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Können antidepressive Medikamente Leben retten oder erhöht die Verabreichung dieser Medikamente das Suizidrisiko? Depression-Heute hat den sehr persönlichen Erfahrungsbericht einer Mutter erhalten, deren Tochter sich im Alter von 27 Jahren das Leben genommen hat. Drei Wochen vor dieser Tat erhielt sie das Antidepressivum Valdoxan.

Strandfoto der Tochter

Die Psychopharmaka retteten ihr Leben nicht, sondern gaben ihr frühzeitig das Gefühl, unheilbar krank zu sein. Zusätzlich verursachten sie eine Medikamentenabhängigkeit. Der Suizid erfolgte nach einem abgeschlossenen Studium und dem erneuten Ansetzen eines Antidepressivums. Das Foto zeigt die junge Frau (Originalfoto).

Gastbeitrag: "Albtraum

Im November 2016 geschah das Schlimmste, was einer Mutter passieren kann. Mein Albtraum wurde wahr. Meine Tochter nahm sich mit 27 Jahren das Leben. Mein Mann und ich fanden sie mittags in ihrer Wohnung. Sie hat einen Abschiedsbrief geschrieben und sich dann erhängt. Es war nicht von langer Hand geplant gewesen.

Zwölf Jahre Psychopharmaka

Christine (Name geändert) war schon als Kind sehr sensibel und wuchs in einer konfliktbelasteten Familie auf. Sie zeigte sehr früh verschiedene Anpassungsstörungen, die bei der Trennung ihrer Eltern noch verschärft wurden. Vor ein paar Jahren wurde die Kategorie „Hochsensibilität“ geprägt. Christine konnte sich gut damit identifizieren.

Sie erhielt im Alter von 15 Jahren zum ersten Mal das Antidepressivum „Zoloft“ (SSRI) in einer Ambulanz für Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgrund einer schweren Depression und eines Suizidversuchs mit Schmerztabletten, der einige Wochen zurücklag.

Christine wollte zur Einstellung auf das Antidepressivum nicht stationär aufgenommen werden. Wir vereinbarten daher eine intensive häusliche Überwachung, weil die Suizidalität aufgrund der Antriebssteigerung zunehmen könnte, bevor die stimmungsaufhellende Wirkung einsetzt. Eine Verhaltenstherapie konnte aufgrund langer Wartezeiten erst ein halbes Jahr später beginnen. Wir waren alle erleichtert, dass endlich Hilfe einsetzte und „das Kind“ einen Namen bekam.

Es stellten sich rasch Verbesserungen ein. Damals führte ich es auf die Wirkung des Zolofts (SSRI) zurück. Rückblickend, nachdem ich von den starken Placebo-Effekten in diesem Bereich gelesen habe, bin ich mir nicht mehr so sicher. Wir hatten jedoch damals keine Wahl, keine Alternative und der Leidensdruck war groß.

Christine stabilisierte sich eine Zeitlang. Zoloft gehörte nun zu ihrem Leben wie die Nebenwirkungen. Gegen ihre Schlafstörungen wurde Zopiklon verordnet, die sie nach Bedarf nehmen sollte. Ihr zweiter Suizidversuch eineinhalb Jahre nach Beginn der medikamentösen Behandlung erfolgte mit Zopiklon. Auslöser war ein Beziehungskonflikt mit ihrem Freund. Ihre starke Affektregulationsstörung war nach einem Jahr kognitiver Verhaltenstherapie nicht ausreichend im Griff.

Die Verhaltenstherapie lief nach knapp zwei Jahren aus. Eine Verlängerung war nicht möglich. Vier Monate nach Therapieende geriet Christine in eine schulische Stresssituation. Ihre Zulassung in die Stufe 13 stand auf der Kippe. Sie schluckte in suizidaler Absicht Antidepressiva und trank dazu hochprozentigen Alkohol.

Eine weitere Psychotherapie war so schnell nicht zu bekommen, sie war weiterhin instabil und nahm Zoloft. An einen Schulbesuch war nicht zu denken. Das Antidepressivum wirkte schon lange nicht mehr, falls es jemals der Fall gewesen sein sollte. Wir stellten einen Antrag für eine Rehabilitationsbehandlung in einer psychosomatischen Klinik.

