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Rezension: Berührung von Müller-Oerlinghausen und Kiebgis

beruehrung mueller-oerlinghausen kiebgis

Wie kann man helfen, wenn jemand unter depressiven Verstimmungen leidet, aber gegenüber Tabletten kritisch eingestellt ist? Gibt es da nichts außer Sport und Psychotherapie?

Eine sehr einfache und wirksame Methode ist die Massage. In dem Buch „Berührung – Warum wir sie brauchen und wie sie uns heilt“ haben der Berliner Charité Arzt Müller-Oerlinghausen und die Körpertherapeutin Gabriele Mariell Kiebgis ihre Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis zusammengefügt. Herausgekommen ist ein tiefsinniges Buch, das den Spagat zwischen theoretischer Unterfütterung und praktischer Anleitung wagt.

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Bruno Müller-Oerlinghausen schreibt über die vergessene Wirksamkeit von Massage und von Berührungen. Demnach ist „Massage – die älteste Heilmethode“ (S. 90) und natürlich werden dabei auch „Studien zur antidepressiven Wirksamkeit von Massage“ miteinbezogen (S.138 und S. 160). Doch sein Text geht über die rein körperlichen Aspekte hinaus. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ärzten hat Müller-Oerlinghausen keine Angst vor wissenschaftsfernen Stimmen und es gelingt ihm diese Stimmen in ein persönliches, erweitertes Konzept von Berührung, Massage und Heilung einzubinden.

Daher finden sich in diesem Werk nicht nur Aussagen von Ärzten und Hirnforschern, sondern auch Zitate aus dem Alten und Neuen Testament, von Philosophen und auch von spirituellen Lehrern wie Osho, sowie ausführliche Erläuterungen des Tantras. Ein ganzes Kapitel widmet sich der Bedeutung von Berührungen in unterschiedlichen Kulturen und Religionen. Solche großen Bögen, Brückenschläge und Überblicke findet man sonst nicht in medizinischen Ratgebern.

Den praktischen Teil hat die Masseurin und Körpertherapeutin Gabrielle Mariell Kiebgis verfasst, aber dennoch kann man diesem Werk keine klassische Zweiteilung attestieren. Es ist ein Gemeinschaftswerk und die Autoren kennzeichnen die Texte nicht individuell. Das gilt sogar für das zentrale Konzept des Buches, der „Berührungspyramide“ (S. 88), die auf sechs Ebenen die Intention und Bedeutung der unterschiedlichen Berührungen veranschaulicht.

Das Buch ist kein rein theoretisches Lehrwerk, sondern es finden sich zahlreiche Übungen für die Eigen- und die Fremdberührung. Die Anwendung dieser Techniken wird mit der Geschichte des Pärchens Noah und Maria illustriert, das sich vielen unterschiedlichen Berührungstechniken unterzieht, zu denen auch ungewohnte Methoden, wie zum Beispiel der Tango Argentino, Paar-Wellness und vieles mehr gehört.

In diesem mutigen Buch wird nichts ausgelassen, was mit Berührung zu tun hat. Mithilfe von Interviews und detailreichen Ausführungen werden der erotischen Massage mehrere Kapitel gewidmet. Abgerundet wird das Werk von einem sehr umfangreichem Quellenverzeichnis, einem Glossar und praktischen Hinweisen, mit denen Qualitätsmerkmale von Massagen und Körperbehandlungen erkannt werden können.

Unter den vielen Neuerscheinungen stellt das Buch einen Lichtblick dar. Es kombiniert die Weisheit eines Medizinprofessors mit den praktischen Erfahrungen einer Körpertherapeutin. Daraus ist ein neuartiges Verständnis von Berührung entstanden, das für medizinische Zwecke genutzt werden kann, dass aber gleichzeitig eine Aussage über unser menschliches Zusammenleben macht.

Berührungen verändern unser Zusammenleben. Das Buch erklärt uns, wie wir Berührungen gestaltend einsetzen können.

Bruno Müller-Oerlinghausen, Gabriele Mariell Kiebgis
Berührung – Warum wir sie brauchen, und wie sie uns heilt
Hardcover
288 Seiten
€ 18,00

 
 
 
 

Über den Autor

Dr. Peter Ansari

Autor und Depressionsforscher

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