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Wer unter einer psychischen Störungen leidet, muss für die Therapie keine Medikamente einnehmen. Der Berliner Therapeut Klaus Bernhardt hat eine neue psychotherapeutische Methode entwickelt, die auf positiver Umprogrammierung basiert und auch beim Entzug von Antidepressiva helfen kann. Er beschreibt die Methode in seinem Buch "Panikattacken und andere Angststörungen loswerden" (Link), sowie auf der Homepage "Panikattacken loswerden" (Link).

Foto von Klaus Bernhardt

Die "Bernhardt-Methode" lässt sich über sein Buch (Link) oder Podcasts (Link) erlernen. Zusätzlich bietet Klaus Bernhardt gemeinsam mit seinem Team in Berlin spezielle Gruppentherapien (Link) zum Erlernen der Methode an, sowie Einzelsitzungen.

Interview mit Klaus Bernhardt, dem Erfinder einer neuen Therapiemethode für Angsterkrankungen und Panikattacken.

Depression-Heute: Ihr Konzept gegen Panikstörungen stößt auf großes Interesse, wie erklären Sie sich den Erfolg.

Bernhardt: Die Einfachheit der Methode und die deutliche Reduzierung der Angstsymptomatik - oft schon nach wenigen Tagen - ist sicher einer der Hauptgründe, warum unser Konzept so schnell so erfolgreich werden konnte. Zudem verzichtet unsere Form der Therapie vollständig auf Medikamente, was gerade bei Angstpatienten ein entscheidender Vorteil ist, da diese Menschen sich oft große Sorgen machen, ob sie bestimmte Substanzen vertragen oder nicht.
Auch, dass wir vollständig auf das unangenehme Graben in der Kindheit verzichten, empfinden viele als sehr angenehm. Zudem belegen mittlerweile zahlreiche Studien, das dieser psychoanalytische Ansatz oft mehr Schaden anrichtet, als dass er den Betroffenen hilft.

DH: Was unterscheidet Sie von „typischen Ansätzen“?

Bernhardt: Während viele der althergebrachten Therapieansätze nach wie vor einen unaufgelösten Konflikt in der Kindheit vermuten, basiert unsere Methode auf den neusten Erkenntnissen der Gehirnforschung. Dort ist man sich mittlerweile sicher, dass wir uns selbst durch unsere Art zu Denken täglich neu programmieren. Angst ist also viel häufiger ein erlerntes bzw. antrainiertes Verhalten, als das Ergebnis eines alten Traumas. Deshalb haben wir über Jahre hinweg eine Methode entwickelt, mit der man sein Denken Stück für Stück so verändern kann, dass die Automation des angstbesetzten Denkens durch eine neue Automation der Leichtigkeit und Gelassenheit ersetzt wird. Wer sich dabei konsequent an die Methoden hält, die ich in meinem Buch beschreibe, der kann es schaffen, seine Ängste oft in nur 6 bis 12 Wochen zu überwinden, und das ist wohl der größte Unterschied zu anderen Therapieformen, bei denen man zum Teil Jahre benötigt, um seine Ängste loszuwerden.

DH: Wie sind Sie darauf gekommen? Haben Sie selber unter einer Angststörung oder Panikattacke gelitten?

Bernhardt: Nein, ich selbst hatte zum Glück noch nie eine Angststörung oder gar Panikattacken. Zwei meiner engsten Freunde wurden jedoch vor vielen Jahren mit dieser Diagnose konfrontiert und in diesem Zusammenhang gab es ein einschneidendes Erlebnis, dass mich schließlich dazu veranlasst hat, mein weiteres Leben der Erforschung von Angsterkrankungen und der Entwicklung besserer Therapien zu widmen.

