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Der klinische Psychologe Dr. Michael P. Hengartner von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften hat die Langzeitdaten von Personen mit Depressionen ausgewertet (Link). Dabei zeigte sich bei Patienten, die über einen langen Zeitraum antidepressive Medikamente eingenommen hatten, eine Verschlechterung des Krankheitsverlaufs im Vergleich zu Patienten, die nur kurzzeitig oder gar keine Medikamente eingenommen hatten.

Depression-Heute: Herr Hengartner, die Patienten ihrer Untersuchung wurden über einen Zeitraum von 30 Jahren wiederholt untersucht. Können Sie kurz beschreiben, was es mit dieser Personengruppe auf sich hat und wie Sie an die Daten gelangt sind?

Michael P. Hengartner

Dr. Michael P. Hengartner

Hengartner: Im Jahr 1978 wurden nach dem Zufallsprinzip sehr viele junge Schweizer im Alter von 19 bis 20 Jahre angeschrieben, die eine nationale Vergleichsgruppe bilden sollten. Von dieser Gruppe wurden dann insgesamt 591 Menschen ausgewählt, von denen wiederum zwei Drittel unter erhöhtem psychopathologischen Stress litten. Die Forscher erhofften sich aus der geplanten Langzeituntersuchung Aussagen über die Auftrittswahrscheinlichkeit und den Verlauf von psychischen Störungen zu gewinnen.
Die 591 Menschen, die als Zürcher Kohorte bezeichnet werden, sind bis ins Jahr 2008, im Alter von 49 und 50 Jahren, regelmäßig untersucht worden. Insgesamt sind sieben umfangreiche klinische Interviews erfolgt. Dabei wurde geprüft, welche Medikamente sie einnehmen, welche Symptome sie präsentieren, welche Diagnosen sie erhalten haben und wie die allgemeinen Lebensumstände sind. Ich konnte diese Daten auswerten, weil ich seit vielen Jahre in Zürich mit den Initiatoren der Studie, den Psychiatrie-Professoren Jules Angst und Wulf Rössler zusammenarbeite.

Depression-Heute: Was zeigen die Daten?

Hengartner: Wir konnten zeigen, dass Menschen, die über einen gewissen Zeitraum antidepressive Medikamente eingenommen haben, häufiger und unter stärkeren Depressionen litten. Dies gilt insbesondere für Patienten, welche wiederholt oder kontinuierlich medikamentös behandelt wurden.

Depression-Heute: Aber ist das nicht eine Bestätigung der aktuellen "Lehrbuchmeinung"? Die meisten Psychiater gehen davon aus, dass es für Patienten mit Depressionen hilfreich ist, wenn sie dauerhaft mit antidepressiven Medikamenten behandelt werden und dementsprechend sieht man in ihren Daten, dass Patienten mit schweren Depressionen am häufigsten mit antidepressiven Medikamenten behandelt werden. Diese "Lehrbuchmeinung" geht ja davon aus, dass es den Patienten noch viel schlechter gehen würde, wenn sie die Medikamente nicht dauerhaft einnehmen würden.

Hengartner: Aber genau das zeigen unsere Daten nicht und wir sind nicht die einzigen, die eine solche Beobachtung gemacht haben. Unsere Daten suggerieren, dass antidepressive Medikamente längerfristig nicht helfen, sondern Schaden verursachen. Wir haben aufgrund unserer Stichprobe vergleichen können, welche Auswirkungen die verschiedenen Behandlungsmethoden haben.
Ich möchte dafür etwas näher auf die Resultate und die Methoden eingehen. Unsere Stichprobe wurde insgesamt 7 mal untersucht. Konkret fanden die Erhebungen in den Jahren 1979, 1981, 1986, 1988, 1993, 1999, sowie letztmals 2008 statt. Bei diesen Untersuchungen wurde die Medikamenteneinnahme zu einem bestimmten Zeitpunkt (die sogenannte Baseline Messung) immer als Prädiktor für Symptome zu einem nachfolgenden Zeitpunkt (die sogenannte Follow-up Messung) verwendet. Das heißt, die Medikamenteneinnahme im Jahr 1979 diente als Prädiktor für Depressionen im Jahre 1981, die Medikamenteneinnahme im Jahr 1981 für Depressionen 1986, und so weiter, bis zuletzt die Medikamenteneinnahme 1999 als Prädiktor für Depressionen im Jahr 2008.
Wir haben die Daten sorgfältig untersucht und die Schwere der Depression zum Zeitpunkt der Medikamenteneinnahme statistisch kontrolliert, um Verzerrungen durch die Indikation zu reduzieren.
Unser wichtigstes Ergebnis lässt sich in etwa so zusammenfassen: Wenn eine Person mit depressiven Beschwerden antidepressive Medikamente einnahm, so hatte sie, im Vergleich zu einer Person mit ähnlichen Beschwerden, die aber KEINE Medikamente einnahm, ein HÖHERES Risiko in Zukunft immer noch (oder erneut) eine Depression zu erleiden. Das relative Risiko war um rund 80% erhöht.
Die Daten zeigen im Umkehrschluss, dass Depressionspatienten, die auf Medikamente verzichteten, nachfolgend seltener und weniger schwere Depressionen erlitten.
Gerade Patienten, die über längere Zeiträume durchgehend oder wiederholt Medikamente eingenommen hatten, zeigten eine im Vergleich schlechte Prognose.
Das ist für mich ein wichtiger Punkt, den wir jedoch aufgrund restriktiver Platzbeschränkung nicht in der Arbeit publizieren konnten. Es ist aber ein Hinweis, dass die Medikamente aufgrund ihrer Veränderung der Neurochemie längerfristig das Krankheitsrisiko erhöhen könnten.
Dennoch empfehle ich einen vorsichtigen Umgang mit kausalen Schlussfolgerungen: Unsere Studie ist eine naturalistische Beobachtungsstudie, und keine randomisierte Placebo-kontrollierte klinische Studie. Ob ein Patient Medikamente eingenommen hat oder nicht, war somit kein zufälliges Ereignis (wie beim klinischen Versuch), sondern eine bewusste Entscheidung. Nichtsdestotrotz, gerade wenn man die Befunde von experimentellen Medikamentenstudien bei Gesunden und Patienten sowie auch bei Tieren in Betracht zieht, halte ich es für plausibel und wahrscheinlich, dass die Medikamente längerfristig schaden.

