Antidepressiva für meine Mutter
Von Stefan Baur
Die Geschichte meiner Mutter begann vor rund dreißig Jahren, kurz nach meiner Geburt. Damals entwickelte sie eine schwere Depression und wurde in die Psychiatrie nach München-Haar eingewiesen. Dort erhielt sie zum ersten Mal Antidepressiva – Escitalopram –, das sie fast 27 Jahre lang einnahm.
Im Jahr 2023 verlor sie ihren Arbeitsplatz. Im November desselben Jahres starb ihr Vater. Bereits im Oktober hatte sich ihr Zustand deutlich verschlechtert, und wir entschieden, sie in die psychiatrische Klinik nach Garmisch zu bringen. Wir hofften, dort könne man ihr helfen.
In den folgenden Monaten wechselte sie zwischen Klinik und Zuhause. Die Ärzte probierten unterschiedliche Medikamente aus, doch ihr Zustand besserte sich nicht. Im Gegenteil – er verschlechterte sich weiter.
Trotzdem versuchte meine Mutter, ins Arbeitsleben zurückzufinden. Als sie am 13. Mai 2024 eine neue Stelle antrat, waren wir überrascht, wie gefasst und heiter sie wirkte. Es schien, als hätte sie die Depression überwunden. Zwei Tage später, am 15. Mai, meldete sie sich nach einem Fahrradunfall krank. Noch am selben Vormittag unternahm sie einen Suizidversuch. Ich fand sie blutüberströmt im Schlafzimmer, hielt sie im Arm, bis die Rettung kam, und versuchte, die Blutung zu stillen.
Sie wurde erneut nach Garmisch gebracht. Dort erhielt sie verschiedene Behandlungen, unter anderem Ketamin und mehrere Antidepressiva. Als im Dezember 2024 eine Magnetfeldtherapie begann, verschlechterte sich ihr Zustand weiter. Dennoch erklärten die Ärzte, sie mache Fortschritte. Das Gegenteil war der Fall: Sie stand kaum noch auf und nahm nur wenig Nahrung zu sich. Ich schaltete einen Anwalt ein, doch er konnte oder wollte nicht helfen.
Anfang Februar 2025 wurde meine Mutter nach München in die Klinik in der Nussbaumstraße verlegt. Dort erhielt sie weiterhin Aripiprazol und zusätzlich Doxepin. Außerdem wurde eine Elektrokonvulsionstherapie durchgeführt. Danach war sie stark verwirrt, doch die Depression schien vorübergehend abgeschwächt. Später erfuhr ich, dass diese Besserung vermutlich auf eine Hirnschädigung zurückzuführen war.
Ende April 2025 durfte meine Mutter nach Hause zurückkehren. Seitdem schleichen wir die Medikamente langsam aus und suchen nach einer geeigneten Psychotherapie. Es geht ihr meist nicht gut, und ich kümmere mich täglich um sie. Ob sie jemals wieder vollständig gesund wird und ohne Medikamente leben kann, weiß ich nicht.


