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In seinem aktuellen Buch Gute Medizin, schlechte Medizin schildert der dänische Arzt Peter C. Gøtzsche einen niederländischen Fall, den er als Gutachter begleitete (Seite 205f).

Die zum Tatzeitpunkt 33-jährige Aurélie V. hatte ihre Kinder Rosa (6 Jahre) und Lucas (8 Jahre) am 02. Oktober 2013 getötet, indem sie ihnen in der elterlichen Wohnung mit einem Messer den Hals durchschnitt.

Aurelie V. erklärte dazu vor Gericht:

"Ich wollte sie nicht töten. Ich habe es in einer Art von Täuschung getan. Ich handelte wie ein Roboter auf Autopilot. Ich war nicht ich selbst." (Link)

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Vor Gericht sollte geklärt werden, ob Aurélie V. zum Tatzeitpunkt Einsicht in die die Tragweite und die möglichen Folgen ihrer Tat hatte. Sie hatte zum Tatzeitpunkt Paroxetin eingenommen.

Für die Klärung dieser Frage wurden mehrere Gutachter einbestellt, einer davon war Peter C. Gøtzsche.

Er schreibt: Aurélie wurde einige Jahre vor der Tat erstmals Paroxetin verordnet. [Es ist möglich, dass sie sich mit der Versorgung ihres mehrfach behinderten Sohnes Lucas überfordert fühlte. Anmerkung P. A.] Neun Monate später setzte sie das Medikament ab, weil sie unter den Nebenwirkungen litt. Die Depression hielt an, Entzugssymptome kamen hinzu.

Drei Jahre später nahm sie erneut Paroxetin. Drei Monate später wurde sie aufgrund drohender Suizidalität an einen Klinikpsychiater überwiesen, der diesmal riet: weiterhin Paroxetin einnehmen.

Ein Behandlungsfehler: Wer unter SSRI-Medikation suizidal wird, muss sobald wie möglich von den Tabletten entwöhnt werden.

Aurélie V. litt in den Monaten vor der Tat unter Angst, Schwermut, Stimmungsschwankungen, weinte häufig und konnte nicht stillsitzen, sondern musste ständig etwas tun, konnte nicht entspannen und zappelte ständig herum.

Sie fiel in dieser Phase in Ohnmacht und stürzte die Treppe hinunter. Zwei Personen erzählte sie von Alpträumen, in denen sie ihren Kindern die Kehle aufgeschlitzt hatte. Zwei Tage vor der Tat berichtete sie ihrem „Betreuer“ sie sei krank und es gehe ihr gar nicht gut. Sie ging zum Hausarzt (der ihr das Paroxetin verschrieben hatte) und dem Betriebsarzt. Sie wollte zu ihrem Psychologen gehen, doch der hatte keine Zeit.

Gøtzsche schreibt, niemandem fiel auf, dass die Patientin eindeutig an Akathisie litt und niemand nahm die Warnsignale war. [Vermutlich liegt das auch an der Tatsache, dass Antidepressiva grundsätzlich als ungefährliche, gut verträgliche Medikamente – fast ohne Nebenwirkungen – beschrieben werden. P. A.]

Am Tag der Tat nahm Aurélie V. Paroxetin in einer Überdosierung ein, zusätzlich nahm sie das Medikament Midazolam ein. Möglicherweise hatte sie bereits in den Tagen zuvor ihre Medikamente unregelmäßig eingenommen.

Der zweite Gutachter schrieb: Eine unregelmäßige Einnahme von Medikamenten kann zu Entzugssymptomen, suizidalem Verhalten, Halluzinationen und Aggression führen. Dennoch sah er keine Mitschuld der Medikamente an dem Doppelmord.

Gøtzsche schreibt: „Albträume über Morde sind bei Menschen, die keine Medikamente nehmen extrem selten, aber sie sind als Nebenwirkung von Tabletten gegen Depressionen wohlbekannt.“ [S. 207]

Gøtzsche schrieb in seinem Gutachten: Tabletten gegen Depressionen verdoppeln die Häufigkeit von Schäden aus denen Suizidalität und Aggression entstehen können (Link).

Diese Schäden sind tatsächlich sehr selten. Gøtzsche erklärt dazu: Das Risiko eines Flugzeugabsturzes ist ebenfalls extrem gering, doch wenn ein Flugzeug abstürzt, versuchen wir herauszufinden, warum dies geschehen ist.

Aurélie V. wurde vorgeworfen, ihre Kinder vorsätzlich getötet zu haben. Sie wurde zu neun Jahren Gefängnis und einer Zwangstherapie verurteilt.

Peter C. Gøtzsche schrieb in seinem Gutachten: Wenn Aurélie V. kein Paroxetin eingenommen hätte, hätte sie ihre Kinder nicht getötet. Den Ärzten und Psychologen, die sie behandelt haben, wirft er zahlreiche schwere Behandlungsfehler vor.

Depression-Heute: Fälle wie diese Kindstötung ereignen sich sehr selten. Eine traurige Tatsache ist jedoch: Wenn sich erneut eine dieser "seltenen Ausnahmen" ereignet, wird kein Hausarzt wissen, was zu tun ist, möglicherweise auch kaum ein Psychiater. Die gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung: "Antidepressiva sind gut verträglich und ungefährlich" hat sich in den Köpfen der Behandler festgesetzt. Es spielt keine Rolle, wie verzweifelt die Patienten nach Hilfe suchen, diejenigen, die ihnen die Tabletten verschrieben haben wissen immer noch nicht, was sie angerichtet haben oder was zu tun ist, um eine Eskalation zu verhindern.

Peter C. Gøtzsche: Gute Medizin, schlechte Medizin
352 Seiten
Preis: 24,99 Euro
Erscheinungstermin: Oktober 2018
Verlag: Riva
ISBN: 978-3-7423-0440-7