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Peter Lehmann ist Deutschlands renommiertester Psychiatriekritiker. Seit den frühen 80er Jahren beschreibt er Missständen in den Psychiatrien, setzt sich für die Rechte von psychiatrischen Patienten ein und veröffentlicht Informationen über alternative Therapiekonzepte. Er ist dafür unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und einer Ehrendoktorwürde ausgezeichnet worden. Depression-Heute hat mit Ihm über sein neues Buch gesprochen, das er gemeinsam mit einem Psychiater und zwei Ärzten, geschrieben hat:

Neue Antidepressiva, Atypische Neuroleptika – Risiken, Placebo-Effekte, Niedrigdosierung und Alternativen von Peter Lehmann, Volkmar Aderhold, Marc Rufer und Josef Zehentbauer

Warum hast du das Buch geschrieben? Finden sich nicht alle wichtigen Informationen in den Beipackzetteln der Medikamente?

peter lehmann

Peter Lehmann: Viele wichtige Informationen über unerwünschte Wirkungen und Probleme bei der Langzeitanwendung von Antidepressiva und Neuroleptika findet man nicht immer dort, wo man sie erwartet. In der Schweiz werden die Herstellerinformationen an anwendende Ärzte im Internet veröffentlicht. Aber in Deutschland und Österreich muss man Arzt sein, um an die entsprechenden Verzeichnisse zu gelangen. Ich habe diese Fachinformationen  ausgewertet und aus der medizinischen Fachsprache in eine verständliche Umgangssprache übersetzt, was oft nicht einfach war.

Die Leser erhalten dadurch nackte Minimalfakten über die Psychopharmaka ohne subjektiv eingefärbte Marketingstudien. Die Betroffenen sollen dadurch – in Kenntnis der Risiken, Schäden und Alternativen – für sich entscheiden, ob sie in ihrer konkreten Situation diese Substanzen einnehmen wollen, alternativ behandelt werden möchten, Selbsthilfeaktivitäten in Angriff nehmen  oder einfach abwarten.

Das Buch wäre nicht nötig, wenn im gesetzlich erforderlichen Umfang aufgeklärt  würde. Studien zeigen, dass über die erwünschten und unerwünschten Wirkungen  von Psychopharmaka nicht zu Beginn der Behandlung, nicht in deren Verlauf und nicht beim Übergang in die Langzeitbehandlung aufgeklärt wird.

Mir wurde das deutlich vor Augen geführt, als ich 2014 einen Vortrag zum Thema „Neuroleptika und Sexualität – Verträgt sich das?“ in Rheinland Pfalz in einer psychiatrischen Klinik hielt. Er steht im Internet unter www.antipsychiatrieverlag.de/artikel/gesundheit/pdf/sexualhormone-und-nl.pdf. Ich erkläre dort, dass nahezu alle Antidepressiva, Neuroleptika und auch der Elektroschock die Freisetzung des Hormons Prolaktin steigern. Ein erhöhter Prolaktinspiegel bewirkt Sexualstörungen und eventuell Geschwulstbildungen in den Brustdrüsen, die bösartig und zu Krebs werden können.

Während der Vorbereitung zu dem Vortrag erhielt ich das Gutachten einer Psychiaterin über die leitliniengerechte Verabreichung sogenannter atypischer Neuroleptika. Ich prüfte die Leitlinien und fand darin die Vorgabe, dass Patienten über Risiken aufgeklärt werden müssen, auch über die Bedeutung der Symptome, die bei Kontrolluntersuchungen geprüft werden. Dann fragte ich bei meinem Vortrag – es waren um die 100 Leute anwesend, davon ein Drittel aktuelle Patienten –, ob sie über die Bedeutung eines erhöhten Prolaktinspiegels aufgeklärt wurden. Dieser Wert wird bei den gelegentlichen Blutuntersuchungen ermittelt. Es entstand allgemeine Empörung. Keiner der Betroffenen hatte irgendeine diesbezügliche Information erhalten. Angesichts von Studien, die Gynäkologen angefertigt haben und die das Brustkrebsvorkommen bei psychiatrischen Patientinnen fast zehnmal höher ansetzen als bei der Durchschnittsbevölkerung, ist das sehr bedenklich. Andere Studien haben ein dreifach erhöhtes Vorkommen beschrieben. Dem Klinikdirektor war die Sache natürlich etwas peinlich; er versuchte sich mit der Aussage zu rechtfertigen, dass er die wenig verbleibende Zeit für therapeutische Gespräche anstelle von Aufklärung verwenden wolle.

