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Tagungsbericht zur Tagung „Wege aus der Depression – Antidepressiva absetzen ?!“ am 6.9.2018 in Herford

Vom Genesungsbegleiter Netzwerk Hamburg (www.gbph.de)

Die Klinke e.V. (ein gemeinnütziger Träger der ambulanten Eingliederungshilfe) aus Herford hat in Kooperation der VHS Herford, dem WGSP und der DGSP eine Tagung zu dem Thema „Wege aus der Depression – Antidepressiva absetzen ?!“ ausgerufen. Bereits im Jahr 2017 veranstaltete die Klinke e.V. eine Tagung zu diesem Thema, wo sehr kritisch die Wirksamkeit und Nebenwirkungen von Antidepressiva (AD), im speziellen SSRI unter die Lupe genommen wurde, veranstaltet.

Zur Tagungseinstimmung berichtete für den Veranstalter, Herr Dr. Müller (Dr. med., Arzt für Neurologie und Psychiatrie, Chefarzt a. D.) von der Tagung aus dem Jahre 2017. Er beleuchtete die Wirksamkeit, bezw. Nichtwirksamkeit von AD bei leichten und mittelschweren Depressionen und wie sehr die Menschen unter den Nebenwirkungen selbst Jahre nach dem absetzen noch zu leiden haben. Er berichtete von dem Referenten Dr. Ansari, wo nach dessen Recherche aus vielen Studien, keine wirkliche Wirksamkeit gegenüber einem Placebo nachgewiesen werden kann. Erschreckend, das AD und SSRI noch sehr unverantwortlich ohne Patientenaufklärung von vielen Ärzten (nicht nur Fachärzte, die meisten Verschreibungen kommen von den Hausärzten) verordnet werden. Auch die Absetzproblematiken bezw. abhängig machenden Faktoren werden den Patienten nur unzureichend weiter gegeben. Oft werden AD/SSRI als lebenslange Medikation verordnet.

Der Beginn der diesjährigen Tagung machten 3 Betroffene, wovon zwei als Genesungsbegleiter im ambulanten Bereich arbeiten. Das waren Sabine Haller (Genesungsbegleiterin aus Berlin) und Jill Ebert (Forumsmoderatorin aus Hessen) und meine Person (Genesungsbegleiter aus Hamburg).

In meinem Referat schilderte ich kurz meinen Leidensweg mit der Depression und der klinischen Versorgung. Ein kurzer Schwenk zu einem Erlebnis, welches ich heute ganz klar als pädagogisches Machtspiel des Chefarztes bezeichnen würde. Mir wurde wegen lauter gesprochene Ablehnung eines Medikament (Lithium und Elektro-Krampf-Therapie [EKT]) eine 24 stündige 5 Punkt- Fixierung verordnet. Danach wurde ich wegen weiterer Ablehnung der vorgeschlagene Behandlung direkt nach der Fixierung aus der Klinik entlassen. Im weiteren Verlauf referierte ich, welche Dinge bei mir eine Besserung der depressive Episoden brachten, bezw. wie ich diese heute begegnen.

Auch was andere Betroffene im Hamburger Depressionstrialog berichtete, beendete ich meinen Vortrag.

Da wäre unter anderem zu nennen:

  • mich als ganzen Mensch wahrzunehmen und nicht nur meine Symptome.
  • Die Information das es so was wie Selbsthilfegruppen und der Eingliederungshilfe gibt.
  • Sich das Lebensumfeld wie Wohnung, soziale Struktur oder auch Schuldenproblematik mit anzuschauen.
  • eine aus Betroffenensicht Sinnbringenden Tätigkeit (12 Teile Puzzle oder Körbe flechten kann für manche hilfreich sein. Wenn derjenigen zu solchen Ergotherapeutischen Dinge keinen Zugang hat, bringen sie einem auch nicht weiter). Das kann eine ehrenamtliche Tätigkeit sein, das kann auch kleine Nischenarbeitsplätze ohne Druck für denjenigen darstellen. Viele Betroffene empfinden die WfbM nicht als wirklich weiterbringend mit ihren strikten Vorgaben
  • Bei dem Aufbau von tagesstruktur auch die Möglichkeiten des Betroffenen ins Blickfeld zu nehmen. Ein Betroffener, der z.B. unter Schlafprobleme leidet, kann morgens um 9:00 Uhr nur schwer einen Termin wahrnehmen.
  • Die „Sinnfindung“ Was möchte mir die Depression/Erkrankung sagen. Beispiel: „Der Sinn meiner Psychose“, solch ein Buchprojekt gehört aus meiner Wahrnehmung auch für andere Einschränkungsbereiche

Als nächste Referentin kam Jill Ebert, Forumsmoderatorin des ältesten und größten deutschen kritischen Psychopharmakaforum zu Wort (www.adfd.org). Dieses unabhängige Forum besteht seit 15 Jahren, hat knapp 8.000 angemeldete User und ca. 400-600 regelmäßige aktive Nutzer.

