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Antidepressiva in der Klinik – Wo ist der wiss. Beweis?

Depressiver Patient in einer Klinik

Patienten mit leichten und mittelschweren Depressionen profitieren nicht von der Behandlung mit Antidepressiva. Dieses Wissen findet sich in der Leitlinie Unipolare Depression und auch in den Empfehlungen des britischen NICE Institut, das Behandlungsempfehlungen ausspricht.
Doch wie sieht die wissenschaftliche Beweislage bei schweren Depressionen in der Klinik aus? Gibt es für diese Patienten bessere Daten?

Depressiver Patient in einer Klinik

Ein depressiver Patient in der Klinik erhält in den meisten Fällen Mirtazapin oder Citalopram. Das erscheint nicht sinnvoll. Es ist vergessen worden, dass in den Zulassungsstudien die Medikamente bei genau solchen Patienten keinen Beweis für eine Wirksamkeit lieferten.

Wie sieht die wissenschaftliche Beweislage bei schwer depressiven Patienten in der Klinik aus? Gibt es wissenschaftliche Daten, die eine Wirksamkeit von Antidepressiva bei diesen Patienten nahelegen? Oder anders gefragt: Ist die Behandlung mit Citalopram oder Mirtazapin evidenzbasiert?

Auf jeden Fall findet eine solche Behandlung statt: Nahezu jeder Patient, der mit schweren Depressionen stationär in eine Klinik aufgenommen wird, erhält antidepressive Medikamente. In den meisten Fällen ist das entweder Mirtazapin oder Citalopram. Häufig wird auch eine Kombination verordnet.

Doch auf welcher Grundlage grundlage werden diese Medikamente verabreicht? Existieren belastbare Daten?

Nein, die gibt es nicht. Es gibt keine zuverlässigen evidenzbasierten Daten für eine gute Wirkung auf Depressionen (Link).

Das ist erstaunlich, da in der heutigen Medizin Medikamente eigentlich nur empfohlen werden, wenn sie in wissenschaftlichen Studien einen Nutzen gezeigt haben. Das nennt sich Evidenz basierte Medizin (EBM). Aber bei Antidepressiva gibt es ein Problem.

Einen solchen Nutzen konnten nahezu alle neuen Antidepressiva in den Zulassungsstudien nicht zeigen. Deswegen sind fast alle Medikamente beim ersten Mal durch die Zulassungsprüfung gefallen. Prozac (Fluoxetin) ist in Deutschland sogar gleich zweimal durch die Zulassungsprüfung gefallen.

Citalopram benötigte 15 Jahre, um in den USA zugelassen zu werden, die Begründung klingt haarsträubend: „Es ist zwar schwierig, die klinische Signifikanz dieses Ergebnisses zu beurteilen, aber ähnliche Ergebnisse für andere SSRIs und andere kürzlich zugelassene Antidepressiva galten als ausreichend für deren Zulassung“ (Unglück auf Rezept, S. 130).

Alle SSRI-Antidepressiva hatten in den Zulassungsstudien ein Problem: Sie wirkten bei Klinik-Patienten mit schweren Depressionen, nicht besser als Placebo. Viele Gutachter stellten damals den Sinn der gesamten Antidepressiva-Klasse in Frage.

Sie fragten: Wieso lässt man Medikamente zu, die bei den besonders schwer Betroffenen keine Wirkung zeigen? Einige Psychiater hielten es für unseriös Medikamente gegen Depressionen zu zulassen, die nur bei Menschen wirkten, die sich zuhause behandeln ließen (also von einem niedergelassenen Psychiater). Ihrer Ansicht nach sollten für die Zulassung von Antidepressiva ausschließlich Besserungen bei Patienten dokumentiert sein, die sich zur Behandlung in ein Krankenhaus begeben hatten. Denn nur bei diesen Patienten war ihrer Ansicht nach die Diagnose Depression unstrittig. Doch bei genau diesen Patienten versagten alle neuen Mittel.