Wenn ich zu Fortbildungen in Kliniken eingeladen werde, bestätigen mir die Ärzte, dass mitnichten entsprechend den gesetzlichen Vorgaben und Behandlungsleitlinien aufgeklärt wird. An sich ist jeder Eingriff in die körperliche Unversehrtheit, wozu auch das Verordnen von Psychopharmaka zählt, ohne informierte Zustimmung des Patienten eine strafbare Körperverletzung. Das ist in der Psychiatrie eine allgemein akzeptierte Realität. Psychiatriepatienten wird das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit systematisch verweigert. Für verordnende Ärzte gilt kein Strafrecht, jedenfalls nicht, was körperliche Eingriffe ohne rechtliche Einwilligung betrifft. Das ist ein Skandal, nicht nur in Deutschland. In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass die Lebenserwartung von Patientinnen und Patienten mit ernsten psychiatrischen Diagnosen hierzulande um 20 bis 25 Jahre vermindert ist und zu einem nicht unbeträchtlichen Anteil sind daran Psychopharmaka mit verantwortlich – auch Psychopharmaka, die unter sogenannter therapeutischer Dosierung verabreicht werden. Was den erhöhten Prolaktinspiegel betrifft, führen schon kleinste Dosierungen zu merklich erhöhten  Prolaktinspiegeln. Man kann sich vorstellen, welchen Schaden erst hoch dosierte Psychopharmaka und die üblichen Kombinationen anrichten.

Der Elektroschock

neue ad nlBeim Elektroschocks werden Patienten nach Strich und Faden belogen. Eigentlich sollte ich hier auch weibliche Patienten erwähnen, denn Frauen werden weltweit bevorzugt elektrogeschockt. Man gaukelt den Betroffenen eine sichere Behandlungsmethode vor. Manche Psychiater wie beispielsweise David Healy aus Irland, der für seine kritische Haltung zu Antidepressiva bekannt ist, funktionalisiert deren Risiken, um den  Elektroschock als unschädlichere Alternative zu bewerben. Die meisten Psychiater verschweigen bleibende Hirnschäden, bleibende Gedächtnisschäden, lebensbedrohliche Hirnblutungen, Herzstillstände, von selbst wiederkehrende epileptische Anfälle, erhöhte Zahlen von Totgeburten bei Schwangeren und vieles mehr. Erstaunlicherweise findet man jedoch all diese sogenannten Nebenwirkungen in den Lehrbüchern der Psychiater. Aber für die Öffentlichkeit fabulieren sie von neuen Nervenverbindungen, die durch Elektroschocks entstehen würden. Dabei handelt es sich bloß um Narbengewebe, das durch die Schocks entsteht. Und natürlich verwenden sie nicht mehr das Wort „Elektroschock“, sondern reden in Orwellscher Neusprache von „Hirnstimulation“. Das ändert natürlich nichts am Wirkprinzip, das daraus besteht, dass mit Wechselstrom epileptische Anfälle ausgelöst werden. In der Neurologie versucht man mit großem Aufwand, das Entstehen von epileptischen Anfällen zu verhindern, speziell deren  wiederholtes Auftreten. In der Psychiatrie dagegen löst man die Anfälle gezielt aus,  obwohl  oder auch weil – man sehr gut über die Schäden informiert ist. Danach sind die Patienten groggy, ihre Psychosen oder Depressionen treten in den Hintergrund, bis sich die Leute wieder von dem Anfall erholt haben. Dann erhalten sie den nächsten Schock. Nach den üblichen Serien von zehn oder zwanzig Schocks ist ihre Lebenskraft in aller Regel für die nächste Zeit am Boden.