Sie berichtete wie häufig und unter welchen Nebenwirkungen die Forumsnutzer leiden und das sehr oft die Menschen erst zu dem Forum finden, wenn sie durch Absetzversuche so richtig unter den Absetzsymptome leiden. Viele der Forumsnutzer bekommen keine ärztliche Unterstützung zu Medikamentenreduzierung oder absetzen. Fr. Ebert bestätigte die vielfältigen Nebenwirkungen wie

  • das sogenannte Blitzen oder auch die sexuelle Dysfunktion.

Auch machte Frau Ebert deutlich, das sich das Gehirn nach langer Medikamenteneinnahme erst langsam wieder umstellen muss, das es nun keine Psychopharmaka bekommt, bis es wieder „umprogrammiert“ ist, wie nach der ersten Einnahme.

Weiterhin macht Fr. Ebert noch einmal auf die 10% Regel beim absetzen aufmerksam, die sich bei vielen bewährt haben. Sprich 10% Wirkstoffreduktion alle 4-6 Wochen. Dazu bedarf es aber auch Medikamente, am besten in Tropfenform, die diese geringfügigen Schritte ermöglichen. Die heutigen von der Pharmaindustrie bereit gestellten Dareichungsformen, machen solch ein langsames Ausschleichen für schwierig bis unmöglich.

Mit einem längeren Wünschekatalog an die Ärzte und Pharmaindustrie beendete Jill Ihr Referat. (Anmerkung vom Autor: Wenn mir das Referat vorliegt, reiche ich das diesem Bericht nach)

Als letzte Referentin des ersten Block kam die Genesungsbegleiterin Sabine Haller aus Berlin. Sie berichtete von Ihrem Leidensweg und das sie unter Medikamteneinnahme mehrere Suizidversuche unternommen hat. Denn das war das einzige, wo Sie unter Medikamente noch selbst entscheiden konnte.

Frau Haller berichtete von einer Nebenwirkung dem Herzrasen. Die Ärzteschaft hat ihr mitgeteilt, solange sie soviel Kaffee und Nikotin zu sich nimmt, wird Ihre Herzrhythmusstörungen nicht aufhören. Heute hat sie das Medikament abgesetzt, raucht und trinkt weiterhin viel Kaffee, die Herzrhythmusstörungen sind weg. Frau Haller zieht das ganz klar auf das Psychopharmaka welches sie eingenommen hat, zurück.

Im weiteren Verlauf berichtete Frau Haller, wie sie durch die politische Arbeit für 2 unterschiedliche Organisationen (exPeerienced, Kellerkinder) besonders viel Wertschätzung und auch Motivation gewonnen hat. Als besonders hilfreich empfindet Frau Haller die Mitarbeit bei den Berliner Kellerkinder (www.maria-der-bär.de)

Nach den 3 Betroffenen, kamen nun die Fachkräfte mit Ihren Referate.

Herr Prof Dr. Gonther (Cehfarzt AMEOS Klinik Bremen) legte in seinem Referat noch einmal nahe, mit den Menschen zu reden, statt über Sie. Dazu verwendete Herr Gonther ein Zitat von Dorothea Buck „Liebe Psychiatrie, redet mit den Menschen, vor allen Dingen, hört Ihnen auch zu“

Hr. Gonther hat sich selbst schon öfters an das Forum adfd.org gewendet, wenn es um Absetzproblematiken geht und empfiehlt dieses auch seinen Patienten weiter. Er empfindet das Forum als eine Bereicherung der Psychiatrielandschaft. Aus seiner ärztlichen Sicht muss ganz klar von einer Abhängigkeit bei einer langjährigen AD-Medikamenteneinahme gesprochen werden.

Dabei spielt nicht nur die körperliche Abhängigkeit eine Rolle, sondern auch die Zuschreibungen seitens der verordneten Ärzten, das ein Leben nur noch mit lebenslanger Medikamenteneinnahme möglich ist.

Als ein wichtiger Punkt im Kontext der Depression, sieht Herr Gonther auch die soziale Unterstützung an. Dieses ist ein Faktor, der ganz klar mit ins Blickfeld der Behandler gehört und auch im Bereich Nachsorge einen hohen Stellenwert in der Versorgung von Depressionsbetroffene Menschen haben muss.

Weiterhin steht ganz klar ein Zusammenhang an der aktuellen Gesellschaft mit der Häufung von seelischen Erkrankungen. Seit dem Einsatz von Antidepressiva, sind die Arbeitsunfähigkeitstage und die Frühberentungen in die Höhe geschossen. Herr Gonther konnte in seiner Klinik beobachten, das durch den Einsatz von Genesungsbegleiter auf Station (und nicht wie in anderen Orten als Insellösung), die Verordnungszahlen von Psychopharmaka wesentlich runter gegangen sind. Auch die Pflege muss aus seiner Sicht wesentlich gestärkt werden, denn diese Berufsgruppe ist am nächsten dran bei den Patienten.