Depression-Heute: Das sind ja ernüchternde Fakten. Wenn ich das richtig verstehe, heißt das: In den allermeisten Fällen hat sich eine dauerhafte antidepressive Therapie verschlechternd auf das langfristige Behandlungsergebnis ausgewirkt. Aber hat man in ihrer Untersuchung vielleicht Menschen gefunden, für die man aussagen kann, dass ihnen eine kontinuierliche Gabe von Medikamenten dauerhaft geholfen hat?

Hengartner: Leider ist es bislang noch nie gelungen, vorherzusagen ob sich eine Medikation verbessernd oder verschlechternd auf den einzelnen Patienten auswirkt. Eine solche Aussage konnte noch keine randomisierte Placebo-kontrollierte klinische Studie machen und das geht auch nicht aus unserer Beobachtungsstudie hervor. Wir können deshalb auch nach über 50 Jahre Antidepressiva-Verschreibungen immer noch nicht vorhersagen ob jemand von der ersten Verabreichung eines Medikaments profitieren wird oder nicht. Oder vielleicht noch wichtiger ob, wenn man eine längerfristige Aussage machen möchte, Antidepressiva überhaupt verschrieben werden sollten. Denn es sollte überlegt werden, ob wir Medikamente verschreiben sollen, die nur kurzfristig, das heißt, in den ersten 6-12 Wochen eine minimale Symptomreduktion herbeiführen können (obschon fraglich ist, ob dieser Effekt klinisch überhaupt bedeutsam ist), über Monate hinaus jedoch die Anfälligkeit für neue Symptome und Erkrankungen erhöhen
Und mit Erkrankungen meine ich jetzt nicht nur psychische Beschwerden, sondern auch schwerwiegende physische Erkrankungen. Immer häufiger zeigen Befunde, dass Antidepressiva beispielsweise das Demenzrisiko erhöhen oder zu kardiovaskulären Erkrankungen führen können.

Depression-Heute: Viele Ärzte gehen davon aus, dass Antidepressiva dennoch unbedingt verschrieben werden müssten, weil sie eine suizidverhindernde Wirkung hätten. Wie stehen Sie dieser Aussage gegenüber?

Hengartner: Antidepressiva bewahren nicht vor Suizid! Das ist eine große Lüge: Meta-Analysen von randomisierten klinischen Versuchen zeigen deutlich, dass unter dem Einfluss von Antidepressiva mehr Suizidversuche unternommen werden als unter Placebo! Dies gilt insbesondere für Jugendliche, aber auch für Erwachsene. Dies wurde auch in großen, gut kontrollierten epidemiologischen Studien bestätigt. Somit scheinen Antidepressiva nicht vor Suizid zu bewahren, sondern Suizidversuche sogar zu verursachen! Die jährliche Zunahme der Antidepressiva-Verschreibungen bei sinkenden Suizidraten, die in den 90er Jahren beobachtet wurde, ist eine Scheinkorrelation. In vielen Ländern sanken die Suizidraten lange bevor die massive Verschreibung von Antidepressiva begann. Zudem sind seit über 10 Jahren die Suizidraten in vielen Ländern stabil oder sogar leicht ansteigend, obwohl die jährlichen Antidepressiva-Verschreibungen weiterhin zunehmen.

Depression-Heute: Zurück zur Zürcher Kohorte. Innerhalb der Patientengruppe gab es auch mehrere Fälle, in denen Patienten die Medikamente längere Zeit eingenommen haben und dann absetzten, hatte dies einen Einfluss auf den Krankheitsverlauf?