Die dauerhafte Gabe von Neuroleptika und Antidepressiva kann zu Behandlungsresistenzen führen, deshalb wird in der heutigen Zeit mehr und mehr geschockt. Ein weiterer Grund liegt in der nahezu fehlenden therapeutischen Wirkung von Antidepressiva. Wenn nach dem ersten Antidepressivum auch das zweite Antidepressivum (das zu einer anderen Substanzgruppe gehören muss) keine Wirksamkeit zeigt, kann der Arzt Elektroschocks verordnen. Dabei wäre es vernünftig, stattdessen an einer Stärkung von Selbsthilfekräften zu arbeiten, und wenn diese nicht da sind oder nicht ausreichen, unterstützende humanistische psychotherapeutische Hilfen bereitzustellen. Dass in Zeiten stärker werdender rechtsradikaler oder gar faschistischer Gesinnungen auch die während des Faschismus aufgekommenen Elektroschocks wieder hoffähiger werden, überrascht mich nicht. Die Lage in Deutschland wird auch dadurch nicht besser, dass in manchen Ländern bis zu 20-mal häufiger elektrogeschockt wird. Es zeigt nur, wie sich dieser Ungeist verbreitet hat. Deutsche Psychiater wollen den internationalen „Standard“ erreichen, das heißt, sie wollen und werden in Zukunft wesentlich häufiger schocken. Ich möchte die Öffentlichkeit davor warnen, aber gleichzeitig den Tipp geben, dass man sich davor schützen kann – zum Beispiel mit  Vorausverfügungen, in denen man explizit alle Varianten von Elektroschocks ablehnt. Am besten macht man einen großen Bogen um die gefährliche Berufsgruppe von Elektroschock-Eiferern. Die meisten arbeiten an Universitätskliniken. Frauen sollten besonders vorsichtig sein, denn die meist männlichen Psychiater schocken weibliche Patienten besonders gerne.

Was rätst du Patienten, die nach einem sehr kurzen Gespräch die Arztpraxis mit einem Rezept über ein Psychopharmakon verlassen?

Peter Lehmann: Also, ich persönlich würde die Praxis verlassen und den Arzt wechseln in der Hoffnung, einen vernünftigeren zu finden, der sich Zeit nimmt, mich mit meinen Sorgen anhört und mir nicht gleich Chemie aufquatschen will. Wenn mir einer kompetent vorkommt und mir zu Psychopharmaka rät, würde ich ihn fragen, welche Hilfekompetenzen er hat, also ob ich zu gegebener Zeit mit seiner Hilfe die Psychopharmaka wieder absetzen kann. Ich würde die Frage recht freundlich stellen, damit er sich nicht in seiner ärztlichen Sensibilität vor den Kopf gestoßen fühlt. Wenn er antwortet, Neuroleptika und Antidepressiva würden keine Entzugsprobleme machen, also kein Abhängigkeitsrisiko bergen, dann wüsste ich, dass er mir nicht helfen würde oder könnte, wenn ich die Substanzen später mal absetzen will. Ich würde nach einer Selbsthilfegruppe schauen, mich im Internet schlau machen, nach Ratgeberbüchern suchen, die, beispielsweise was Depressionen betrifft, diese nicht als Stoffwechselstörung abtun, die mit chronischer Antidepressiva-Einnahme auszugleichen sei. Oder einen Psychotherapeuten suchen, der der herrschenden biologistischen Psychiatrie kritisch gegenübersteht.

Du giltst als Kritiker von Psychopharmaka, dennoch hat Deutschlands oberster Psychiater Professor Andreas Heinz ein Geleitwort zu deinem Buch geschrieben, wie kam es dazu?