Ich begleitete damals eine langjährige Freundin zu ihren Therapie-Sitzungen, da sie selbst nicht mehr in der Lage war, alleine dorthin zu gehen. Was ich dort miterleben musste war so schockierend, dass mir schon nach wenigen Sitzung klar war: Wenn das die Art ist, wie hierzulande mit Angstpatienten umgegangen wird, dann verwundert es nicht, warum so viele Menschen so lange darunter leiden. Ich möchte hier nicht zu tief ins Detail gehen und sicherlich gibt es auch ganz viele tolle Therapeuten, die hier einen wirklich guten Job machen.
Die Methoden jedoch, die ich in diesem Fall unmittelbar miterleben musste und mit denen etwas später auch ein weiterer Freund von einem anderen Therapeuten behandelt wurde, waren derart veraltet und neurowissenschaftlich längst nicht mehr haltbar, dass ich beim besten Willen nicht verstehen kann, warum Krankenkassen diese nach wie vor noch bezahlen. Das war dann auch die Initialzündung für mich, all meine journalistische Erfahrung dafür einzusetzen um herauszufinden, ob es nicht doch bessere Methoden gibt, um Angstpatienten schnell und nachhaltig von ihren Qualen zu befreien.

DH: Gab es Irrwege, bzw. hatten Sie anfangs Dinge unterschätzt und dann angepasst?

Bernhardt: Natürlich gab es in den vergangenen 8 Jahren, die ich seitdem damit verbrachte habe, die aus meiner Sicht bestmögliche Therapie für Angstpatienten zu entwickeln, auch den ein oder anderen Irrweg. Aber erstaunlicherweise waren die Irrtümer viel seltener als die Aha-Momente. Es war ja nicht so, dass ich einfach drauf los probiert habe was funktioniert und was nicht. Vielmehr habe ich hunderte von Studien gelesen, nach Gemeinsamkeiten und nach Widersprüchen gesucht und selbst parallel dazu mehrere therapeutische Ausbildungen absolviert. So gibt es z.B. in der kognitiven Verhaltenstherapie viele gute und wirksame Ansätze. Leider werden diese jedoch oft mit anderen Methoden kombiniert, die eine schnelle Heilung dann wieder blockieren.
Deshalb habe ich über Jahre hinweg Experten in Europa und in den Vereinigten Staaten zu diesem Thema interviewt und die gesammelten Informationen immer wieder mit den neusten Erkenntnissen der Gehirnforschung abgeglichen.

Vor gut 4 Jahren habe ich dann zusammen mit meiner Frau, die selbst eine ganz hervorragende Therapeutin ist, unsere eigene Praxis für Psychotherapie in Berlin eröffnet. Und natürlich gab es auch einige Dinge, die ich in meiner anfänglichen Euphorie und aufgrund der schnellen und zum Teil bahnbrechenden Ergebnisse unterschätzt habe. Beispielsweise fällt mir da die Arbeit mit Menschen ein, die eine Borderliner-Störung haben. Mit Borderlinern zu arbeiten ist ungleich schwerer, als mit „normalen“ Angstpatienten und ich habe hier größten Respekt vor allen Kollegen, die sich auf die Arbeit mit diesen Patienten spezialisiert haben.

Peter Ansari und Klaus Bernhardt

Klaus Bernhardt (links) und Peter Ansari in Berlin

DH: Kann man sein Gehirn so einfach umprogrammieren?

Bernhardt: Daran besteht nicht der geringste Zweifel, allerdings würde ich das Wort „einfach“ gerne etwas relativieren, denn es erfordert schon Disziplin und Durchhaltevermögen, um unsere Methode erfolgreich anzuwenden. Mittlerweile ist mein Buch ein 3/4 Jahr auf dem Markt und wir bekommen täglich wenigstens 20 Mails, in denen ehemalige Angstpatienten berichten, wie sie es auch eigener Kraft und mit etwas Durchhaltevermögen geschafft haben, sich aus der Angst zu befreien.

Viele berichten auch, dass sie sich selbst dabei beobachten konnten, wie ihr automatisiertes Denken sich durch unsere Übungen Stück für Stück verändert hat und gleichzeitig von Woche zu Woche mehr Leichtigkeit in ihr Leben einzog. Natürlich schreiben auch viele, dass ihnen die Techniken aus dem Buch am Anfang schwergefallen sind oder sie berichten von Rückfällen, wenn Sie mit den Übungen zu früh wieder aufgehört haben. Mittlerweile haben wir mehrere tausend Rückmeldungen von ehemaligen Patienten sowie von den Lesern meines Buches gesammelt, so dass wir heute mit Sicherheit sagen können: Ja, das Gehirn lässt sich bei konsequentem und richtigem Training relativ einfach umprogrammieren.

