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Exklusiv: Erste deutsche Antidepressiva Absetzstudie AIDAB (Charité)

Absetzstudie Berlin

Der Berliner Psychiatrie-Professor Henrik Walter (Charité) untersucht, ob man beim Absetzen von Antidepressiva zwischen Entzugssymptomen und depressiven Rückfällen unterscheiden kann. „Es besteht ein eklatanter Mangel an Wissen bei diesem Thema“, sagt Walter.

Die Studie will herausfinden, zu welchem Zeitpunkt Antidepressiva sicher abgesetzt werden können.

In der ersten deutschen Antidepressiva-Absetzstudie will Professor Walter mit Schweizer Kollegen von der Universitätsklinik Zürich zusammenarbeiten. Aktuell ist eine Homepage mit Informationen über die DFG-geförderte Forschung unter der www-Adresse: www.absetzstudie.de abrufbar. Die Studie soll über einen Zeitraum von sechs Monaten laufen.

Walter sieht Forschungsbedarf bei der Dauerverordnung von Antidepressiva: „Wie so oft in der Medizin gibt es kaum Langzeitstudien – die bisherigen dauern ein halbes Jahr oder ein Jahr, und was über zwei Jahre läuft, ist schon ein Kolibri.“

Einen wichtigen Hinweis für die geplante Untersuchung liefert ein Ergebnis des US-Forschers Paul Andrews. Andrews hatte Studiendaten von 3454 Patienten ausgewertet, die an Antidepressiva-Studien teilgenommen hatten. Dabei fiel ihm auf, dass nach Studienende 44,6 Prozent der Patienten, die ein Antidepressivum erhalten hatten einen Rückfall erlitten hatten, wohingegen es in der Placebogruppe „nur“ 24,7 Prozent waren. Er vermutete, dass in mehreren Fällen eine körperliche Abhängigkeit durch eine Veränderung der Gehirnbiochemie entstanden war (Quelle).

Die Arbeitsgruppe um Walter hält es ebenfalls für möglich, dass Antidepressiva durch Rezeptor-Hochregulation und Induktion intrazellulärer Signalkaskaden ein neues Gleichgewicht schaffen, das beim Absetzen zu einem Rebound führt. Dieses Phänomen könnte ebenfalls eine Toleranz verursachen, worunter die Wirksamkeit der Medikamente leiden müsste.

Die Studie will untersuchen, ob Vorhersagen über ein mögliches Gelingen des Absetzens möglich sind. Dafür sollen Messungen der Gehirnfunktionen per EEG sowie Verhaltensexperimente am PC und Gehirnbildaufnahmen per MRT erfolgen. Eine Kontaktaufnahme ist über die E-Mail: aida@charite.de möglich. Die Studienleiter suchen nicht nur depressive Patienten, sondern auch gesunde Teilnehmer für die Kontrollgruppe. Die Patienten sollen eine Aufwandsentschädigung in Höhe von bis zu 300 Euro erhalten. Die gesunden Kontrollprobanden sollen circa 120 Euro erhalten. Die Studie wird in Berlin durchgeführt.

Bereits vor vielen Jahren erklärte der US-Forscher Peter Breggin, dass depressive Patienten kein biochemisches Ungleichgewicht in Gehirn haben, sondern dass die Medikamente durch ihre Wirkstoffe ein biochemisches Ungleichgewicht im Gehirn erzeugen. Dieses wird während der medikamentösen Therapie durch Anpassungsreaktionen des Gehirns kompensiert. Wenn die Medikamente dann abgesetzt werden, entsteht erneut ein Ungleichgewicht unter dem die Patienten sehr leiden (Link).

Derzeit fühlen sich viele Patienten, die ihre Antidepressiva reduzieren möchten von der Medizin im Stich gelassen. Sobald sich bei ihnen Entzugssymptome einstellen, wird dies als Rückfall der Erkrankung gedeutet und es wird empfohlen die Medikamente wieder anzusetzen.

Wenn sich durch das erneute Ansetzen der Medikamente eine Besserung einstellt, glaubt der behandelnde Arzt fast immer, dass die Medikamente wieder gut wirken. Es wird nicht geprüft, ob sich die Besserung darauf beschränkt, dass der Körper wieder den Stoff bekommt, von dem er körperlich abhängig geworden ist.

Viele Patienten beklagen zudem, dass jeder Arzt lernt, wie er Medikamente ansetzt, aber kaum einer weiß, wie man Medikamente, insbesondere Psychopharmaka, richtig absetzt.

Depression-Heute: Das Problem der Abhängigkeit tritt verstärkt erst seit den 90er Jahren auf und betrifft insbesondere Patienten, die die Medikamente seit Jahren einnehmen und dann versuchen sie abzusetzen.
Vor 1993 gab es keine Empfehlung, Antidepressiva dauerhaft einzunehmen. Das Wort „Erhaltungstherapie“ war unbekannt, obwohl es Antidepressiva bereits seit 1957 gibt. Damals erhielten Patienten die Medikamente in einer akuten Phase und nach dem Vorübergehen wurden sie wieder ausgeschlichen. Erst seit dem Aufkommen der SSRI-Antidepressiva wird depressiven Patienten empfohlen, Antidepressiva das gesamte Leben lang einzunehmen. Kritiker hielten dies für eine Strategie der Pharmaindustrie, um möglichst viele Tabletten zu verkaufen. Eine wissenschaftliche Bestätigung für diese Empfehlung gibt es nicht.
Eine Rückfallprophylaxe kann nur bei schwer depressiven Patienten Sinn machen, da Patienten mit leichten und mittelschweren Depressionen seltener Rückfälle erleiden. Die neueren SSRI-Antidepressiva wirkten jedoch in den Zulassungsstudien überhaupt nicht bei schwer depressiven Patienten. Sie waren bei Vergleichstests an stationär aufgenommenen Patienten den älteren Trizyklika-Antidepressiva (TZA) stets unterlegen.
In der Anfangszeit der Antidepressiva hatten mehrere Forscher ab 1957 versucht mit einer dauerhaften TZA-Gabe depressive Rückfälle zu verhindern. Diese Versuche wurden zwei Jahrzehnte später wegen Erfolglosigkeit eingestellt.

Über den Autor

Dr. Peter Ansari

Autor und Depressionsforscher

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