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Zu den neueren Theorien über die Ursache einer Depression gehört die Hypothese: eine Depression ist eine Entzündung, bzw. eine Reaktion des Immunsystems auf ein entzündliches Geschehen im Körper.
Depression-Heute ist auf Spurensuche gegangen.
Woher kommt diese Theorie und was ist davon zu halten?

Depression Entzündung

Obwohl viele Forscher Stein auf Bein schwören: Alles, was im Blut passiert, kann nichts mit einer Depression zu tun haben (nur das Geschehen im Gehirn soll relevant sein) - stammen die wichtigsten Arbeiten zur Theorie der Entzündungsreaktion aus Versuchen mit Blutzellen.

Sind Depressionen möglicherweise eine Entzündung? Diese Theorie findet derzeit großen Zulauf.

Wie kam man auf diese Idee:

Die erste Beschreibung stammt aus dem Jahr 1995 von Michael Maes, damals an der Universität in Cleveland (Ohio) (Link)

Später kam die Beobachtung hinzu, dass viele Patienten, die an Multipler Sklerose erkrankt waren, eine schwere Depression entwickelten. Der große Hype um diese Theorie begann jedoch erst als P. Galecki im Jahr 2012 entdeckte, dass viele depressiv Erkrankte erhöhte Entzündungswerte im Blut hatten (Link).

Damit war die Idee in der Welt. Für eigenständige Denker war es zwar von Anfang an ein bisschen seltsam, dass zuvor eine Depression immer nur als Gehirnerkrankung angesehen werden durfte, der Forscher Galecki jedoch für die Theorie Entzündungswerte im Blut gemessen hatte. Im Jahr 2016 legte Nature Reviews in Immunology nach (Link), ohne dass die Argumente besser wurden.

In praktischer Hinsicht war ohnehin viel wichtiger, dass die Therapie (zum Beispiel mit Minocyclin): allenfalls bescheidene Resultate zeigte und in den meisten Fällen gar nicht half (Link).  

… wenn jedoch eine Therapie nicht hilfreich ist, sollte man die zugrundeliegende Theorie beerdigen. Zumindest wenn man ernsthaft daran interessiert ist, depressiven Patienten zu helfen.

Doch es gibt auch andere Menschen, die sehr gut über die therapeutische Effizienz von Entzündungshemmern bei Depressionen informiert sind und trotzdem in "Der Spiegel" erklären, dass sie am liebsten 40 Prozent der depressiven Patienten mit Cox-2-Hemmern behandeln würden (Link).

Die Motive sind unklar. Aber noch immer gefällt diese Idee vielen. Zum Beispiel in dieser Arte Dokumentation (Depression - neue Hoffnung).

Warum gefällt die Idee eigentlich so vielen?

Depression-Heute: Wenn Menschen an einer schweren körperlichen Erkrankung leiden, dann entwickeln sie häufig eine Depression.

Bei Menschen, die die Diagnose Multiple Sklerose erhalten, ist es verständlich, wenn sie mit einer Depression darauf reagieren.

Dass es jetzt jedoch Forscher gibt, die im Blut dieser Patienten (nicht in der Gehirnflüssigkeit) eine signifikante Erhöhung von Entzündungsmarkern finden (die typisch bei MS-Kranken ist) und dann im Umkehrschluss behaupten, diese Erhöhung wäre die Ursache der Depression ... ist ein Gedanke … auf den man erst Mal kommen muss.

Es ist jedoch traurig, dass wieder einmal altes Lehrbuchwissen verloren gegangen ist.

Früher haben Ärzte depressive Patienten besonders gründlich untersucht, weil sie davon ausgingen, dass die Depression ein Hinweis auf das Bestehen einer schweren körperlichen Erkrankung sein kann. Die Depression wurde als eine Art Hilfeschrei des Körpers gewertet.

Doch eine gründliche körperliche Untersuchung bei Verdacht auf Depressionen gibt es heute nicht mehr. Aktuell werden depressive Patienten regelrecht mit Antidepressiva beworfen. Normalerweise verschreibt der Allgemeinarzt die Mittel bereits nach wenigen Minuten. "Soll ja gut wirken und Tschüss".

Jetzt kommt diese Theorie, bei der dem Immunsystem eine ursächliche Beziehung angedichtet wird. Das ist schon sehr seltsam. Jemand verliert seinen Job oder seinen Ehepartner und entwickelt eine Depression. Und was soll Schuld sein? Richtig: Das Immunsystem. Und warum soll man soetwas glauben? Etwa weil noch keine tausend Ärzte und Patienten ausprobiert haben, ob diese Mittel eine gute Wirkung auf Depressionen hat? Nein, das wurde alles schon überprüft. Depressionen sind eine so schwere Erkrankung, dass sofort jede Idee aufgegriffen und überprüft wird. Der Leidensdruck ist enorm hoch, da wird nicht abgewartet. Die Auswertungen sind schon tausendfach gemacht worden, insbesondere von der Pharmaindustrie. Die verantwortlichen Experten haben längst erkannt: Es wirkt nicht! Deswegen muss man auch keine spannenden Datenauswertungen abwarten. Ein Wundermittel spricht sich schnell rum. Entzündungshemmende Mittel sind kein Wundermittel.

Etwas merkwürdig ist jedoch, dass mittlerweile auch diejenigen, die Forschungsfördermittel vergeben, nicht mehr den Unsinn hinter merkwürdigen Theorien erkennen. Wer heute einen Forschungsantrag über das Immunsystem und Depressionen einreicht, darf mit satten Forschungsgeldern rechnen.

Patienten werden davon nicht profitieren.