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Team Wallraff Psychiatrie Frankfurt-Höchst: „16 Sekunden nimmt sich der Chefarzt für einen neuangekommenen depressiven Patienten. Auf dem Flur heißt es: „Naja, sie sind ja depressiv, ne? Müsse wir jetzt gucken, dass wir ihre Medikation einstellen, dass sie da irgendwann wieder rauskommen. Auf Wiedersehen.“ (Quelle).
Das Klinikum für Psychiatrie und Psychotherapie in Frankfurt-Höchst ist kein Einzelfall. Die Reporter vom TeamWallraff waren auch in Stuttgart im Krankenhaus Furtbach und in Berlin im Vivantes Klinikum.

Was hat sich eigentlich in den letzten drei Jahrzehnten für depressive Patienten verändert?

„Sie müssen antidepressive Medikamente einnehmen. Am besten vom Typ SSRI, denn das Serotonin ist bei Ihnen im Ungleichgewicht. Aber keine Sorge, das kann man mit Medikamenten verändern. Dann hört auch ihre Depression auf.
Deswegen ist es auch gut, dass Sie zu mir gekommen sind. Psychologen können ohne Medikamente sowieso nichts ausrichten. Denn das ist alles Gehirnbiochemie und die ist kompliziert.
Ich weiß, wovon ich rede. Vertrauen Sie mir, die Medikamente helfen.“

Dann wird der Patient "eingestellt". - Und bis heute weiß kein Mensch, was das bedeutet. Behauptet wird: Man kann den Gehirnstoffwechsel gezielt verändern. Es wird erklärt: Der Patient habe ein Botenstoffdefizit, der Arzt verschreibt deshalb ein Medikament und folgerichtig ist das Defizit dadurch beseitigt.
Wenn es so einfach wäre, könnte man das mit Daten beweisen. Aber tatsächlich hat die klinische Forschung solche Daten nie veröffentlicht. Der Grund ist einfach: Es gibt diese Daten nicht: In keiner Medikamentenstudie konnte gezeigt werden, dass nach 14 Tagen Antidepressiva-Therapie Serotonin, Noradrenalin oder Dopamin zuverlässig angehoben oder abgesenkt wurden. Die körperliche Realität sieht anders aus, als die Theorie. Tatsächlich weiß die Wissenschaft noch nicht einmal, ab welchem Wert ein Mensch "zu wenig" Serotonin oder Noradrenalin im Gehirn hat

Eine Entschuldigung der psychiatrischen Dachverbände

Die Realität ist: Millionen Menschen sind durch das "Einstellen" (richtiger ist der Begriff: "willkürliches Ausprobieren") in eine Abhängigkeit geführt worden. Und später führte jeder Versuch die Medikamente zu reduzieren – zu einer neuen Depressionsdiagnose (die Depressionsspirale). Erst jetzt beginnen manche Menschen zu verstehen, dass sie gar nicht an einer Wiederkehr Ihrer Depression erkrankten, sondern dass sie schlicht und einfach Entzugssymptome entwickelten.
Diese Entzugssymptome waren sehr schwerwiegend und die Sorgen, die sich auf diese körperlichen Missempfindungen und Symptome setzten, wurden jedes Mal als Rückkehr der Depression gedeutet.

So wurden Menschen, die sich anfangs nur Sorgen gemacht haben, zu psychiatrischen Dauerpatienten, zu Menschen mit chronischen Depressionen. Doch das ist bei weitem nicht alles: Zahlreiche Patienten entwickelten unter medizinisch fragwürdigen Medikationscocktails Psychosen. Also schwere Erschütterungen des Lebens. Andere wurden suizidal. Manche verübten Gewalttaten. Partnerschaften endeten. Das Leben erfuhr bei nicht wenigen eine Wendung zum Schlechteren. Viele sind wütend, manche verbittert. Gibt es Trost?