Drei Wochen vor dem Aufenthalt setzte sie Zoloft eigenmächtig ab. Diesen Wunsch respektierte man dort. Sie hatte Depressionen, Bulimie und verletzte sich selbst. Medikamente wollte sie keine mehr nehmen. Der Aufenthalt wirkte positiv und sie kam mit der Therapeutin gut zurecht. Christine erholte sich und sie plante die Wiederholung des Schuljahres an einer anderen Schule in einer anderen Stadt. Wir suchten nach einer dringend empfohlenen und benötigten Anschlusstherapie. Man gab ihr die Diagnose Borderlinestörung mit auf den Weg. Christine mochte diese Diagnose und dieses Schubladendenken nicht, aber es sollte ihr die Möglichkeit für weitere begleitende Therapien eröffnen.

Christine begann nach längerem Suchen mit einer DBT-Therapie in Einzelsitzungen und in einer Gruppe. Schnell holten sie die Schulanforderungen ein und sie ging immer unzuverlässiger zu den Therapien und in die Schule. Sie nahm wieder Zoloft. Es kamen Gelenkschmerzen und andere psychosomatische Beschwerden hinzu. Christine war dünnhäufig und machte sich wegen allem Sorgen. Trotzdem schaffte sie das Abitur und verließ diese Stadt, um in Berlin eine Ausbildung zu beginnen. Sie war 20 Jahre alt, voller Selbstzweifel und innerer Leere. Sie hielt sich für krank im Gehirn und verkrüppelt wie ein wurmiger Apfel, wie sie mal in ihrem Tagebuch schrieb.

Sie brach die Ausbildung ab und ging nochmals in eine psychosomatische Klinik. Die psychosomatischen Beschwerden waren inzwischen sehr umfangreich. Mit einem ganzheitlichen Ansatz und Vollwerternährung gelang ihr eine Besserung ihres Zustandes. Ihr Wunsch die Antidepressiva abzusetzen ging jedoch nicht in Erfüllung.

Christine machte zur Berufsorientierung einen Bundesfreiwilligendienst und nahm ein Studium auf.

Das Zoloft (Sertralin) wirkte offensichtlich nicht und man verordnete ihr andere Antidepressiva wie Citalopram oder Fluoxetin, die sie noch weniger vertrug und die zudem nicht halfen. Bei einem Aufenthalt auf einer Kriseninterventionsstation im Jahr 2014 verordnete man ihr zusätzlich Neuropeltika, das waren Seroquel und Promethazin. Akute Spannungs- und Angstzustände, sowie Panikattacken bekämpfte sie seit Jahren mit Tavor (Lorazepam) oder anderen Beruhigungsmitteln. Zu einer Psychotherapie kam es nicht mehr. Sie hatte inzwischen wenig Vertrauen in Therapien jeglicher Art und wenig Hoffnung auf Besserung. Sie hatte keine Energie mehr, um immer wieder alles von vorne zu erzählen. Sie versuchte sich mit ihrer chronischen Erkrankung zu arrangieren und abzufinden. Es fehlte ihr meistens die Kraft, um Sport zu treiben, obwohl sie um die heilsame Wirkung wusste. In ihrer Jugendzeit war sie eine gute Leichtathletin.

Nach drei Semestern wechselte sie in einen anderen Studiengang, der ihren Interessen besser entsprach. Sie schaffte das Studium trotz einiger Höhen und Tiefen im Alter von 26 Jahren. Wir alle waren froh, dass sie endlich die ganzen Prüfungsbelastungen los war und ihr großer Ehrgeiz und Durchhaltewille trotz der Handikaps Befriedigung gefunden hatte. Ein toller Erfolg für ihr Selbstbewusstsein. Jetzt sollte eigentlich alles besser werden. Sie war reifer geworden und hat trotz einiger Krisen und gescheiterten Beziehungen vieles bewältigt und erreicht.

Christine bekam gleich nach dem Examen eine Anstellung, hatte aber mit dem Druck, den Hierarchien und den zwischenmenschlichen Animositäten und Machtkämpfen Schwierigkeiten. Sie ließ sich kündigen und erhielt eine Stelle in einem anderen sozialen Bereich. Dort machte ihr die Arbeit Spaß, sie war motiviert und immer zuverlässig bei der Sache. Von einem Tag auf den anderen wurde ihr ohne Begründung gekündigt. Das war eine verheerende Erfahrung. Sie traute sich keinen beruflichen Neuanfang mehr zu. Zusätzlich kam eine ersehnte Beziehung nach langen hin- und her nicht zustande. Die alte Selbstwertproblematik schlug wieder mit aller Wucht zu.