Hengartner: Ja, und zwar einen erfreulichen. Diese Patienten zeigten langfristig einen guten Krankheitsverlauf. Viel besser als bei kontinuierlicher medikamentöser Behandlung.

Depression-Heute: Und wie verhielt es sich mit Patienten, die gar keine antidepressiven Medikamente eingenommen haben?

Hengartner: Diesen ging es langfristig am besten. Der Unterschied zu den Patienten, welche die Medikamente wieder absetzten, war jedoch gering und statistisch nicht signifikant. Aber wie oben bereits erwähnt, konnten wir diese Befunde leider nicht in der Hauptarbeit publizieren. Dies hat hauptsächlich mit dem erlaubten Maximalumfang der Publikation zu tun. Ich will an dieser Stelle aber auch betonen, dass insbesondere bei den Langzeitkonsumenten die Fallzahlen relativ gering waren (es handelt sich ja um eine Stichprobe aus der Allgemeinbevölkerung, und nicht um eine klinische Stichprobe). Somit sind diese Befunde mit einer gewissen Unsicherheit behaftet und müssten sicherlich noch nachfolgender größerer Stichproben bestätigt werden. Es gibt aber bereits mehrere publizierte Arbeiten, die zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen sind.

Depression-Heute: Woran arbeiten sie aktuell.

Hengartner: Das gibt es einiges. Mich interessiert insbesondere welchen Einfluss die Medikamente auf die physische Gesundheit haben. Wie bereits erwähnt, suggerieren immer mehr Forschungsarbeiten, dass längere Medikamenteneinnahme Körperfunktionen wie Kreislauf oder Stoffwechsel signifikant beeinträchtigen, sodass es zu schweren somatischen Erkrankungen kommen kann. Dies will ich mittels langzeitlicher Krankenversicherungsdaten genauer untersuchen. Auch Entzugssyndrome nach längerer medikamentöser Therapie, fälschlicherweise als „Absetz-Reaktionen“ bezeichnet, will ich mit diesen Daten genauer erforschen.

Depression-Heute: Was würden Sie depressiven Patienten empfehlen?

Hengartner: Ich denke, dass es für Patienten längerfristig das Beste ist, grundsätzlich auf Antidepressiva zu verzichten. Falls dies nicht möglich ist, sollten sie die Medikamente spätesten nach 6-9 Monaten konsequent absetzen. Längerfristig haben die Medikamente keinen Nutzen und schützen auch nicht vor Rückfällen (ich habe darüber ausführlich in einem Review geschrieben: https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyt.2017.00275/full). Bei längerer Einnahme drohen nicht nur schwere Gesundheitsrisiken, sondern auch schwer beeinträchtigende, mitunter langwierige Entzugssyndrome, welche von vielen Patienten als schlimmer empfunden werden als die depressiven Symptome selbst. Bei schweren Depressionen rate ich zu einer ganzheitlichen biopsychosozialen Behandlung, welche Psychotherapie, Sport/Bewegung, Schlafhygiene, Sozialarbeit, und gesunde Ernährung beinhalten sollte. Mildere Depressionsformen remittieren oftmals von alleine nach relativ kurzer Zeit. In solchen Fällen sollte man insbesondere auf viel Bewegung, ausreichend Schlaf und gesunde Ernährung achten. Dies deckt sich auch mit den Empfehlungen der Britischen NICE-Richtlinien (National Institute for Health and Care Excellence). Es ist wichtig zu betonen, dass es so etwas wie „Glück und Zufriedenheit auf Gewähr“ nicht gibt. Das Leben besteht nicht nur aus Erfolgen; Misserfolge gehören auch dazu. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass es zum normalen Verlauf des Lebens zählt, dass wir hin und wieder scheitern, an unsere Belastungsgrenze gelangen, Abschied nehmen müssen, Trauern, Niederlagen erleiden. In solchen Situationen ist es völlig normal, ja sogar adaptiv, dass wir traurig, niedergeschlagen und energielos sind. Solche Zustände können durchaus einige Wochen anhalten, deswegen ist man auf keinen Fall krank oder hat eine „neurobiologische Störung“, welche sofort medikamentös behandelt werden muss. Sollten die Beschwerden selbst nach Monaten aber nicht abklingen oder sich sogar verschlimmern, muss aber auf jeden Fall eine Fachperson konsultiert werden. Psychisches Leiden darf auf keinen Fall negiert oder verharmlost werden, es sollte aber auch nicht pathologisiert und medikalisiert werden. Leiden ist nicht per se eine Krankheit. Und schon gar nicht ist eine Pille längerfristig eine Lösung für belastende psychosoziale Probleme wie Einsamkeit, Arbeitslosigkeit, oder Überbelastung.

Depression-Heute: Vielen Dank für das Gespräch