Peter Lehmann: Wir – das sind einige Mitglieder der Berliner Organisation Psychiatrie-Erfahrener und Psychiatrie-Betroffener, eine Frau vom ADFD und eine Journalistin der taz – haben 2016 eine Expertenrunde zum Entwicklung eines Curriculums zum kompetenten Begleiten beim Absetzen von Antidepressiva und Neuroleptika ins Leben gerufen. Das Curriculum soll auf unserer Website www.absetzen.info veröffentlicht werden. Wir haben uns kompetent und interessiert scheinende Betroffene und psychiatrisch Tätige zur Teilnahme eingeladen, unter anderem auch Professor Andreas Heinz, den Leiter der Universitätspsychiatrie an der Berliner Charité. Beim ersten Treff hat er mich gefragt, ob ich mit ihm beim Weltkongress des Psychiatrischen Weltverbands in Berlin im Oktober 2017  ein Symposium zum Thema Abhängigkeit von Psychopharmaka veranstalten möchte. Das habe ich getan. Danach habe ich ihn gefragt, ob er ein Geleitwort für unser Buch schreiben wolle. Das hat er getan und seinen Kollegen die Lektüre ans Herz gelegt. Das hat allerdings nicht dazu geführt, dass irgendein Blättchen der Mainstream-Psychiatrie ein Rezensionsexemplar angefordert hat.

Wann hast du mit der Arbeit an dem Buch begonnen und gab es eine bestimmte Situation, die dich dazu motiviert hat?

Peter Lehmann: Ich habe das Buch 2007 mit meinen Mitautoren konzipiert, aber mich extrem schwer getan, damit zu beginnen. Mein letztes Buch, das ich zumindest weitgehend alleine verfasst habe, war „Schöne neue Psychiatrie“ im Jahr 1996. Kurz danach wuchs das Internet mit einer schier unglaublichen Masse Geschwindigkeit und gleichzeitig einer unglaublichen Anzahl von Informationen, die mich fast erschlagen hat. Ich hatte Schwierigkeiten, die nie endende Datenmenge in den Griff zu bekommen. Der Vortrag in Rheinland Pfalz und eine Diskussion mit der Juristin Marina Langfeldt über Möglichkeiten, Hersteller und Anwender zu belangen wegen ihrer ungenügenden Informationen zum Abhängigkeitsrisiko und zu fehlenden Informationen, wie die Substanzen abzusetzen sind, half mir aus der Sackgasse. Ich habe mich dann im Wesentlichen auf die Informationen beschränkt, die Hersteller den verordnenden Ärzten bereitstellen. Nach neun Monaten konzentrierter Arbeit hatte ich meinen Teil fertig.

Du beschäftigst dich seit über 40 Jahren mit den Entwicklungen in der Psychiatrie. Was hat sich verändert? Wo siehst du Gefahren, wo siehst du Chancen?