In dieser Situation suchte sie Hilfe in der psychiatrischen Klinik. Man riet ihr zu einer stationären Therapie, allerdings sollte sie vorher auf einer Entzugsstation die Medikamentenabhängigkeit überwinden. Christine hielt es nie lange in psychiatrischen Kliniken aus, deswegen versuchte sie den Entzug auf eigene Faust und setzte sich auf die Warteliste einer Tagesklinik. Zwei Monate dauerte es bis sie einen Platz bekam. Zur gleichen Zeit begann sie eine neue Beziehung. Sie machte, für ihr Gefühl, keine Fortschritte in der Therapie. Das Schreiben ihres Lebenslaufes holte alte belastende Erinnerungen hoch. Sie war frustriert und quälte sich. Mitpatienten wurden entlassen und sie war noch immer dort. In der Tagesklinik wurden andere Medikamente ausprobiert. Mit dem Neuroleptikum Pipamperon kam sie morgens nicht aus dem Bett. Sie setzte es ab.

Die erste Tagesdosis Valdoxan

Drei Wochen vor ihrem Tod schrieb sie mir, sie hätte ein neues Medikament bekommen - Valdoxan. Ihre Schlafstörungen aufgrund der chronischen Depression oder aufgrund der Nebenwirkungen der ganzen Medikamente, waren eines ihrer vielen quälenden Symptome. Dieses Mittel sollte nun schlafanstoßend wirken. Ich suchte gleich nach Erfahrungsberichten. Es gab viele neutrale und positive Berichte, aber es gab auch ein paar eindringliche Warnungen bezüglich stark erhöhter Suizidgedanken kurz nach Beginn der Einnahme oder nach dem Absetzen. Dies schrieb ich meiner Tochter mit der Bitte sofort Bescheid zu sagen, wenn sich ihre Stimmung verändern sollte. Ich nahm mir vor in nächster Zeit noch aufmerksamer zu sein. Ich wusste nicht, dass das so nicht funktioniert. Man wartet auf eindeutige Hinweise. Sie war Patientin in der Tagesklinik und ich habe zudem innerlich einen Teil der Verantwortung an diese abgegeben. v Sie nahm das Valdoxan nur einen Tag. Es machte sie extrem unruhig, wie Koffein. Sie konnte noch schlechter schlafen. Fühlte sich wie getrieben. Tagelang litt sie unter starken Kopfschmerzen.

Nach zwei Wochen wieder Valdoxan

Das dramatische Ende ihrer letzten Beziehung eine Woche vor ihrem Tod stürzte sie in eine noch tiefere Krise. Sie nahm zusätzlich zum (Sertralin) auch wieder Valdoxan, weil es schlimmer nicht werden könne, sagte sie mir am Telefon. Ich ging davon aus, dass dies mit der Tagesklinik abgesprochen war. Ich weiß es bis heute nicht. Es fehlten insgesamt 6 Tagesdosierungen des Valdoxans.

Vielleicht setzte sie alles „auf eine Karte“. Sie hatte wohl in ihrer Wahrnehmung nichts mehr zu verlieren. Alles oder Nichts. Ein letzter Versuch der Rettung oder eine Hilfe zum Ende. Niemand hat diese Dynamik erkannt. In den letzten Jahren wirkte sie reifer als früher. Ich traute ihr die Bewältigung der Trennung zu und ich vertraute darauf, dass sie mich um Hilfe bittet, wenn es ihr schlechter geht. So wie den letzten Jahren auch.

Ich suchte mehrfach täglich den Kontakt zu ihr, um nichts zu versäumen. Am Abend vor ihrem Todestag nahmen wir sie mit zum Geburtstag ihrer Schwester. Im Auto starrte sie stumm aus dem Fenster und weinte. Ich nahm ihre Hände, es war laut und dunkel in unserem Bus. Sie saß hinten und ich vorne und es war kein Gespräch möglich. Als wir ausstiegen, wollte ich mit ihr sprechen, aber sie wiegelte ab. Heute ginge es nicht um sie. Sie riss sich sichtlich zusammen und nahm mir eine Kiste aus den Händen, um sie die Treppe hochzutragen. Das war ungewöhnlich. Ich interpretierte dies als „ich lass mich nicht unterkriegen“.