DH: Seit wann behandeln Sie Patienten?

Bernhardt: Wir haben vor gut 4 Jahren unsere Praxis eröffnet, wobei mein Fokus von Anfang an auf der Behandlung von Angstpatienten lag. Zuvor hatte ich ebenfalls 4 Jahre lang zu diesem Thema geforscht, sowie eine Vielzahl von therapeutischen Aus- und Weiterbildungen besucht. Mit dem Thema Angst und Panik beschäftigt ich mich also seit gut 8 Jahren.

DH: Wie stehen sie zu Medikamenten?

Bernhardt: Für körperliche Probleme gibt es viele gute Medikamente, daran gibt es gar keinen Zweifel. Was allerdings den psychischen Bereich betrifft, habe ich so meine Zweifel. Ich bin überzeugt davon, dass ein Problem grundsätzlich da behoben werden sollte, wo es entstanden ist. Da aber die überwiegende Mehrheit aller Angst- und Panikstörungen aus einer falschen Art zu denken entstanden ist, halte ich es für falsch, teilweise sogar für gefährlich, hier vorschnell Medikamente zu geben.
Es ist ja nicht so, dass Sie ein paar Pillen einwerfen und sich dadurch dann Ihre Art zu denken verändert. Dadurch können Sie bestenfalls ein paar unangenehme Symptome lindern, am eigentlichen Problem ändert sich aber nichts. In meinem Buch vergleiche ich das mit dem Alarmton eines Feuermelders während eines Wohnungsbrandes. Sie können mit Medikamenten vielleicht den nervigen Ton abschalten, wenn Sie aber nicht auch den Brand löschen, hilft Ihnen das letztendlich herzlich wenig.

DH: Welche Medikamente nehmen ihre Patienten häufig? Haben sie häufig mit Lorazepam-Abhängigkeit zu tun? Wie erklären Sie sich das?

Bernhardt: Ganz häufig haben meine Patienten, bevor sie zu mir gekommen sind, schon mehrere Antidepressiva, aber auch Neuroleptika und Betablocker als vermeintliche Helfer gegen die Angst verschrieben bekommen. Wer letztendlich in unsere Privatpraxis kommt, dem konnten all diese Medikamente jedoch nicht wirklich helfen. Ein besonders heikles Thema haben Sie ebenfalls angesprochen: Lorazepam. Dieser Wirkstoff zählt ja zur Gruppe der Benzodiazepine. In Deutschland kennt man dieses schnell abhängig machende Medikament vor allem unter dem Namen „Tavor"- in der Schweiz und Österreich wird es unter dem Namen "Temesta" vertrieben. Prinzipiell handelt es sich hierbei um ein schnell wirksames Beruhigungsmittel, das von den meisten Patienten recht gut vertragen wird, wenn es nur ab und an, und nur in einer echten „Notfall-Situation“ genommen wird.
Bedauerlicherweise halten viele Ärzte und Psychiater Ihre Patienten dazu an, diesen Wirkstoff von Anfang an täglich zu nehmen. Besonders bedenklich wird es, wenn die Betroffenen dann nicht darüber aufgeklärt werden, dass dieser Wirkstoff bereits nach 14 Tagen zu einer körperlichen Abhängigkeit führen kann. Wir haben jeden Monat wenigsten 5 oder 6 Patienten in unserer Praxis, bei denen diese Aufklärung nicht stattgefunden hat. Setzen diese Menschen dann Lorazepam selbstständig ab, kommt es häufig zu einer extremen Entzugs-Symptomatik, die sogar lebensbedrohlich sein kann.

DH: Kann man Ihre Methode nutzen, um Medikamente zu reduzieren?

Bernhardt: Ich rate unseren Patienten, die bereits medikamentös eingestellt sind, grundsätzlich dazu, erst so lange die Übungen aus meinem Buch zu machen, bis es ihnen wenigstens 3 Wochen am Stück wieder richtig gut geht. Aus dieser Position der Stärke heraus ist es dann viel einfacher, die Medikamente nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt Stück für Stück auszuschleichen.
Die überwiegende Mehrheit unserer Patienten schafft es auf diese Weise, spätestens 6 Monate nach Therapiebeginn weitgehend von ihren Medikamenten gegen die Angst loszukommen.

