die Antidepressiva verschreiben, die Lieblingszielgruppe vieler Pharmareferenten. Für die Patienten scheint es ja ohnehin unerheblich, welches Medikament sie verschrieben bekommen, alle wirken gleich … schlecht.

Wenn ein neues Medikament auf den Markt kommt und der Pharmareferent dem Psychiater dafür teure Restaurantessen andreht, damit er dieses Mittel verschreibt – muss sich der Psychiater – dem Patienten gegenüber - keiner Schuld bewusst sein. Denn schlechter als die anderen Mittel wird es auch nicht wirken. Und tatsächlich tut es das auch nicht.

Teure Antidepressiva - keine Verbesserung der alten Mittel

Aktuell sind die teuersten in Deutschland erhältlichen Antidepressiva Cymbalta und Ariclaim mit dem Wirkstoff Duloxetin. Die tägliche Dosis kostet 12mal so viel wie die tägliche Dosis Citalopram, dem deutschlandweit am häufigsten verschriebenen antidepressiven Wirkstoff.

Ebenfalls deutlich teurer als andere Mittel ist Valdoxan mit dem Wirkstoff Agomelatin. Die Anwendung pro Tag kostet siebenmal so viel wie das am häufigsten verschriebene Antidepressivum.

Cymbalta: „Sein Vorteil soll in einer besonderen analgetischen Wirkungskomponente liegen, welche sich aber nicht bestätigen ließ. Vor diesem Hintergrund erscheint der Verordnungsanstieg schwer begründbar.“
Lohse und Müller-Oerlinghausen 2013 S. 836

Valdoxan: „Nach den bisher bekannt gewordenen Studienergebnissen stellt auch das 2009 eingeführte Agomelatin (Valdoxan), ein Melatoninrezeptoragonist, keinen wesentlichen Fortschritt in der Depressionstherapie dar. Seine potentielle Leberschädigung bedarf einer Klärung. Die klinische Wirksamkeit scheint eher schwach zu sein. Wegen des ungünstigen Nutzen-Riskoprofils der Substanz wurde kürzlich sogar seine Marktrücknahme gefordert. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung bewertet es als Mittel zweiter oder dritter Wahl.“
Lohse und Müller-Oerlinghausen 2013 S. 837

Für die medikamentöse antidepressive Therapie sind in der BRD aktuell 24 Wirkstoffe zugelassen. Einige davon basieren biochemisch auf einem mehr als fragwürdigen Konstrukt. Trotzdem traut sich kein Psychiater diese Mittel als ineffizient darzustellen, da andernfalls auch sämtliche anderen Mittel im Vergleich zu diesem Mittel geprüft werden müssten.

Tatsächlich gibt es keinen einzigen Wirkstoff, der zuverlässig gegen eine Depression hilft – dies steht in einem klaren Gegensatz zu effizienten Medikamenten wie Antibiotika, Aspirin oder auch Viagra.

Angesichts dieser therapeutischen Bankrotterklärung wäre es sinnvoll, wenn Psychiater daraus den Schluss ziehen würde, das nebenwirkungsärmste Präparat zu verschreiben. Dann würde zumindest der ärztliche Grundsatz „dem Kranken nicht zu schaden“ (nihil nocere) Anwendung finden.