Als wir sie später Zuhause absetzten war sie (zu) schnell aus dem Auto herausgesprungen und mit kurzer Verabschiedung im Haus verschwunden. Es sollte das letzte Mal sein, dass wir sie lebend sehen. Ihr Verhalten machte mich unruhig. Am nächsten Morgen versuchte ich sie zu erreichen. Mittags kam eine Antwort. Auf meine Frage, ob wir telefonieren wollen, antwortete sie: „ Ja, vielleicht später.“

Mein letzten Kontakte

Eine Stunde später bat sie mich ihr bei einer Bewerbung zu helfen. Da ich ausnahmsweise noch zur Arbeit musste, habe ich sie auf den nächsten Tag vertröstet. Sicherheitshalber rief ich sie an, um einen Eindruck von ihrer Verfassung und der Dringlichkeit ihrer Bitte zu bekommen. Sie sagte, sie möchte sich auf eine Auslandsstelle bewerben, weil sie nicht mehr hierbleiben wolle. Im Nachhinein verstehe ich nicht, warum ich nichts geahnt habe. Haben die vielen Jahre der Sorge mich ermüdet? Wie oft gab es falschen Alarm. Ich wollte nicht überreagieren. Ich hatte viel über ihre Erkrankung gelernt, aber mich nicht mit Suizid und den Vorzeichen auseinandergesetzt. Ich hatte das Thema verdrängt. Ihre Suizidversuche mit Tabletten lagen viele Jahre zurück und geschahen eher ungeplant im Affekt.

Wir waren der Meinung, dass sie sich mit den Jahren eine bessere Kontrolle über ihre Affekte erarbeitet hätte. Sie hat immer Bescheid gesagt, wenn sie Angst hatte allein zu sein, wenn es ihr schlecht ging und ich habe immer gefragt, ob ich zu ihr kommen oder sie holen soll. Und, wenn ich nicht konnte, habe ich etwas Anderes arrangiert. Ich stand viele Jahre auf „stand by“ und bin wohl etwas „abgestumpft“, um selbst mit der Angst und Sorge zurecht zu kommen.

Kurz bevor ich in den Dienst musste schrieb ich ihr per whatsapp. Sie antwortete, dass sie in Ruhe gelassen werden möchte. Ein schlechtes Zeichen. Ich schrieb ihr, dass ich mir Sorgen mache und sie nach der Arbeit gerne abholen würde. „Nein, möchte ich nicht“, war die Antwort. Etwas später versuchte ich es erneut. Sie reagierte nicht mehr auf Telefonate oder Nachrichten. Ich beruhigte mich mit der Erklärung, dass sie mal ihre Ruhe haben wollte und sich mit Lorazepam oder Schlaftabletten zum Schlafen gebracht hätte. Wäre nicht ungewöhnlich. Trotzdem fuhr ich mit dem Ersatzschlüssel zu ihrer Wohnung. Ich stand vor der Tür, sie reagierte nicht. Ich konnte nicht aufschließen, weil der Schlüssel innen steckte. Polizei rufen oder nicht? Ich wollte nicht überreagieren, vielleicht will sie einfach nur Schlafen, wie schon oft in den vergangenen Jahren. Ich erreichte sie auch am nächsten Tag nicht. Mittags sind mein Mann und ich dann zu ihrer Wohnung gefahren. Alles war unverändert.

Wir mussten eine Dreiviertelstunde auf den Schlüsseldienst warten und da wusste ich eigentlich, dass es zu spät sein würde. Sie musste in der Wohnung sein. Die Rollläden waren heruntergelassen und der Schlüssel steckte von innen. Was in mir vorging ist kaum in Worte zu fassen. Ich wusste, es ist zu spät und ich wusste, dass sie eine derjenigen ist, bei denen das Antidepressivum Valdoxan die Suizidgedanken verstärkt und die Ausführung dieser Gedanken fördert.

Warum hat man sie nicht stationär überwacht? Warum hat man nicht mit Angehörigen darüber gesprochen und um Mithilfe gebeten? Warum probiert man so ein Medikament bei einer Tagesklinikpatientin aus, der es so dermaßen schlecht geht? Warum kontrolliert man das nicht? Sie wussten doch wie es ihr geht, dachte ich.

Sie war mit Sicherheit schon nicht mehr am Leben, als ich am Abend zuvor bereits an ihrer Türe stand. Es gab nur ein kleines Zeitfenster und eine kleine Chance, in dem noch eine Rettung möglich gewesen wäre. Wenn der Tag zufällig anders verlaufen wäre. Wenn jemand gerade in dieser Phase Zeit gehabt und sie besucht hätte.

Den Abschiedsbrief hatte sie am gleichen Tag geschrieben, ob vor oder nach unserem Telefonat werde ich nie erfahren. Sicher hat sie schon Tage mit sich gerungen. Ich glaube, die Entscheidung ist gefallen schreibt sie. Und später dann: „Tue Unvorstellbares, Grausames!“.