Peter Lehmann: Mit dem Internet sind neue Möglichkeiten der Kommunikation im Selbsthilfebereich entstanden. So etwas wie das ADFD war früher nicht denkbar. Was die Psychiatrie betrifft, muss ich an die immer schädlicheren Antidepressiva und Neuroleptika denken. Die Lebenswartung von Patientinnen und Patienten mit schweren psychiatrischen Diagnosen und entsprechender Behandlung sinkt seit Jahren. Nachdenklich stimmen mich neuere Methoden, mit denen die Einnahme dieser Substanzen überwacht wird. Es gibt jetzt Neuroleptika, die aus dem Darm Funksignale senden, dass sie korrekt eingenommen wurden und den Magen durchwandert und ihre Wirkstoffe in den Organismus freigesetzt haben. Oder Neuroleptika mit einer Halbwertszeit von sechs Monaten: Wie willst du die rasch absetzen, wenn du unter einem allergischen Schock leidest und sofortiges Absetzen lebensrettend wäre? Mit der Psychoedukation wurde eine Gehirnwäsche entwickelt, der nicht nur Patienten zum Opfer fallen, sondern auch Angehörige, Psychologen und Journalisten. Was die Gefahren betrifft: Der Druck, Psychopharmaka zu schlucken, nimmt weiter zu. Wer sie verweigert oder nach längerer Zeit behandlungsresistent wird, dem oder der drohen Elektroschocks. Der deutsche Psychiaterverband betreibt eine unglaubliche Ausweitung der Indikationen. Er will vorbeugende Elektroschocks, konsequente Elektroschocks, das heißt Serien zu 10 oder 20 Schocks innerhalb weniger Tage, auch sogenannte Erhaltungselektrokrampftherapie. Das heißt, dass den Patienten nach Abklingen ihrer Probleme weiterhin im Abstand von Wochen oder Monaten Elektroschocks verabreicht werden. Eine andere, noch kaum erkannte Gefahr besteht in der Digitalisierung der Psychiatrie. Ärzte, Biologen und Mathematiker entwickeln derzeit Verfahren zur Herstellung von Logarithmen, an denen Psychiater dann ablesen können, wer welche Psychopharmaka wie lange braucht. Das Ergebnis wird eine Katastrophe für viele sein, sie werden ihre Psychopharmaka offiziell lebenslang brauchen – wissenschaftlich errechnet. Wer sich hierfür interessiert, findet Berichte zu aktuellen Forschungen in meinem Artikel „(Einige) Offene Fragen Psychiatriebetroffener zum Absetzen von Psychopharmaka“. Er steht im Internet unter www.antipsychiatrieverlag.de/artikel/gesundheit/pdf/lehmann_absetzen-offene-fragen-2016.pdf.

Chancen sehe ich im Internet für freien Gedankenaustausch und unzensierter Informationsangebote. Ein kleiner Lichtblick in unseren düsteren Zeiten mit seinen vermehrten markttechnischen Manipulationsmöglichkeiten, zunehmenden demoralisierenden Lebensbedingungen ist das Patientenverfügungsgesetz, das in Deutschland als erstem Land weltweit auch Menschen mit psychiatrischen Diagnosen das uneingeschränkte Recht auf Vorausverfügungen einräumt. Um Betroffene und Noch-Nicht-Betroffene bei der Errichtung einer wirksamen Vorausverfügung zu unterstützen, habe ich die Psychosoziale Patientenverfügung entwickelt. Man kann sie von www.antipsychiatrieverlag.de/psychpav gratis aus dem Internet runterladen. Wenn man auch in Krisenzeiten so weit wie möglich das Heft in den eigenen Händen behalten will, sollte man allerdings die Finger von der Behandlungsvereinbarung lassen, die immer wieder von psychiatrienahen Verbänden und Verlagen beworben wird. Es handelt sich hierbei um eine vorauseilenden Zustimmung zu einer möglichen Zwangsbehandlung. Wenn man wählt, welche Maßnahmen der Psychiater zuerst anwenden soll, wenn er nicht mehr weiterweiß, also dass er dann zuerst isolieren, zuerst fixieren oder zuerst zwangsspritzen soll, hat man im Fall des Falles ganz schlechte Karten, denn der Psychiater kann sich auf die Vereinbarung berufen. Ein Widerspruch ist dann nach Lage der Dinge erfolglos. Außerdem freue ich mich über das zunehmende öffentliche Unbehagen an fehlenden Informationen zum Abhängigkeitsrisiko bei Antidepressiva und Neuroleptika und stärker werdenden Initiativen, der vollkommen verantwortungslosen Gleichgültigkeit der meisten Psychiater gegenüber dem unübersehbaren Leiden der Betroffenen unter fehlenden Unterstützungsmöglichkeiten beim Absetzen etwas Konstruktives entgegensetzen.