Zum Schluss empfiehlt Herr Gonther die Webseite von Peter Lehmann, zum Thema Psychopharmaka absetzen (http://www.antipsychiatrieverlag.de/artikel/gesundheit/absetzen.htm)

Als nächster Referent kam Herr Stienen, Psychotherapeut und Heilpraktiker vom IGZ Achen (Integrativen Gesundheitszentrum). Er legte noch einmal Augenmerk, das der gesamte Mensch in den Fokus bei der Behandlung von Depression ins Blickfeld genommen werden muss. Dazu gehören unter anderem auch die Ernährung, die Darmreinigung und auch der „Fluch der Gene“. Gerade mit dem letzte Punkt hatte Herr Stienen für eine anschließende kontroverse Diskussion geführt. Einige der Tagungsteilnehmer empfanden dieses als Zitat „Quatsch“.

Anmerkung des Berichtschreiber: Sehe das ähnlich wie Herr Stienen. Denn die Erziehung meines Großvater an meinen Vater, hat in meinen Augen die Verhaltensweisen auch in meiner Erziehung geprägt. Auch sind in meiner Familie mehrere Generationen mit der Problematik „Sucht“ betroffen. Dieses spielt in meinem Leben ebenfalls eine große Rolle. Aus meiner Sicht würde ich sehr wohl von dem „Fluch der Gene“ sprechen, wo selbstverständlich jeder auch die Möglichkeit hat, diesem aktiv entgegenzuwirken und dem „Flucht“ oder wie ich es benenne „Erbe“ zu entfliehen. Sich bewusst dieser Thematik zu stellen, hat mir immens geholfen.

Das Thema „Naturheilkundliche Behandlung der Depression“ nahm Rainer Stange vom Charité– Immanuel Krankenhaus Berlin-Wannsee unter die Lupe.

Dabei präsentierte er Studien und dessen Ergebnisse vor, zu den Naturheilmittel Lichttherapie, Johanniskraut und Ernährung.

Alle 3 Behandlungsmöglichkeiten sind weitgehend (außer bei ein paar Einzelfälle bei der Einnahme von Johanniskraut) von keinen nennenswerten Nebenwirkungen, mit einem großen Wirkungsspektrum. Dieses Naturheilkundliche Behandlungsmöglichkeiten sind immer in der Behandlung von Depressionsbetroffene mit einzubeziehen und auszuprobieren, bevor zu der „chemischen Keule“ gegriffen wird

Dipl. Psych. Sandra Münstermann (Institutsleitung Ausbildungszentrum für Psychologische Psychotherapie Bielefeld – Ostwestfalen-Lippe) stellte sehr anschaulich die kognitive Verhaltenstherapie vor und das es unerlässlich ist, in einer guten Beziehung mit den Betroffenen zu stehen. Auch das man die verschiedene Lebensbereiche der Menschen Stück für Stück sich anschauen sollte und eine Art der Bestandsaufnahme unterziehen sollte. Sie referierte so lebhaft mit kleinen alltäglichen Beispielen, das es eine große Freude war, Ihr zuzuhören.

Als letzte Fachkraft kam Sabine Noelle (Evangelisches Klinikum Bethel, Bielefeld) berichte von Seitens der Pflege und von Ihrem Recover-Projekt. In diesem Projekt werden Fachkräfte im Tandem (Fachkraft und Betroffene) geschult mit dem Recovery-Gedanken. Frau Noelle berichtete von sehr guten Erfahrungen der Einbindung von Genesungsbegleiter, die aus Ihrer Sicht ganz klar in die Teams mit eingebunden gehören. Auch Frau Noelle legte Wert darauf, das in erster Linie eine gute Beziehung auf Augenhöhe von großem Vorteil bei der Behandlung von Menschen mit seelischer Einschränkung von Nöten ist. Frau Nölle wünscht sich den vermehrten Einsatz von Genesungsbegleiter, auf allen psychiatrischen Stationen.

Das Schlusswort der Tagung hatten 4 Psychiatrie Erfahrene Menschen (2 mit Genesungsbegleiter- Ausbildung), die diese Tagung für sehr wertvoll und nach vorne schauend erlebt hatten. Sie bemerkten, das vieles von dem was qauf dieser Tagung angesprochen worden ist, noch nicht wirklich in der Psychiatrielandschaft angekommen ist. Sie sind aber durch die Tagung frohen Mutes, das ein Umdenken im psychiatrischen Kontext möglich ist. Eine der Schlussrednerinnen stellte noch einmal klar, das die Versorgungslandschaft sich intensiv mit der Einbindung und der Bezahlung von Genesungsbegleiter muss. Denn aktuell sind auch im Kreis Herford, einige GB noch ohne Tätigkeit, bezw. im Ehrenamt unterwegs.

Dieser Tagungsbericht ist rein aus meiner subjektiven Sicht 2 Tage nach der Tagung entstanden. Ich übernehme für die Vollständigkeit bezw. für die Fehlerfreiheit keine Verantwortung.

Zusammenfassend erlebte ich diese Tagung als bereichernd und Mutmachend, das sich knapp 140 Menschen sich dem Thema Depression ohne Antidepressiva gestellt haben.

08.09.2018 Reiner Ott, Hamburg