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Die Redakteurin Lütke Hockenbeck berichtet im Wochenblatt für Landwirtschaft über die "Zukunft der Antidepressiva" Tagung von 2017 in Herford:

tagung herford

Lindern ohne zu schaden

Depressionen können einem Menschen das Leben schwer machen und Hilfe tut Not. In vielen Fällen sollen Pillen aus dem Gefühlstief helfen. Häufig werden Medikamente der neuen Generation, die sogenannten Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), verschrieben. Doch ob diese Medikamente immer hilfreich sind, insbesondere in der Dauermedikation, darüber gibt es auch in der Fachwelt unterschiedliche Meinungen.

Kaum besser als Placebos

Einer, der die Verschreibung von Antidepressiva kritisch sieht, ist Dr. Peter Ansari. Der Forscher aus Niedersachsen bemängelt die steigende Verordnungspraxis von Antidepressiva, vor allem die der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SRRI). Sie sollen den Spiegel des Botenstoffs Serotonin im Gehirn erhöhen. Doch ob ein Mangel an Serotonin die Erkrankung überhaupt verursacht, sei umstritten.

Und nicht nur das: Eine im Jahr 2001 von Irving Kirsch veröffentlichte US-Studie zeige, dass Antidepressiva kaum wirkungsvoller als Scheinmedikamente (Placebos) sind. „Nur ein kleiner Effekt war bei schweren Depressionen zu erzielen“, berichtete Dr. Peter Ansari. In der Fachwelt habe das zu heftigen Diskussionen geführt.

Keine Behandlungsstrategie
Häufig würden auch verschiedene Präparate verordnet. Hilft das eine Medikament nicht, werde ein anderes ausprobiert. Doch auch diese Strategie führe oft nicht zur Besserung der Depression wie Ansari anhand einer US-Studie belegte. In dieser Studie STAR*D gingen Forscher der Frage nach, welches der beste Schritt ist, wenn durch die medikamentöse Erstbehandlung keine Besserung erzielt wird. Den Patienten konnten nacheinander mehrere Antidepressiva oder auch zusätzlich andere verabreicht werden. Ziel war es, die Patienten für zwölf Monate symptomfrei zu bekommen.
„Bei 27 % der Patienten konnte nach zwölf Wochen eine Besserung erzielt werden“, berichtete Dr. Peter Ansari. In der Langzeitgruppe, seien von den 1475 Patienten mit guter Besserung aber nur 108 stabil geblieben. Der Rest habe Rückfälle erlitten. „97 Prozent der Patienten wurde mit Antidepressiva nicht geholfen“, sagt der Depressionsforscher.
Aus der Studie habe man auch keine wirksamen Behandlungsstrategien entdecken können. Denn es habe weder eine Rolle gespielt, ob man das Medikament wechselte noch ob man ein zusätzliches verabreichte und wenn ja, auf welches.

Vorsicht Depressionsspirale
Bewiesen sind die vielen möglichen Neben- und Wechselwirkungen der Präparate. „Dazu zählen beispielsweise sexuelle Funktionsstörungen Herzrhythmusstörungen, Veränderungen der Persönlichkeit, Abhängigkeit oder Neigung zum Suizid“, erklärte Dr. Ansari. Das Risiko dafür bestehe schon ab einer Einnahmezeit von sechs Monaten. Patienten liefen Gefahr, in eine Art Depressionsspirale zu gelangen. Gehe es den Patienten unter der Einnahme der Medikamente besser, reduzierten sie diese, was ihren Zustand wieder verschlechtere. Manche Patienten zeigten dann regelrechte Absetzsymptome wie Kopf- oder Muskelschmerzen, Fieber, Schweißausbrüche, aber auch Durchfälle, erhöhte Reizbarkeit und Gewaltneigung, Panikattacken, Schlaflosigkeit sowie selbstverletztendes Verhalten bis zu Selbstmordgedanken. In der Folge nähmen die Patienten die Antidepressiva wieder ein. Ginge es ihnen wieder besser, werde wieder versucht das Medikament abzusetzen. Sein Fazit: „Nur sehr wenige Menschen profitieren von einer Behandlung mit Antidepressiva. Und wer sie einnimmt, wird unter Nebenwirkungen leiden und besitzt ein stark erhöhtes Risiko, eine körperliche Abhängigkeit zu entwickeln.“

Was sind... ?
Antidepressiva sind Medikamente zur Behandlung von Depressionen. Am häufigsten werden die sogenannten Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) angewendet. Zu ihnen zählen beispielsweise Fluvoxamin, Fluoxetin, Citalopram, Escitalopram, Sertalin und Paroxetin. Die Medikamente nehmen im Gehirn Einfluss auf Prozesse, die für die Wiederaufnahme des Botenstoffes Serotonin zuständig sind, sodass sich die Konzentration von Serotonin in der Gewebsflüssigkeit des Gehirns erhöht. Das ist gewollt, weil man seit den 1960er Jahren annimmt, dass ein Serotoninmangel im Hirn zu Depressionen führt. Doch es gibt Forscher, die an dieser Annahme und damit auch an der Wirksamkeit der SSRI zweifeln.

Studien geschönt
Prominenter Referent der Tagung war David Healy, Professor für Psychiatrie aus Großbritannien. Er gilt als Kritiker der Pharmaindustrie und machte deutlich, mit welchen Mitteln Hersteller Arzneimittelstudien schönen und Einfluss auf die Ärzteschaft nehmen. Auf der Tagung berichtete er unter anderem über die Studie 329, die in Nordamerika Ende der 90er-Jahre durchführt wurde. In der Studie sollte die Wirksamkeit des damals noch neuen SSRI Paroxetin bei der Behandlung von 12- bis 18-Jährigen mit einer depressiven Hauptstörung untersucht und die Effektivität mit einem älteren Antidepressiva und einen Placebo verglichen werden. Das Ergebnis der Studie blieb hinter der Erwartung des Herstellers SmithKline Beecham zurück. Bei einigen Patienten war es sogar zu einer Verschlimmerung der Erkrankung, Selbstmordabsichten oder aggressivem Verhalten gekommen. In einer späteren Veröffentlichung und Werbemaßnahme wurden die Ergebnisse der Studie geschönt dargestellt und Paroxetin als „im allgemeinen gut verträglich und wirksam“ bezeichnet. Der Hersteller musste 3 Mrd. US-Doller an Strafgeldern zahlen.

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