DH: Ist es möglich, mit der Bernhardt-Methode auch andere psychische Erkrankungen wie z.B. Depressionen zu behandeln oder richten Sie sich vorrangig an Patienten mit Angststörungen?

Bernhardt: Ja, das ist definitiv möglich, das durften wir schon ganz oft erleben. Gerade Depressionen entstehen ja häufig erst dadurch, dass eine vorliegende Angsterkrankung nicht erkannt oder falsch behandelt wurde. Wer über Jahre hinweg unter Ängsten leidet, der wird früher oder später fast zwangsläufig depressiv. Ist es erst einmal so weit gekommen, dauert der Genesungsprozess aber selbst mit unserer Methode etwas länger.
Da wir seit einiger Zeit auch andere Therapeuten und Ärzten im Rahmen einer einwöchigen Weiterbildung die Bernhardt-Methode nahebringen, bekommen wir auch von diesen Kollegen immer häufiger das Feedback, wie erfolgreich diese Methode auch bei Depressionen oder einer sozialen Phobie eingesetzt werden kann.
In der aktualisierten Neuauflage meines Buches, dass im September 2017 erscheint, gehe ich auch auf diese Anwendungsmöglichkeiten näher ein.

DH: Kritiker sagen, mit so wenigen Sitzungen kann eine Besserung nicht gelingen, was entgegnen sie solchen Einschätzungen?

Bernhardt: Das Wort „Einschätzungen“ trifft es ganz gut. Wenn ich nicht Bescheid weiß, muss ich etwas einschätzen. Natürlich macht es einen Unterschied, ob die Angsterkrankung erst seit ein paar Monaten besteht oder - was wir leider häufiger beobachten müssen - seit mehreren Jahrzehnten. Besteht die Angststörung nicht länger als 6 Monate, brauchen meine Kollegen und ich oft nur 3 oder 4 Sitzungen, bis es unseren Patienten wieder richtig gut geht (aufgrund der großen Nachfrage arbeiten wir aktuell schon zu viert in unserer Praxis).
Besteht eine Angststörung hingegen schon über viele Jahre, dann dauert es manchmal auch etwas länger, vor allem wenn zusätzlich zur Angstproblematik noch eine Depression vorliegt. Man darf ja auch nie vergessen, von wem solche Kritik kommt. Wer seit 30 Jahren oder länger an Ängsten leidet, der war ja in dieser Zeit auch in der Regel über Jahre hinweg in therapeutischer Betreuung, ohne das ein bleibender Erfolg erzielt werden konnte. Verständlich, dass solche Patienten oder auch die behandelnden Kollegen zu so einer Einschätzung kommen, sie kennen es aus ihrer eigenen Erfahrung ja nicht anders.

DH: Gibt es einen „wichtigsten Rat“ den Sie ihren Patienten geben?

Bernhardt: Bei ganz vielen meiner Patienten muss ich feststellen, dass Sie keine großen Ziele mehr im Leben haben, für die sie wirklich brennen. Ihr ganzer Fokus richtet sich nur noch auf Ihre Krankheit. Doch das, worauf ich die Aufmerksamkeit richte, taucht vermehrt im Leben auf. Dieses Phänomen kennt jeder, der sich mal ein Auto gekauft hat. Sobald ich eine bestimmte Marke fahre, fällt mir dieses Modell überdurchschnittlich oft im Straßenverkehr auf.
Genauso verhält es sich auch mit einer Angststörung und Panikattacken. Je mehr ich darauf warte, wann die nächste Angstattacke mich überfällt, umso häufiger aktivieren diese Gedanken genau jene Neurotransmitter-Ausschüttung, welche letztlich zu Angst und Panik führt.
Schaffen es die Patienten hingegen, sich wieder mehr auf ein Leben zu fokussieren, das Sie gerne erreichen möchten, dann führt dieser veränderte Fokus auch im Gehirn dazu, dass positive Dinge vermehrt wahrgenommen werden.

Mein Rat an alle meine Patienten lautet deshalb:
Sie müssen nicht gesundwerden, um das Leben Ihrer Träume zu leben.
Sie dürfen anfangen das Leben Ihrer Träume zu leben,
damit Sie endlich gesundwerden können!

DH: Vielen Dank für das Gespräch.