Die beliebtesten Beiträge

Das NDR-Magazin Visite berichtete im Januar 2019 über die Nebenwirkung: Suizidgedanken, die von Antidepressiva verursacht werden können.

Die Redakteurin Jutta Rosbach hat Einblick in eine offizielle Datenbank erhalten. Diese dokumentiert, dass Patienten, die zuvor noch nie an Suizid dachten, nach der Einnahme von Antidepressiva eine Fremdsteuerungs-Wahrnehmung entwickelten und Suizidversuche durchführten.

Die Gesprächspartner von Rosbach sind Professor Bruno Müller-Oerlinghausen und Professor Tom Bschor. Das Fazit lautet: Ärzte, die nur ein Rezept ausstellen, ohne den Patienten im Blick zu behalten, handeln fahrlässig.

Zum Mediathek Beitrag
NDR Visite

Der Text vom NDR: Weniger Depression - aber mehr Suizidversuche

visite suizidgedanken 2019

Die Statistik zeigt, dass Menschen unter der Therapie mit Antidepressiva weniger unter Depressionen leiden - und doch nicht weniger Suizidversuche unternehmen, tendenziell sogar mehr als Unbehandelte. Experten kritisieren, dass Antidepressiva oft vorschnell und unkritisch verschrieben würden, ohne die Nebenwirkungen ausreichend im Auge zu behalten. In einem bundesweiten Forschungsprojekt untersuchen Psychiater seit Jahren plötzliche Suizidversuche und Suizide während einer Therapie mit sogenannten Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI). Von 250.000 Menschen, die diese Tabletten einnahmen, wurden 85 suizidal. SSRI helfen schwer Depressiven, im Alltag zu funktionieren. In einigen Fällen wecken sie aber auch den Wunsch, sich das Leben zu nehmen. Wichtig sind deshalb die psychiatrische Begleitung und die Aufklärung ihrer Angehörigen.

Beginn ist kritischste Phase der Therapie

Die kritischste Phase der Therapie ist der Beginn, wenn das Medikament neu ist. Aber auch nach jeder Steigerung oder Reduzierung der Dosis sollten Behandler und Angehörige den Erkrankten im Blick behalten. Denn das Absetzen oder die Reduzierung der Antidepressiva kann zu Entzugserscheinungen führen - und dazu gehören auch Suizidgedanken.

Krankhafte Unruhe ist Warnzeichen

Jugendliche und junge Erwachsene bis 24 Jahre sind besonders gefährdet, unter der SSRI-Therapie sich selbst oder anderen Gewalt anzutun. Das ist in vielen Studien belegt. Aber es trifft auch Ältere. Ein Warnzeichen für suizidales Verhalten nach Antidepressiva-Gabe ist eine krankhafte Unruhe. Die Betroffenen können nicht stillsitzen, was sie sehr quält. Mediziner sprechen bei diesem Phänomen von einer sogenannten Akathisie. Gefährlich ist, wenn neu aufgetretene Suizidwünsche oder Unruhe nicht als Nebenwirkungen der Therapie erkannt werden und in der Annahme, es handle sich um eine Verschlimmerung der Depression, die Dosis der Medikamente noch gesteigert wird.

Stoffwechsel spielt eine Rolle

Ein Risikofaktor für die Suizidalität könnte sein, dass manche Menschen aus genetischen Gründen Antidepressiva schlechter verstoffwechseln. Das führt dazu, dass die Leber den Wirkstoff zu langsam abbaut und dieser sich im Körper anreichert. So kommt es verstärkt zu Nebenwirkungen. Genetische Tests, die die Wirksamkeit und Verträglichkeit von einzelnen Wirkstoffen individuell voraussagen sollen, sind derzeit noch Gegenstand der Forschung. Eine zuverlässige Vorhersage, wer an Nebenwirkungen erkrankt, ist derzeit nicht möglich: Selbst wenn ein Medikament zunächst gut vertragen wurde, kann das beim zweiten Einsatz anders sein.

Begleitung des Patienten ist wichtig

Wichtig ist, dass Betroffene und Angehörige das Risiko kennen und von kundigen Therapeuten betreut werden. Ärzte, die nur ein Rezept ausstellen, ohne den Patienten im Blick zu behalten, handeln fahrlässig.