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War Andreas Lubitz "Blind vor Angst" oder gibt es Medikamente, die eine subjektive Sehverschlechterung auslösen?

Sichtweise

Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer des Flugzeugabsturzes. Nie wieder sollte sich so ein Vorfall ereignen!

Haben Antidepressiva die Sehverschlechterung von Andreas Lubitz ausgelöst? Zahlreiche Antidepressiva haben entsprechende Einträge in der Datenbank für unerwünschte Nebenwirkungen des BfArM. Warum hat kein Arzt überprüft, ob ein Medikament die subjektive Sehverschlechterung ausgelöst hat?

Wir benötigen dafür eine Kultur der Aufklärung, in der offen über die Effizienz und die Nebenwirkungen von Medikamenten diskutiert wird.

 

Die Journalisten Leyendecker, Mascolo und Obermayer beschreiben exklusiv in der Süddeutschen Zeitung vom 12.06.2015 die letzten Tage im Leben von Andreas Lubitz.

Erstmals erscheint damit in der deutschen Zeitungslandschaft ein nachvollziehbares Psychogramm des jungen Piloten Andreas L..

Die Autoren schreiben, dass Andreas Lubitz vor der Tat nicht schwer depressiv gewesen sein kann. Bereits zuvor hatte Florian Holsboer in der Bunten beschrieben: „Ein akut schwer depressiver Mensch benötigt eine Stunde, um sich die Uniform zu zuknöpfen.“ – Damit hat er Recht: Ein schwer depressiver Mensch ist gar nicht in der Lage seine Erkrankung zu verstecken! Und wer nach einer Depression gesundet, ist nicht grundsätzlich chronisch depressiv!

Lubitz war jedoch unverkennbar verzweifelt. Er plante sein Leben zu beenden. Hauptsächlich, weil er schlechter Sehen konnte und befürchtete aus diesem Grund, seine Fluglizenz zu verlieren. Es ist anzunehmen, dass er demnach unter einer Angststörung (F40) litt. Die Sehverschlechterung nahm er subjektiv wahr. Seine Angehörigen bemerkten davon nichts und auch zahlreiche Untersuchungen bei Ärzten und in Universitätskliniken konnten keine organische Ursache feststellen.

Die Autoren Leyendecker und Co. stellen Lubitz als einen verwirrten, jungen Mann dar, der sich seine verminderte Sehstärke nur einbildete und deshalb den Amokflug unternahm. Dies ist die offizielle Spekulation. Aber ist diese Spekulation alternativlos? Nein. Es fehlt weiterhin eine Antwort auf diese Frage:

Welche Medikamente nahm Lubitz?

Update: Die New York Times berichtete, dass Lubitz Mirtazapin als Antidepressivum einnahm und ab dem 10. März seine "normale" Dosis von 15 auf 30mg erhöhte.

Über das Antidepressivum Mirtazapin ist laut Nebenwirkungsdatenbank des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bekannt, dass Patienten unter anderem an diesen Symptomen litten:

  • Sehschärfe vermindert
  • Sehverschlechterung

  • Die Nebenwirkungsdatenbank des BfArM führt zusätzlich bei Mirtazapin folgende Fälle auf:

  • 164 Suizidversuche
  • 15 vollendete Suizide

Als besonders dramatisch empfindet Depression-Heute, dass Lubitz zunächst die Dosis seines Antidepressivums verdoppelte und erst nach dieser medikamentösen Anpassung den erweiterten Suizid beging. Ein solches Verhalten ist typisch für Menschen, die später Suizid begehen. Sie sind verzweifelt und setzen große Hoffnung in ein Antidepressivum. Sie glauben dieses Medikament würde zumindest in hoher Dosis eine Linderung bewirken. Aber das tun Antidepressiva nicht.

Nicht selten folgt aus der dann ausgebliebenen Wirkung eine noch größere Verzweiflung, diese kann in einen Suizid resultieren. Ein erfahrener Behandler sollte das wissen. Lubitz informierte sogar seinen Arzt über über die Dosissteigerung per E-Mail. Aber dieser Arzt war nicht in der Lage den drohenden Zusammenhang darzustellen. [Kommentar Depression-Heute: Weil es in Deutschland keine Diskussion über die Gefahren und Nebenwirkungen von antidepressiven Medikamenten gibt. Die Ärzte sind über diese Risiken nicht informiert.]

Der Harvard-Forscher Matthew Miller zeigte anhand der Daten von 163.000 Patienten im Jahr 2014, dass nach einer Dosiserhöhung von antidepressiven Medikamenten das Suizidrisiko um den Faktor 2,2 steigt. Depression-Heute weist auf dieses erhöhte Risiko an mehreren Stellen hin.

Aber welcher Arzt/ Psychiater beschäftigt sich mit Nebenwirkungen von Antidepressiva?

Nachher ist man immer schlauer. Lubitz suchte Hilfe bei Ärzten. Er vertraute nicht nur einem Arzt. Insgesamt soll er sogar bei 46 Ärzte gewesen sein.

Keiner dieser Ärzte kam auf die Idee, dass vielleicht ein Medikament seine subjektive Sehverschlechterung ausgelöst haben könnte. Und warum nicht? Weil es hierzulande keine Diskussion über die Nebenwirkungen von Antidepressiva gibt. Diese Medikamente gelten in Deutschland als nebenwirkungsfrei.

Einer der wenigen Spezialisten in Deutschland, die sich mit subjektiv wahrgenommenen Sehverschlechterungen beschäftigt, ist der deutsche Neurologe Christoph Schankin am Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität München. Schankin untersucht das sogenannte Visual Snow Syndrom, eine Hyperaktivität im Bereich des Sehzentrums.

Dieses Phänomen kann nach Erkenntnissen von Schankin auch von Antidepressiva ausgelöst werden (Mirtazapin gehört zur Klasse der sogennanten NaSSA - wirkt demnach an serotonergen und noradrenergen Neuronen).

Doch es bleibt die große Frage: Hätte einer der Ärzte wissen können oder sollen, dass eine Erhöhung der Antidepressiva-Dosierung ein Hinweis auf einen bevorstehenden Suizidversuch sein kann?

14 Tage nach der Verdoppelung der Mirtazapin-Dosis hat sich das Unglück ereignet.

Und auch nach diesem schrecklichen Ereignis mit 150 Toten informieren Ärzte Patienten und deren Angehörige nicht darüber, welche Risiken und Gefahren auftreten können, wenn Betroffene die Dosis ihres Antidepressivums stark erhöhen.

Zusammenarbeit: Danke an Murmeline vom ADFD

P. S. Update März 2016. Der Abschlussbericht der französischen Flugaufsichtsbehörde enthüllt: Lubitz hatte zusätzlich das SSRI Escitalopram im Körper.
Update März 2016
Lubitz nahm das
SSRI Escitalopram