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Zu den häufigsten Fragen, die ich bei Vorträgen erhalte, gehört: Woher wissen Sie das eigentlich alles? Die Pharmafirmen haben Ihnen doch nicht freiwillig die interne Korrespondenz zur Verfügung gestellt? Wieso können Sie aus firmeninternen E-Mails zitieren?

david healy
Der mutige Psychiater David Healy veröffentlicht seit 1991 unliebsame Wahrheiten über die Medikamentenhersteller. Im Jahr 2003 stellte er im British Journal of Psychiatry die Frage: Ist die akademische Psychiatrie käuflich? (Link).

Depression-Heute erhielt Einblick in Krankenhausdaten von Patienten und Ärzten, aber David Healy aus Großbritannien durfte interne Unterlagen der Pharmaindustrie auswerten. Auszüge daraus veröffentlichte er in seinen Büchern: „Let them eat Prozac“, „Pharmageddon“, „The antidepressant era“ und auf seiner Homepage www.davidhealy.org.

Natürlich hat die Pharmaindustrie ihm diese Auskünfte nicht freiwillig erteilt. Aber in den USA gilt ein anderes Rechtssystem und das betrifft vor allem die Auskunftspflicht in Zivilrechtsprozessen. Opferanwälte erhalten weiträumige Befugnisse. Mehrfach ließen Anwälte bei Mordprozessen den Psychiater aus Wales einfliegen, damit er medizinische Gutachten für den Prozess anfertigt.

Healy erhielt dadurch Einblick in die Dokumentation des Pharmaherstellers zu dem entsprechenden Medikament. Das waren stets Berge von Aktenordnern und seine Aufgabe war es, herauszufinden, ob und in welchem Umfang sich in den Dokumenten des Pharmaunternehmens bereits Hinweise fanden, auf ein seltsames Verhalten, das die Medikamente bei den Teilnehmern in den klinischen Studie ausgelöst hatten. In übergeordneter Rolle ging es natürlich um die Frage, ob es möglich war, dass die Medikamente eine Mitschuld an der Tat hatten. Beispielsweise im Wesbecker-Fall oder im Tobin Case.

David Healy stand diesen Fragen anfangs sehr kritisch gegenüber. Als er jedoch die Daten der firmeninternen Studien einsehen konnte, die nie veröffentlicht wurden, reagierte er schockiert: Er fand bei Studien, die in Deutschland von der Firma Eli Lilly im Jahr 1985 durchgeführt wurden, eine um das dreifach erhöhte Suizidgefährdung unter Prozac, ein erhebliches Aggressionsrisiko und zahlreiche andere Auffälligkeiten (hier ist eine kurze Zusammenfassung).

Bei anderen Gerichtsprozessen, in denen die Hersteller von Zoloft (Pfizer) und Paxil (GlaxoSmithKline) ihr Archiv öffnen mussten, entdeckte er eine Verdoppelung und eine Versiebenfachung des Suizidrisikos im Vergleich mit depressiven Patienten, die ein Placebo erhalten hatten.

Viele der von ihm gefundenen Dokumente sind auf der Website eines Anwaltsbüros hinterlegt (Link).

Persönliches Drama

Die Veröffentlichung dieser Daten brachte seine Familie und ihn in Bedrängnis. Obwohl es in den meisten Fällen nur bei Drohungen und Unterlassungserklärungen blieb, sorgte der sogenannte Toronto-Case im Jahr 2000 für weltweites Aufsehen. Viele Beobachter erklärten damals, die Wissenschaft hätte ihre Unschuld verloren.

David Healy hatte sich zu diesem Zeitpunkt auf eine lukrative Direktorenstelle an der Universität von Toronto in Kanada beworben. Er hatte die Zusage bereits erhalten und eine Antrittsvorlesung gehalten. Kurz bevor er mit seiner Familie übersiedeln wollte, machte die Universität jedoch mit seltsamen Aussagen einen Rückzieher und erklärte David Healy solle diese Professor doch nicht erhalten (Link).

Wie sich später herausstellte hatte ein Pharmahersteller über einen seiner Berater (einen Professor) interveniert und dadurch die Stellenvergabe an David Healy verhindert. Die New York Times schrieb später über David Healy sein Name wäre in manchen Kreisen so „radioaktiv“, dass bereits das Aussprechen dieses Namens Diskussionen beenden würde. Zu groß wäre die Angst mit ihm und seinen Aussagen über die Gefährlichkeit von SSRI-Antidepressiva in Verbindung gebracht zu werden ("In some circles, his name has become so radioactive that it shuts down discussion altogether (New York Times)).

Im September 2017 gibt es auf der Tagung der Klinke e. V. in Herford die seltene Gelegenheit David Healy in Deutschland zu erleben.

Antidepressiva Tagung in Herford am 21.09.2017

Er wird dort unter anderem über die Skandalstudie „study 327“ berichten, mit der Tausende Kinderpsychiater getäuscht wurden. In akribischer Kleinarbeit gelang es Healy und seinem Team darzustellen, welche Ergebnisse in der Studie tatsächlich gemessen wurden und wie weit diese von den veröffentlichten Daten in der Fachzeitschrift abwichen (Link).

Die Studie wurde im Jahr 2001 in der weltweit angesehensten Fachzeitschrift für Kinderpsychiater veröffentlicht und für die Seriosität der Daten hatten 21 der wichtigsten Psychiater der USA garantiert. Das Resümee der Studie war: „Schlussfolgerung: Paroxetin wird im Allgemeinen gut vertragen und ist bei Jugendlichen mit schweren Depressionen gut wirksam“ (Link).

Aufgrund dieser Studie und der Vermarktung des Ergebnisses durch Pharmaberater von GlaxoSmithKline wurde Paroxetin sehr häufig von Kinderpsychiatern verschrieben. Healy und sein Team zeigten, dass in den echten Daten jeder dritte Jugendliche unter der Medikation schwere Nebenwirkungen erlitt und dass Patienten in der Placebogruppe häufiger gesundeten. Die Ergebnisse wurden 2015 im BMJ veröffentlicht (Link). Bereits zuvor wurde der Pharmahersteller aufgrund seiner Fälschungen zu einer Strafe in Höhe von 3 Milliarden Dollar verurteilt.

Depression-Heute: David Healy begleitet Depression-Heute seit 2014 und hat uns bereits zur Gründung des Blogs eine hohe Aufmerksamkeit gewünscht.