Doch in der heutigen Zeit werden genau diese Mittel, die bei den Tests in den Kliniken versagt hatten, in den psychiatrischen Kliniken eingesetzt. Das Ergebnis ist bekannt. Viel zu selten tritt eine Wirkung ein.

Heute hat man vergessen, dass die neuen antidepressiven Substanzen, die ab 1990 in Deutschland zugelassen wurden (Fluoxetin: 1990; Citalopram: 1996; Mirtazapin: 1996) in den klinischen Studien bei depressiven Patienten immer schlechter abgeschnitten hatten, als die alten Antidepressiva Imipramin (Zulassung: 1958) und Amitriptylin (Zulassung: 1962).

Aber warum wehrt sich niemand gegen diese aktuelle Medikationspraxis in den Kliniken.

Soll man vielleicht glauben, die neuen Antidepressiva hätten in späteren Studien eine bessere Wirksamkeit erzielt?

Wer so argumentiert, unterschlägt die heute bekannten Täuschungen und Datenmanipulationen in den Auftragsstudien der Pharmaindustrie. Wir erinnern in diesem Zusammenhang an Erick Turners Arbeit, die bereits 2008 im NEJM erschienen (Link). Turner deckte darin auf, dass von 74 Antidepressiva-Studien nur 37 ein positives Ergebnis hatten und publiziert wurden, wodurch für wissenschaftlich interessierte Ärzte der Eindruck entstand 94 Prozent der Antidepressiva-Studien wären positiv ausgegangen, obwohl es tatsächlich nur 51 Prozent waren. An der Verschreibungshäufigkeit hat sich durch diese Entdeckung aber nichts geändert.

Es ist ein großer Schaden für Patienten, dass die verantwortlichen Wissenschaftler, die Behandlungsleitlinien erstellen, weiterhin ihre Empfehlungen auf Basis von gefälschten Studien erstellen. Im Literaturverzeichnis der S3-Leitlinie unipolare Depression tümmeln sich die Namen von Forschern, die mittlerweile als korrupt gelten, sowie Studien, deren Hauptautoren Angestellter einer Pharmafirma waren.

Jedoch sind mittlerweile nicht nur die alten Daten problematisch, auch bei neueren Arbeiten muss man skeptisch sein, da es sich bei ihnen meist um Meta-Studien handelt, die auf den alten, verzerrten Studien basieren.

Man fragt sich: Glauben diese Forscher, man muss nur genügend gefälschte Daten zusammenrechnen, um eine aussagekräftige Wahrheit zu erhalten?

Gibt es überhaupt einen Ausweg?

Ja natürlich! In Deutschland werden jedes Jahr zehntausende Patienten in Kliniken wegen Depressionen stationär aufgenommen und behandelt. Warum wertet niemand diese Daten aus und veröffentlicht sie?

Liebe Forscher, wacht auf: Die Wahrheit findet ihr nicht bei PUBMED. Da findet ihr zum Großteil manipulierte Daten! Die Wahrheit findet ihr in den Patientendaten. Sucht danach: Was hat geholfen, was hat häufig Rückfälle verursacht, welche Alternative, welche sozialpsychiatrischen Maßnahmen waren effizient? Das sollte dann veröffentlicht werden.

Zählt eure eigenen Patienten und lasst euch keinen Bären aufbinden.

Depression-Heute: Es wäre nicht das erste Mal, dass eine solche Auswertung zeigt, wie wenig hilfreich eine antidepressive Medikation ist. Bereits die Auswertung von 524 dokumentierten stationären Aufenthalten von depressiven Patienten zeigte, dass Antidepressiva nicht besser wirkten, als die alternativ eingesetzten Methoden an deutschen Krankenhäusern (Doktorarbeit von Ansari): Der Einsatz von Antidepressiva verkürzte nicht die Behandlungsdauer und verbesserte nicht das Behandlungsergebnis. Ob sich daran etwas geändert hat? Aber interessanter ist allemal, welche anderen Methoden – gerade auch langfristig geholfen haben, Rückfälle zu vermeiden. Denn wir benötigen dringend eine öffentliche Diskussion über Alternativen.

Über den Autor

Dr. Peter Ansari

Autor und Depressionsforscher

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