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Eine amerikanische Arbeitsgruppe in Iowa hat gezeigt, dass der langjährige Gebrauch von Neuroleptika das Gehirn schrumpfen lässt. Der Effekt war dosisabhängig.

Das Gehirn schmilzt

Die Vermutung existiert seit Jahrzehnten, jetzt hat die Wissenschaft nachgewiesen: Der dauerhafte Einsatz von Neuroleptika bewirkt Zellverluste und Substanzverlust im Gehirn.

Je höher die Neuroleptika-Dosis, desto stärker zeigen sich Schrumpfungseffekte. Die Schrumpfungen haben direkte Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten der Patienten.

Die moderne Psychiatrie basiert auf der Verordnung von Medikamenten. Im Fall von akuten, schweren Wahnvorstellungen und Aggressionen können Medikamente zeitweise hilfreich sein. Jedoch erhalten auch viele depressive Patienten die Mittel um die anregende Wirkung, die manche Antidepressiva entfalten, zu mildern. Eine neue Arbeit zeigt, dass der dauerhafte Gebrauch von Neuroleptika die Gehirnsubstanz angreift und schrumpfen lässt. Die Schrumpfung findet in Bereichen des Gehirns statt, die mit „Entscheidungen“ und „Kognition“ in Verbindung gebracht werden.

Damit bestätigt die Forscherin Nancy Andreasen aus Iowa bestätigte vorherige Versuche, die an Affen durchgeführt wurden. Als den Affen über ein Zeitraum von 2 Jahren Haloperidol und Olanzapin verabreicht wurde, zeigte sich bei diesen Affen – im Vergleich zu unbehandelten Affen – eine Reduktion der Gehirnmasse in Bereichen, die für Entscheidungen wichtig sind, um 8 bis 11 Prozent. Eine weitere Studie hatte zuvor gezeigt, dass bei Menschen bereits nach einem Jahr das Gehirnvolumen nach Neuroleptika-Einnahme eine Schrumpfung aufweist.

Die Arbeitsgruppe von Andreasen hat die bislang ausführlichsten Ergebnisse vorgelegt. Für die Studie untersuchten die Forscher die Gehirne von 211 Schizophrenie-Patienten über einen Zeitraum von 7 bis 14 Jahren mit der MRT-Technologie. Die Patienten hatten durchschnittlich täglich neuroleptische Medikamente erhalten, die einer Dosis von 4mg Haloperidol entsprachten. Bei den Patienten wurden sowohl alte Neuroleptika als auch neuere, sogenannte atypische Neuroleptika eingesetzt. Die Art der Neuroleptika hatte jedoch keinen Einfluss auf die Ergebnisse.

Der Gehirnschwund trat im frontalen, temporalen und parietalen Bereich der Großhirnrinde auf umfasste die gesamte sogenannte „graue Substanz“ ein Abbau der „weißen Substanz“ erfolgte meist zeitlich etwas später. Je höher die Medikamentendosierung war, desto stärker zeigte sich der Abbau. Dies hatte Folgen auf mehrere kognitive Prozesse. Es zeigten sich Verschlechterungen beim verbalen Lernen, bei Tests für die Aufmerksamkeit, bei der Kapazität des Arbeitsgedächtnisses, sowie beim Problemlösungsverhalten.

Einen zusätzlichen Einfluss auf die Abbauvorgänge hatte die zeitliche Länge der Rückfälle (jedoch nicht die Anzahl) in schizophrene Psychosen. Aus diesem Grund erscheint auch ein Einfluss der Erkrankung auf den Abbau von Zellen im Gehirn möglich zu sein.

Jedoch wirft dieser Punkt auch einige Fragen auf, da dieselbe Arbeitsgruppe im Jahr 2003 gezeigt hatte, dass schizophrene Patienten, die keine neuroleptischen Medikamente nach ihrer ersten Psychose erhalten hatten, keine Anzeichen einer Gehirnschrumpfung aufwiesen.

Derzeit bemühen sich die deutschen Fachgesellschaft die richtigen Schlussfolgerungen aus der Studie für die Behandlung der Schizophrenie zu ziehen. Der Greifswalder Psychiater Volker Aderhold, der die Ergebnisse in einer deutschsprachigen Übersichtsarbeit aufbereitet hat, fasst zusammen, dass „Medikamente offenbar eigenständig volumenmindernd wirken können“. Er empfiehlt: „möglichst niedrige antipsychotische Dosierungen zur Symptomkontrolle einzusetzen. Bei psychiatrischen Störungen außerhalb des Schizophreniespektrums sollten Antipsychotika ebenfalls nur mit Vorsicht und nach sorgfältiger Abwägung von Risiken und Nutzen angewendet werden.“

[Anmerkung: Neuroleptika und Antipsychotika sind unterschiedliche Namen für dieselben Medikamente. Als die Medikamente aufkamen, wurden sie Neuroleptika genannt. Heutige Psychiater verwenden jedoch häufig den Namen Antipsychotika. P. A.]

Depression-Heute: Megaphen, Haloperidol, Fluphenazin und Truxal wurden wenige Jahre nach ihrer Einführung in die Psychiatrie Neuroleptika genannt. Dies entschieden Psychiater auf dem zweiten internationalen Weltkongress für Psychiatrie in Zürich im Jahr 1957 per Abstimmung. Übersetzt bedeutet der Name, dass es sich um Substanzen handelt, die die Nerven weich machen. Der historische Blick zeigt, dass die Einführung dieser Medikamente eine große Veränderungen in den Psychiatrien bewirkte, da die Stoffe die Gewaltbereitschaft vieler Patienten reduzierten, wodurch sich die Arbeitsweise in den Psychiatrie grundlegend verändern konnte.

Die heutigen Erkenntnisse zeigen jedoch, dass die Nerven nicht nur weich gemacht, sondern sogar aufgelöst werden. Deshalb sollten die Medikamente nicht dauerhaft und schon gar nicht in hohen Dosierungen eingesetzt werden. Der Psychiatrie täte es gut, verstärkt über Alternativen nachzudenken und nicht die Indikation für Neuroleptika auf alle anderen psychiatrischen Krankheitszustände, wie Depression und Angststörungen auszuweiten.