Ich beschäftige mich mit diesem Thema schon seit Anfang der 1980er Jahre, und ich hoffe, noch zu Lebzeiten zu erfahren, dass Ärzte strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie eventualvorsätzlich eine körperliche Abhängigkeit durch fortwährende Verabreichung von Antidepressiva und Neuroleptika hervorgerufen haben. Urteile wie seinerzeit bei Benzodiazepin-Abhängigkeit sollten auch bei Antidepressiva- und Neuroleptika-Abhängigkeit fällig werden. Ich habe die beiden mir bekannten Urteile auf den Folien 59 und 60 meiner Fortbildungspräsentation zitiert. Sie steht im Internet unter www.antipsychiatrieverlag.de/artikel/gesundheit/ppt/absetzen2018.pdf.

Was sind deine aktuellen Pläne? In welchen Projekten kann man Dich unterstützen?

Peter Lehmann: Momentan mache ich meine Website smartphonegerecht. Und aus dem neuen Buch ein E-Book. Ich sitze an einer Reihe von Artikeln, unter anderem zum Elektroschock. Mit dem Psychiater Jann Schlimme werde ich beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie im November 2018 in Magdeburg ein Symposium zu Elektroschockschäden machen, mit Andreas Heinz bei der DGPPN-Tagung im gleichen Monat ein Symposium zum Absetzen von Psychopharmaka. Dort wird auch ein Mitglied des ADFD mitwirken. In Magdeburg wird ein Betroffener beteiligt sein, der derzeit den Elektroschock-Eiferer Here Folkert auf Schmerzensgeld wegen Behandlungsschäden verklagt. Ein Filmemacher will die Beiträge aufnehmen und diese als Lehrfilme auf YouTube stellen. Niemand will daran etwas verdienen, jedoch entstehen Kosten in Höhe von ca. 900 €. Deshalb suchen wir noch Sponsoren. Die Informationen zum Symposium und zur Sponsorensuche stehen auf meiner Website www.peter-lehmann.de/termine.htm#es.

Unterstützen kann man mich generell, indem man meine Bücher weiterempfiehlt, Links auf meine Internetseiten setzt, wo sie beschrieben sind, Rezensionen schreibt, auch für Amazon. Da die Mainstream-Psychiatrie meine Bücher ignoriert und da die von ihr beeinflussten Medien dies auch tun, ist die Gegenöffentlichkeit für mich von zentraler Bedeutung.

Was würdest du einem Patienten raten, der das Gefühl hat, etwas stimmt nicht mit ihm?

Peter Lehmann: Wenn es um Psychopharmaka geht, rate ich ihm, sein Bauchgefühl ernst zu nehmen, und wenn er einen Internetzugang hat, würde ich ihm raten, sich zu auf meiner Selbsthilfeseite www.antipsychiatrieverlag.de/info/stattpsychiatrie.htm umzuschauen, darüber Hilfen suchen und sich beraten lassen, selbst recherchieren, kommunizieren, planen, sich fortbilden, schützen und zusammenschließen. Und natürlich zuallererst das Buch „Neue Antidepressiva, atypische Neuroleptika – Risiken, Placebo-Effekte, Niedrigdosierung und Alternativen“ zu lesen und zu prüfen, ob sein Gefühl vielleicht mit seiner aktuellen Behandlung zu tun hat. Informationen zum Buch stehen im Internet unter www.peter-lehmann-publishing.com/neue. Sollte er einen Zusammenhang zwischen der Behandlung und den Leiden sehen, speziell wenn sie vor der Behandlung nicht vorhanden oder nicht so massiv waren, könnte er darüber nachdenken, die Substanzen risikovermindernd abzusetzen. Ich biete dazu viele Informationen, zum Beispiel mein Buch „Psychopharmaka absetzen – Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva, Phasenprophylaktika, Ritalin und Tranquilizern“, siehe www.antipsychiatrieverlag.de/verlag/titel/absetzen.htm, sowie einen größeren Internet-Überblick www.antipsychiatrieverlag.de/info/absetzen.htm.

Vielen Dank für das Interview und die hilfreichen Links.

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