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Der Pharmahersteller Lundbeck kündigt einen Vertriebsstopp für sein neues Antidepressivum Brintellix in Deutschland an.

Brintellix ist weg

Erstmals musste ein Antidepressiva-Hersteller einen Zusatznutzen seines neuen Medikaments darstellen. Diesen Nachweis verlangt das AMNOG. Der Hersteller Lundbeck scheiterte kläglich. Sein neues, als Innovation angepriesenes Medikament versagte in der Prüfung.
Es ist in keiner Weise besser, als die anderen Präparate seiner Klasse und soll deshalb auch nicht mehr kosten, entschied das Prüfgremium. Brintellix wurde nur ein Jahr lang in Deutschland verkauft.

Zum 15. August wird es in Deutschland das Antidepressivum Brintellix (Wirkstoff Vortioxetin) nicht mehr geben, kündigte der Hersteller Lundbeck im Juli an.

Lundbeck begründete den Vertriebsstopp mit Hinweis auf den Verkaufspreis. Die deutschen Krankenkassen sollen demnach nicht bereit gewesen sein, mehr als einen Euro pro Tagesdosis Brintellix zu erstatten. Zu diesem Preis könne jedoch eine „innovative“ Arznei wie Brintellix nicht kostendeckend produziert werden, erklärte Lundbeck. Das Medikament soll deshalb innerhalb der EU nur noch in Tschechien und der Slowakei erhältlich sein.

Depression-Heute freut sich über diesen Rückzug. Obwohl Brintellix erst im Jahr 2013 seine Zulassung erhielt und damit das jüngste Antidepressivum auf dem Markt war, ist Brintellix zu keinem Zeitpunkt ein neuartiges Medikament gewesen. Der Wirkstoff war nicht geeignet die Therapie von depressiven Patienten zu verbessern. Studien zeigten, dass Brintellix nicht die Krankheitsdauer verkürzte oder weniger Nebenwirkungen verursachte, als vergleichbare Medikamente. Deshalb wollte das Gremium, das die Preisempfehlung für die Krankenkassen erarbeitet auch nicht, dass das Medikament mehr kosten sollte, als die anderen Medikamente dieser Gruppe. In dieser Gruppe liegt der durchschnittliche Preis einer Tagesdosis bei 34 Cent. Lundbeck wollte jedoch, dass Brintellix so viel kostet wie Agomelatin, also 1,90 Euro. Das ist rund sechsmal so viel. Jetzt ist die Firma enttäuscht – warum eigentlich?

Seit dem Inkrafttreten des AMNOG (Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes) müssen die Pharmahersteller beweisen, dass eine neue, teuer verkaufte Arznei innovativ – also besser ist - als die zuvor erhältlichen Medikamente. Wenn das gelingt, dann können die Hersteller weiterhin Mondpreise für ihre Medikamente verlangen.

Ein berühmtes Beispiel ist das Hepatitismittel Sofosbuvir. Von diesem Mittel kostet eine Tagesdosis 674 Euro.

So viel hätte Lundbeck auch erhalten können – Wenn das Mittel etwas getaugt hätte. Die Hürde für den Nachweis ist gar nicht mal so hoch, denn das prüfende Institut rechnet nur die Studien des Herstellers nach und führt keine eigenen Prüfungen durch.

Man könnte genausogut fragen: Wie peinlich ist Lundbecks Verärgerung? Die Firma weiß, dass sie in der Beweispflicht ist. Sie reicht einen riesigen Haufen an Papier bei dem zu prüfenden Institut ein und aus den ganzen Zetteln, die sie selber beschrieben hat, geht nicht hervor, dass das Medikament in irgendeiner Weise besser ist oder weniger Nebenwirkungen hat, als die anderen Medikamente, die schon auf den Markt sind. Ach Mensch, ist das ungerecht für Lundbeck. Warum prüfen die denn so sorgfältig. Wie gemein ist das denn!

Dabei ist das Ergebnis schon lange bekannt: Das Ergebnis der Prüfung liegt bereits seit dem 04.05.2015 vor. Und wer es genau wissen will, kann darin sogar nachlesen, was sich die schlauen Köpfe des Pharmaherstellers ausgedacht hatten.

Sie wollten die Prüfer von dem folgenden Zusatznutzen überzeugen: Brintellix, soll demnach eine bessere Wirkung (als vergleichbare Medikamente) bei Menschen zeigen, die eine angebotene Psychotherapie ablehnen. Aber noch nicht einmal dies ging aus den von der Firma eingereichten Unterlagen hervor. Tatsächlich ging aus den Unterlagen überhaupt kein Vorteil von dem „neuartigen, innovativen“ Medikament hervor.

Depression-Heute hat versucht herauszufinden, wann dieses „innovative“ Medikament überhaupt das erste Mal hergestellt, also synthetisiert wurde, denn bereits zuvor war Lundbeck nicht immer „innovativ“. Der Dauerseller Citalopram wurde erstmals 1975 hergestellt, also lange bevor es moderne Gehirnforschungsmethoden gab. Maßgeblich daran beteiligt war der Chemiker Klaus P. Bogeso. Nach Ablauf des Patentschutzes verkaufte Lundbeck denselben Wirkstoff unter dem Namen Escitalopram. Das aktive Medikament war unverändert, lediglich der rechtsdrehende Anteil war durch eine veränderte Aufreinigung entfernt und wieder konnte das Medikament zum siebenfachen Preis verkauft werden. Zahlreiche Psychiater bewerteten Escitalopram als „Innovation“. Im Patent von Brintellix (Vortioxetin) taucht der Name Bogeso wieder auf. Es ist daher möglich, dass die Substanz - genau wie Citalopram - ebenfalls erstmals in den 70er Jahren hergestellt wurde. Jetzt sollte es als "Innovation" zu einem hohen Preis verkauft werden.

Gut, dass der Plan nicht aufgegangen ist.

Depression-Heute: Mit Brintellix wäre ein neues, leidbringendes Antidepressivum erhältlich gewesen, das bei hochpreisigem Verkauf genügend Spielraum für gekaufte Effizienzstudien und sinnlose Anwendungsbeobachtungen gehabt hätte. Für die Patienten wäre unter dem Strich erneut nicht mehr herausgekommen, als ein typisches SSRI-Medikament, das eine Depression nicht beenden kann, dafür jedoch eine Abhängigkeit hervorrufen kann, sehr häufig sexuelle Funktionsstörungen auslöst und genau wie die anderen Vertreter seiner Klasse Herzprobleme und Schlafstörungen verursachen kann.