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Es gibt keine Genetik der Depression

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Manchmal veröffentlichen Forscher Nachrichten, die unmissverständlich aussagen, dass es so nicht weiter gehen kann. Aktuell haben Wissenschaftler um Matthew C. Keller von der Universität Colorado bewiesen, dass der ganze Hype um Depressionsgene und mögliche pharmazeutische Wirkstoffen, die daraus entwickelt werden könnten – nicht mal die Spur einer wissenschaftlichen Grundlage hat.

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Die aufseheneregende Arbeit ist im American Journal of Psychiatry veröffentlicht worden und das Fazit lautet:

Zur Studie
im AJP 2019

„Die Studie kann die Ergebnisse von vorherigen Untersuchungen, bei denen bedeutende genetische Effekte entdeckt wurden, nicht bestätigen. Stattdessen weisen die hier gefundenen Ergebnisse daraufhin, dass vorherige Hypothesen über Depressionskandidatengene falsch waren und dass die hohe Anzahl an möglichen Verbindungen vermutlich auf falschpositive Ergebnisse zurückzuführen sind.“ – eine schönere Formulierung für nutzlose Forschung an Schmutz/Artefakten gibt es nicht.

Und dann kommt die ganze Liste der Kandidaten-Gene: COMT, MAOA, BDNF, DRD2, SLC63A, SLC6A4, (alles was Rang und Namen hat) bis hin zu ABCB1 (aber den Test gibt es natürlich auch in vielen Jahren noch!) – alle diese Kandidaten sind deutlich unterhalb des signifikanten Bereichs angesiedelt (siehe Abbildung).

Man könnte sich Fragen, warum nicht schon vorher Forscher diesen so einfachen und kostengünstigen Test gemacht haben. … . Er ist nicht einmal besonders kompliziert. Die Forscher aus Colorado haben die 18 Kandidatengene über eine genetische Datenbank mit 115.257 menschlichen Genomen gejagt und geprüft: Gibt es eine Verbindung zwischen diesen Genen und dem Auftreten von Depressionen? Die Antwort ist: Nein! Es gibt keine Verbindung.

Dabei hatten wir doch über viele Jahre ganz andere Ergebnisse von unseren meinungsbildenden Forscher gehört:

Auszug aus einer
Pressemitteilung des MPI:

„Die Möglichkeit genetisch bedingte Funktionsänderungen in Nervenzellen gezielt durch Medikamente korrigieren zu können, ist ein Neubeginn in der Depressionstherapie. Wir haben dank der humangenetischen Befunde einen völlig neuartigen Wirkmechanismus für die nächste Generation der Antidepressiva entdeckt. Diese werden vor allem schneller klinisch wirksam sein als die jetzt verfügbaren Medikamente.“ Florian Holsboer

PM Magazin 02/2019 (S.56f)
Auf den Spuren des Wahns:

„Die Psychiatrie durchläuft spannende Zeiten, in denen das Verständnis von seelischen Leiden neu definiert wird, nicht nur nach Symptomen, sondern auch nach biologischen Ursachen. … arbeiten Forscher an Gentests, um zumindest die Wirksamkeit der vorhandenen Medikamente für Patienten individuell im Vorfeld zu klären. … Antidepressiva … im Grunde geht es darum, den Stoffwechsel der Nervenbotenstoffe Serotonin und Noradrenalin in Balance zu halten.“ [Anmerkung PA: Aber tatsächlich gibt es überhaupt keinen Test, der ein Medikament empfehlen kann und auch für Patienten, die ein sehr auffälliges Profil der Nervenbotenstoffe aufweisen, gibt es keine Medikamentenempfehlung. Es gibt nur: Heiße Luft.]

Über viele Jahre haben die psychiatrischen Institute viel Geld vom Steuerzahler erhalten, um an diesen 18 Depressionsgenen zu forschen. Wichtige Erkenntnisse sollten daraus abgeleitet werden, für die Depressionsbekämpfung  – und jetzt stellt sich heraus: Diese gesamte genetische molekularbiologische Forschung an Depressionsgenen ist nichts anderes, als eine überteuerte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Da konnte gar nichts herauskommen.

