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Erst ein Jahr nach dem katastrophalen Absturz des German Wings Flug 4U9525 erfahren wir, das vermutlich wichtigste Detail dieser Tragödie, bei der 150 Menschen ihr Leben verloren.


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Bevor ein falscher Eindruck entsteht, möchten wir unser Verständnis dafür ausdrücken, dass unter den Angehörigen der Opfer, die Wut auf Andreas Lubitz groß ist. Er hat das Leben vieler Kinder und Erwachsener auf dem Gewissen. Das ist eine schwere Schuld.

Aber es gibt abweichende Meinungen über die Ursachen des Absturzes und damit auch darüber, wie ein ähnliches Unglück zukünftig verhindert werden könnte. Es gibt den Ruf nach mehr Macht für Ärzte, dieser Ansicht zufolge hätten Ärzte die Katastrofe verhindern können, wenn sie den Piloten bei der Flugaufsicht gemeldet hätten. Wir sagen: Das ist der falsche Weg. Für Depression-Heute zeigt sich ein anderes Bild.

Aus dem Abschlussbericht der französischen Aufsichtsbehörde vom 13. März 2016, geht hervor, dass Andreas Lubitz unter extremer Schlaflosigkeit gelitten hat. Er hatte große Angst, seine Sehkraft zu verlieren und entwickelte eine ernstzunehmende Schlaflosigkeit. Zunächst bekam er das schlafanstoßende Antidepressivum Mirtazapin, dieses brachte keine Linderung. Dann bekam er – und das ist die neue Nachricht:

Acht Tage vor dem Absturz hat Lubitz von seinem Arzt das SSRI-Antidepressivum Escitalopram verschrieben bekommen.

Lubitz hat das Medikament eingenommen, das geht aus der Haaranalyse hervor, die von seiner Leiche gemacht wurde.

Escitalopram ist ein SSRI-Antidepressivum. Über diese Klasse von Antidepressiva ist bekannt, dass sie Schlaflosigkeit und suizidale Gedanken auslösen können. Es ist bekannt, dass Menschen, die zuvor noch nie an Suizid gedacht haben, durch SSRI-Antidepressiva plötzlich Suizidgedanken entwickeln. Das ist mittlerweile so häufig dokumentiert, dass es eigentlich fast alle Menschen wissen - sollten.

Wenn ein Antidepressivum seine Wirkung entfaltet, ist dies häufig eine antriebssteigernde Wirkung, ähnlich einem Aufputschmittel (aber natürlich ohne Wirkung auf die Ursache der Depression). Wenn man es freundlich ausdrücken möchte, so wie es Andrew Solomon in einem berühmten Zeitungsartikel gemacht hat, zählt man die Wirkung in Kaffeetassen (je nach Medikament soll die Wirkung einer Tablette bei 10 bis 50 Tassen Kaffee liegen). Wenn man es unfreundlich ausdrücken möchte, vergleicht man die Wirkung mit Amphetaminen, wie Speed.

SSRI-Antidepressiva sind jedoch darüber gefährlich, weil sie - auch in einem Gehirn, das zuvor noch nie an Suizid gedacht hat - suizidale Ideen hervorrufen können. Wie häufig dies geschieht, ist noch ungeklärt, die Schätzungen bewegen sich bei 1:500 oder auch 1:12,5 (hier eine Schätzung vom Max-Planck-Institut). Wenn ein solcher Fall auftritt, muss das Mittel sofort abgesetzt werden. Doch leider ist dieses Wissen noch nicht einmal in Psychiatrien verbreitet und so kommt es, dass in solchen Fällen bei den suizidalen Personen die Dosis erhöht wird ... (denn die Ärzte wissen häufig nicht, was sie tun).

Verschreibungen machen nicht immer Sinn. Es scheint nur, dass kaum ein Arzt das selber so sieht. Der Arzt von Lubitz verschrieb dem Piloten Escitalopram. Das ist erstaunlich. Denn Lubitz litt unter extremer Schlaflosigkeit und hat sich nichts sehnlicher gewünscht, als mehr als zwei Stunden in der Nacht schlafen zu können. Vermutlich hätte mehr Schlaf auch positive Auswirkungen auf seine Sehstörungen gehabt. Aber was tat der Arzt, dem Lubitz vertraute? Er verschrieb ihm ein SSRI-Antidepressivum (denn sie wissen nicht, was sie tun)!

In der Wissenschaft ist seit 1990 bekannt, dass SSRI-Antidepressiva suizidale Gedanken auslösen können. Noch weiter reichen die Informationen bei Eli Lilly zurück, dem Hersteller des berühmtesten SSRIs Prozac. Dort sind entsprechende Fälle bereits 1978 in internen Akten vermerkt.

Die Tragik am Fall Andreas Lubitz ist, dass der Pilot stets alles tat, was ihm seine Ärzte rieten. Er hat sehr umfangreich nach Hilfe gesucht. Insgesamt soll er in fünf Jahren 41 Ärzte aufgesucht haben. Im Monat vor dem Crash mindestens sieben (!). Aber seine Odyssee zeigt, ein trauriges Bild das viele betrifft, die psychische Probleme haben und nach Hilfe suchen. Keiner der aufgesuchten Ärzte erreichte Lubitz. Es ist unklar, ob es überhaupt einer versucht hat. Im Nachhinein ist nur klar, dass alle Ärzte von ihrem Aussageverweigerungsrecht gebrauch gemacht haben, dass der Arzt, der Lubitz vermutlich am Nähesten stand, dem jungen Piloten – trotz extremer Schlaflosigkeit - Escitalopram verschrieben hat. (Wichtige Nebenwirkung: Schlafstörungen, inkl. Schlaflosigkeit)

Ja, es ist einfach, Böses über Lubitz zu schreiben. Aber man kann ihn auch als sensiblen, intelligenten Menschen darstellen, der Hilfe gesucht hat. Hätte er die richtige Hilfe bekommen, wäre das Unglück vermutlich nicht geschehen.

Depression-Heute verneigt sich vor den Angehörigen der Opfer und hofft, nicht missverstanden zu werden. Aber wir bitten darum, als Konsequenz nicht Ärzte mit weiteren Kompetenzen auszustatten, sondern bittet darum, dass Ärzte – und allen voran Psychiater - Fortbildungen erhalten, die nicht von der Pharmaindustrie gesponsert werden und in denen ehrlich über Nebenwirkungen informiert wird!!!

Hinweis: Schon früh gab es Vermutungen, dass es sich bei der Tragödie um eine SSRI-induzierte Katastrophe handelte. Doch nach dem Absturz gab es keine Information über die SSRI-Antidepressivum Einnahme des Piloten. Es ist nach wie vor unverständlich, weshalb diese Information erst ein Jahr (!) nach dem Absturz veröffentlicht wurde, wohingegen zeitnah über die Mirtazapin-Einnahme berichtet wurde. Warum wurde die Escitalopram-Einnahme so lange verschwiegen? Hätte man dann eine andere Diskussion geführt?

Lesen Sie hier:
David Healy über SSRI-induzierte Flugzeugabstürze
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