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Im Jahr 1991 wurden in Deutschland 7mal weniger Antidepressiva verschrieben als 2015.

Derzeit leben in Deutschland 4 Millionen Menschen, die an einer behandlungsbedürftigen Depression erkrankt sind.

Wenn man davon ausgeht, dass die Verschreibung der antidepressiven Medikamente auch mit der Anzahl der Diagnosen Depression zusammenhängt, hätten wir:

1991:    570.000 depressive Patienten
2015: 4.000.000 depressive Patienten

Und es stellt sich die Frage:

Wo kommen die 3.430.000 zusätzliche Patienten her?

pillenozean

Hat sich unsere Gesellschaft in den vergangenen 26 Jahren so tiefgreifend verändert, dass aus diesem Grund so viel mehr Menschen an einer depressiven Erkrankung leiden?

Was ist die Ursache für die explosionsartige Zunahme der Diagnose Depression?

Es gibt drei Möglichkeiten:

  1. Theorie: In der heutigen Zeit hat der Druck auf die Menschen stark zugenommen. Aufgrund der vielen neuen gesellschaftlichen Zwängen, leiden die Menschen unter mehr Stress, als noch in früheren Zeiten. Dadurch ist die psychische Gesundheit der Menschen ins Wanken geraten. Die Folge: Immer mehr Menschen leiden unter psychiatrischen Erkrankungen.
    (Aber: Unter Soziologen ist noch immer strittig, ob der Druck auf die Bevölkerung wirklich höher ist, als für die vorhergehende Generation. Aktuell gibt es mehr Rechte für Arbeitnehmer, es gibt eine höhere staatliche Grundsicherung, Renten. Seltener sind hingegen geworden: Hunger aufgrund von Armut oder keine Heizung im Winter)
  2. Theorie: Es gibt gar nicht mehr psychiatrische Erkrankungen als früher. Stattdessen haben Psychiater durch den technologischen Fortschritt viel mehr Möglichkeiten eine psychiatrische Erkrankung zu erkennen und können diese auch viel sicherer diagnostizieren, als noch vor wenigen Jahren.
    (Gegen diese Theorie sprechen jedoch eindeutige Fakten: Es hat sich kein Fortschritt bei den Diagnoseverfahren für eine Depression ereignet. Noch immer gibt es keinen einzigen Labortest, der entscheiden kann, ob jemand an einer Depression leidet.)
  3. Theorie: Die Psychiatrie hat ihre Messlatte immer weiter nach unten verlagert. Was früher als normale und verständliche Reaktion auf einen Schicksalsschlag gedeutet wurde, gilt in der heutigen Zeit als behandlungsbedürftige Erkrankung, die eine lebenslange Medikamenteneinnahme erfordert.
    Obwohl diese dritte Theorie vielen nicht gefällt, fällt es sehr schwer, sie zu entkräften. Die Theorie besagt gleichzeitig, dass Menschen heute anders mit Unglück umgehen. Anstatt Unglück und Leid als natürliche Bestandteile des Lebens aufzufassen, glauben viele, man könne Pillen einnehmen, die vor schmerzhaften Erlebnissen schützen.

Aber wie kam es zu dieser Entwicklung?

Der Ausgangspunkt ist die veränderte Selbst-Auffassung der Psychiatrie. Als die Psychiatrie aufhörte sich für die persönliche Geschichte der Patienten zu interessieren und glaubte sie könnte anhand von „objektiven Kriterien“ eine psychische Erkrankung diagnostizieren – verschwand die Grenze zwischen objektiv vorhandenem Leid und einer medizinisch sinnvollen Behandlung.

Es scheint, als wenn die Psychiater vergessen haben, dass es keine „objektiven Kriterien“ für eine psychische Erkrankung gibt. Auch wenn alle Symptome, die zu einer Depression gehören bei einem Menschen auftreten, kann es für diesen Menschen besser sein, keine Medikamente einzunehmen, da man von jemanden, der beispielsweise seinen Lebenspartner verloren hat nicht erwarten muss, dass er bereits nach 14 Tagen wieder ganz der Alte ist.

Unglück, schwere Erkrankungen, Trennungen, Todesfälle von geliebten Menschen und soziale Vereinsamung sind natürliche Phänomene, die es schon immer gegeben hat. Neu ist jedoch der Gedanke, dass Menschen, die so etwas erleben müssen als psychisch krank gelten und unbedingt zum Arzt gehen müssen, damit ihnen dieser Tabletten dagegen verschreibt.

Früher hat man diese Menschen getröstet, in der heutigen Zeit versuchen Psychiater Unglück mit Medikamenten zu bekämpfen.

Doch es bleibt beim Problem: Es gibt keine Medikamente, die vor leidhaften Erlebnissen schützen.