Wie reagiert die Medizin, also die akademische Psychiatrie, auf dieses "neue" Wissen? Tatsächlich wissen die deutschen Psychiater durch eigene Messungen bereits seit 1996, dass Antidepressiva nicht gegen die Ursache einer Depression wirken und es gar kein Serotonin-Defizit gibt, das beseitigt werden muss (Link).

Gibt es eine Entschuldigung? Ein „Mea Culpa“? Eine Erklärung, wie es dazu kommen konnte und warum die bereits verfügbaren Methoden und bildgebenden Verfahren, die den ganzen Behauptungen einer zielgenauen, ursächlichen Depressionsbehandlung schon vor langer Zeit ein Ende hätten setzten können, über so viele Jahre nicht angewendet wurden?

Gibt es eine Bewegung, die aufräumt und versucht zu erklären, wie es soweit kommen konnte? Gibt es welche, die ihr Verhalten öffentlich bedauern oder Fehlverhalten anprangern?

Es ist ein einziges Schweigen. Doch dieses Schweigen hat Konsequenzen.

Es bewirkt einen Vertrauensverlust. Dieser wird noch schlimmere Dimensionen annehmen. Gibt es überhaupt ein Interesse dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen?

Aber wie soll Vertrauen zurückgewonnen werden, wenn alle genauso weitermachen, wie bisher?

Heute weiß jeder Mensch, der eine Suchanfrage bei Google starten kann, dass es gar kein Serotonin- oder Noradrenalindefizit bei depressiven Patienten gibt. Das alle antidepressiven Medikamente genauso hochwirksam und zielgenau auf die Depression der Patienten wirken, wie ein Eintopfgericht oder eine Tablette mit Milchpulver. Der einzige Unterschied ist, dass antidepressive Medikamente, unzählige, unvorhersehbare Nebenwirkungen verursachen können, da sie die Bluthirnschranke überschreiten und im Gehirn der Patienten Schäden anrichten können. Davor könnte man warnen. Könnte man …

Aber noch einmal gefragt: Gibt es eine Reaktion bei den psychiatrischen Dachverbänden, zum Beispiel bei der DGPPN?

Gibt es überhaupt etwas, das man sich von einer Psychiaterorganisation wünschen könnte?

Aber natürlich, gibt es solche Wünsche: Helft doch mal den Menschen von den Tabletten loszukommen. Diese Medikamente haben die Patienten doch nicht auf dem Schwarzmarkt gekauft, sondern die haben sie von Euch erhalten. Ihr habt sie verschrieben, häufig mehrere gleichzeitig und fast immer viel zu lange. Dafür fehlte schon immer jedwede medizinische Evidenz. Jetzt könnt ihr mal mithelfen, die Schäden zu beseitigen. Das ist gar nicht so einfach!

Also, wer macht mit?

Gibt es ernstzunehmende Absetzpläne? Gibt es unterstützende Maßnahmen? Gibt es eine Wertschätzung von Genesungsbegleitern, die bei der Medikamentenreduktion den Löwenpart übernehmen?

Gibt es überhaupt mehr als eine Handvoll Psychiater die „Misce ut fiat capsulae“ kennen?

Wie sieht die Situation tatsächlich aus?

Die älteren Herrschaften in Amt und Würden schweigen. Die junge, nachkommende Generation will es allen recht machen und wird dabei von großer Angst verzehrt. Sie ist deshalb nicht in der Lage, Position zu beziehen - geschweige denn, sich mit den alten Silberrücken anzulegen.

Auf der Strecke bleibt: Der Patient.

Depression-HeuteGerhard Schröder erklärte nach seiner Wahlpleite 1999: „Wir haben verstanden!“ Das war zwar nur der geklaute Opel Slogan von 1994, aber man hatte zumindest den Eindruck, jemand hatte zugehört und war bereit, sein Verhalten zu ändern. Als Horst Seehofer 2017 dasselbe erklärte ... (... wir hören damit lieber auf).