An diese Worte musste ich denken, als ich später auf die wesensverändernden Berichte von Personen stieß, die Antidepressiva bekommen hatten. Das Buch „Nebenwirkung Tod“ war eines der ersten Bücher, die ich las, dann „Unglück auf Rezept“. Ich sah Reportagen und bin nach wie vor tief erschüttert über diese offensichtlichen Zusammenhänge, von denen ich bis dahin keine Kenntnis hatte. Offensichtlich kann das Gehirn durch Psychopharmaka in wesensverändernder Weise beeinflusst werden bis zum Ausschalten der letzten Kontrollinstanzen und der natürlichen Todesangst.

Hätte es geholfen sie vorbeugend nach Hause zu holen? Hätten wir überhaupt auf sie aufpassen können? Hätte ich sie doch in eine Klinik bringen sollen? Aber sie war ja schon in Behandlung und ich habe darauf vertraut, dass man sich verantwortungsvoll um sie kümmert.

Ich habe den behandelnden Psychiater und die Psychologin um ein Gespräch gebeten. Das Ergebnis hat mich zutiefst erschüttert.

Man hat in der Tagesklinik nichts von ihren Suizidgedanken gewusst, hieß es. Wie kann das sein? Christine berichtete mir doch von dem Gespräch mit dem Arzt. Soweit ich anderweitig erfahren konnte, ist es Standard die Patienten dazu zu befragen. Christine hatte alleine schon ein erhöhtes Suizidrisiko aufgrund ihrer aktenkundigen Vorgeschichte.

Dem Psychiater waren zudem die möglichen Nebenwirkungen wie „Suizidgedanken werden verstärkt“, die im Beipackzettel stehen, nicht bekannt. Er schaute erst mal im PC nach dem Beipackzettel, als ich von den beschriebenen Nebenwirkungen in verschiedenen Erfahrungsberichten sprach. Valdoxan ist nur als Antidepressivum zugelassen. Warum wurde es hier in erster Linie als schlafanstoßendes Mittel eingesetzt?

Die Erfahrungsberichte fand ich auf einer Internetseite, die von einem Arzt ins Leben gerufen wurde. Solche Erfahrungsberichte von Betroffenen kannte ihr Psychiater nicht.

Ohne Psychopharmaka wäre sie vielleicht noch bei uns

Christine wäre vielleicht noch bei uns, wenn sie eine frühzeitige und durchgängige Psychotherapie bekommen hätte.

Die Psychopharmaka haben ihr wenig geholfen und langfristig geschadet. Die Nebenwirkungen gaben ihr das Gefühl unheilbar krank zu sein und haben den Weg in eine Medikamentenabhängigkeit geebnet.

Sie hat wertvolle Entwicklungszeit durch die Dämpfung ihres Erlebens und durch das Verlassen auf langfristig unwirksame, nebenwirkungsreiche Psychopharmaka verpasst. Wir haben auf das „falsche Pferd“ gesetzt. Sie wurde medikamentenabhängig. Immer mehr und immer heftigere Mittel. Die Zeit und die Hoffnung rannten ihr davon. Ihre Lebensträume zerplatzten wie Seifenblasen.

Den letzten Rest gab ihr ausgerechnet ein Antidepressivum, da bin ich mir sicher. Eine Tragödie für ein junges Leben, das hoffnungsvoll begann und eine Tragödie für uns Hinterbliebene.

Ich wünsche allen Betroffenen von Herzen, dass sich an der gängigen psychiatrischen Praxis einiges zum Positiven verändert. Ich halte es für dringend notwendig den Betroffenen langfristige, intensive Therapien zu ermöglichen, den Zugang zu diesen zu erleichtern und von der Praxis der standardmäßigen Verordnung von Psychopharmaka abzurücken. Diese sind offensichtlich nicht die richtige Antwort für die Bewältigung von Lebenskrisen." 

Depression-Heute: Wir möchten uns bei der Mutter von Christine bedanken. Es ist sehr mutig diese sehr persönliche Geschichte aufzuschreiben und der Veröffentlichung zu zustimmen. Wir hoffen, dass viele Menschen sie lesen, insbesondere Eltern, die mit ihrem minderjährigen Kind vor einer ähnlich schwierigen Situation stehen. Christine erhielt durch den Zwang der dauerhaften Medikamenteneinnahmen das Gefühl, "krank im Gehirn" zu sein und "verkrüppelt wie ein wurmiger Apfel". Viele Ärzte raten noch immer zu einer dauerhaften Medikamenteneinnahme. Der Nutzen ist ungeklärt und das Leid der Patienten wird ignoriert.