Das kann nicht ohne Konsequenzen bleiben und muss zu einer Veränderung führen. Angesichts einer Null-Wissenschaft mit ewigen Versprechungen in die Zukunft aber stets ohne Ergebnisse – sollte jetzt wirklich mal Schluss sein. Das Geld, das zuvor die genetisch forschende Psychiatrie-Forschung erhalten hat, sollte an andere, therapeutisch bedeutsamere Einrichtungen vergeben werden.

Tatsächlich steht das sogar wörtlich in dem Artikel: „In agreement with the recent recommendations of the National Institute of Mental Health Council Workgroup on Genomics [Link], we conclude that it is time for depression research to abandon historical candidate gene and candidate gene-by-environment interaction hypotheses„. (S. 11)

Aber wird das passieren? Nein, das wird nicht passieren. Hier in Deutschland werden wir von diesen Erkenntnissen zuverlässig verschont bleiben. Das könnte sonst zu Beunruhigungen und Autoritätsverlusten führen.

Dabei erinnern wir gerne an die Imagekampagnen der Deutschen Depressionshilfe, die von großzügigen Sponsoren wie der Bahn und vielen anderen unterstützt wurden. Darin hieß es stets: „Depressionen hat auch immer biologische Ursachen“ „man darf die Rolle der Genetik nicht unterschätzen“ – oder grob gesprochen: Ihr seid das dumme Volk und versteht gar nicht, was wir, die wichtigen Experten, besprechen und erforschen – aber ihr dürft es natürlich bezahlen. – So sprachen auch im Märchen von Hans Christian Andersen die Schneider des Kaisers: „Ihr wisst gar nicht, welch feine Stoffe, wir in die Kleidung des Kaisers verweben – nur wer seine Arbeit richtig macht, kann das verstehen oder sehen.“ Erst als ein Kind rief: Aber der Kaiser ist ja nackt! Erst dann begriff das Volk, dass es an der Nase herumgeführt wurde.

Die aktuelle Frage ist: Wird das Volk diesmal erkennen, dass die universitäre Psychiatrie Depressionspatienten falsche Hoffnungen und Versprechungen gemacht hat und die ganze Zeit an einer falschen Stelle nach einer Hilfe gesucht hat – obwohl eigentlich schon sehr lange bekannt ist, dass von dort gar keine Hilfe kommen kann?

Depression-Heute: Könnte es sein, dass die Menschen jetzt beginnen selber zu denken und die Autorität und die Kompetenz der Psychiatrie-Uniklinikdirektoren infrage stellen?

Nein, keine Sorge, dazu müsste diese Nachricht verbreitet werden, aber das wird nicht passieren. Unsere Leitmedien verbreiten lieber andere Nachrichten, zum Beispiel, dass man sich durch eine spezielle Ernährung nicht vor Depressionen schützen kann: die MooDFOOD-Studie – das ist natürlich vollkommen uninteressant und auch nicht überraschend

Obwohl in der Pressemitteilung zu lesen ist: „Diese Ergebnisse sind für die Millionen depressiv Erkrankter und auch die Allgemeinbevölkerung in Deutschland bedeutsam“.

denn zum Glück sind diese Art von Nachricht über Essen und Nahrungsmittelzusätze für die öffentliche Ordnung vollkommen ungefährlich / interessanter wäre es, wenn man berichten würde, dass eine dauerhafte antidepressive Medikation ebenso wenig vor einer Depression schützen kann / oder dass eine dauerhafte, jahrelange antidepressive Medikation die Wahrscheinlichkeit einer späteren Depression sogar begünstigt … aber da weiß man ja schon jetzt, dass solche Nachrichten für die fünf Millionen Depressionspatienten in Deutschland nicht bedeutsam sind.

 

Über den Autor

Dr. Peter Ansari

Autor und Depressionsforscher

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